Arzt an Bord

Zu Risiken und Nebenwirkungen…..

Diagnoserätsel: Ergebnis eines Sturzes

8 Kommentare

Ein 53 jähriger Mann wird vom Helikopter in die Notaufnahme gebracht. Er war beim Entladen eines LKWs durch losgelöste Ladung von einer Laderampe 4 Meter in die Tiefe gestürzt worden und dort auf hartem Beton aufgekommen. Auf der Notaufnahme wird im Schockraum ein Ganzkörper-CT durchgeführt, um alle Verletzungen schnell und auf einen Blick feststellen zu können und entsprechend einen Behandlungsplan zu konzipieren. Unter anderem zeigt sich folgende Aufnahme:

Heute denken wir in unserem Diagnoserätsel mal „um die Ecke“ und wollen von euch nicht wissen, was ihr seht, sondern was ihr daraus folgert:

Nun dürft ihr euch Gedanken machen und dann auf „Weiterlesen“ klicken und nach unten scrollen, um die Auflösung zu lesen! 

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Was euch bei der gezeigten CT-Aufnahme vielleicht noch weiterhelfen hätte können, ist folgende Aufnahme:

Beim Durchscrollen in Richtung Rücken erscheint mittig der erste Anschnitt der Wirbelkörper der Wirbelsäule. Wir befinden uns auf Höhe des Beckens, sehen die beiden Oberschenkelknochen links und rechts angeschnitten, ebenso die beiden Beckenschaufeln. Im Seitenvergleich deutlich erkennbar ist eine Zertrümmerung der Pfanne des linken Hüftgelenks (auf dem Bild rechts am sichtbar runden Hüftkopf, beim Patienten deswegen also das linke Hüftgelenk). Die Spalten des Bruchs reichen bis in die Gelenkpfanne, die ihre schöne und glatte halbrunde Form (vergleiche Gegenseite) verloren hat – das Gelenk ist also mitbeteiligt!

Um eine bessere präoperative Planung zu erreichen, wird automatisch vom Rechner aus den radiologischen Schichtaufnahmen eine 3D-Rekonstruktion berechnet, die ich euch u.a. hier das erste Mal vorgestellt hatte. Die Bilder des Bruches sahen für unseren Patienten wie folgt aus:

Blick von schräg oben ins Becken,
sichtbar sind die Bruchspalten der
linken Beckenhälfte
Blick von schräg unten in die linke Pfanne
des Hüftgelenks (der Oberschenkel-
knochen ist nicht dargestellt), deutlich
sichtbar sind die Bruchlinien und
-spalten, die die Pfanne zerstückeln
 Blick von seitlich auf das Becken  Blick von seitlich in die Pfanne (Acetabulum)
des Hüftgelenks, man erkennt einen großen
knöchernen Defekt mit fehlendem Knochen
in der Pfanne

Der Radiologe befundete die Aufnahmen so (Achtung Fachchinesisch, Acetabulum = Hüftgelenkspfanne, disloziert = von seinem Ursprungsort verrutscht, mehrfragmentär = mehrere Knochenteile):

Mehrfragmentäre linksseitige Beckenfraktur mit:

– Mehrfragmentärer Azetabulumfraktur mit Beteiligung des vorderen und hinteren Pfeilers,
– dislozierter mehrfragmentärer Beckenschaufelfraktur mit mehreren in die Weichteile dislozierten Fragmenten (bis 3cm)
– mehrfragmentärer acetabulumnaher Schambeinastfraktur
– nicht wesentlich dislozierter in die Symphyse einstrahlender Schambeinfraktur
– sowie mehrfragmentäre dislozierte untere Schambeinastfraktur.

Auch wenn man nicht alle Fachausdrücke kennt und weiß, was sie bedeuten – ich glaube es wird klar, dass bei diesem Becken einiges kaputt gegangen ist.

Der Patient wurde umgehend operativ versorgt und das Becken sah nach dem Eingriff so aus:

6 Monate postoperativ ist er mit Entlastung des linken Beines durch einen Achselstütze wieder mobil, bekommt intensiv Physiotherapie und hat keine Schmerzen mehr im Bereich des Beckens. Arbeitsfähig ist er derzeit noch nicht, wird aber ab dem 7. Monat postoperativ langsam eine Wiedereingliederung wagen. Wir freuen uns über einen sehr guten Verlauf bei diesem sehr komplizierten Bruch.

Und ihr seid auf die Auflösung der Abstimmung gespannt? Richtig ist die Antwort: es besteht die Gefahr der Entwicklung einer späteren Hüftgelenksarthrose. Durch die schwere Verletzung der Pfanne des Hüftgelenkes ist dort u.a. auch der Knorpelüberzug defekt und nicht mehr so schön glatt wie vor dem Unfall. Kaputter Knorpel bewirkt mehr Reibungskräfte und kein „Rundlaufen“ der Gelenkspartner. Wie Autofahren auf Reifen, die fast keine Luft in sich haben. Daher besteht eine deutlich erhöhte Gefahr, dass sich das Gelenk frühzeitig abnutzen wird und der Patient eine Hüftprothese benötigt.

Richtig geraten?

Orthopaedix

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Autor: Orthopaedix

bones and pain

8 Kommentare zu “Diagnoserätsel: Ergebnis eines Sturzes

  1. Ich hab nicht geraten, da ich zu überfragt war. 😉
    Aber jemand, der am 14.09.1953 geboren ist, wird am 13. Februar 2013 nicht mehr 53 Jahre alt gewesen sein. ;-))
    In Zukunft die Geburtstage schwärzen, ja?

  2. Danke für die anschauliche Darstellung. Mich würde interessieren, wie der Patient präklinisch versorgt war.

    Gruß

    • tut mir leid, mit diesen Infos kann ich leider nicht dienen, da ich den patienten erst in der Sprechstunde gesehen habe und die initiale Versorgung nicht in der Krankenakte nachgeschlagen hatte. Ich merk mirs fürs nächste Mal 😉

  3. Wahnsinn, was müssen das für Schmerzen gewesen sein!

    Kann der Mensch die Metallteile von außen tasten? Der sieht so dünn aus auf den Bildern und dadurch, als ob oben am Beckenkamm die Schrauben wirklich unmittelbar unter der Haut liegen.

    Grüße

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