Arzt an Bord

Zu Risiken und Nebenwirkungen…..

Wachstumslenkung – begeisternde Technik

6 Kommentare

Heute möchte ich euch von einer Operation berichten, bei der ich vor einiger Zeit zusehen konnte. Die Patientin, die vom Wirbelsäulenteam operiert werden sollte, war 10 Jahre alt, ungewöhnlich, dass in diesem Alter bereits Operationen an der Wirbelsäule durchgeführt würden – und doch, es gibt ein paar Indikationen, die eine solche OP nötig machen, u.a. eine extreme Skoliose. Skoliose bedeutet eine Seitabweichung und Verdrehung der Wirbelkörper und damit einhergehende typische Zeichen wie Schulterschiefstand, unterschiedlich große Taillendreiecke zwischen Taille/Arme/Rumpf sowie einem Rippenbuckel beim Vornüberbeugen. Ursachen und Therapie der Skoliose möchte ich in diesem Eintrag nicht weiter ausführen, es gibt zahlreiche Gründe, bei unserer kleinen Patientin war es das sog. „Noonan-Syndrom„. Dies ist ein Syndrom, das auch als „Pseudo-Ulrich-Turner-Syndrom“ bekannt ist (weil es im Gegensatz zum Turner-Syndrom keine Besonderheiten bei den Chromosomen aufweist, aber ähnliche Symptome zeigt). Im Rahmen dieses Syndrom kommt es bei den Betroffenen zu diversen Fehlbildungen innerer Organe (u.a. Herzfehlern), zu einem typischen äußeren Aussehen und eben auch zu Skoliosen.

präoperatives Radioorthogramm der Wirbelsäule der Patientin mit sichtbarer Skoliosenkrümmung im Brustwirbelsäulenbereich

Unsere Patientin wurde im Kinderspital untersucht und mit den Eltern wurde bei einem großen Ausmaß der Skoliose die Therapie diskutiert. Man kann bei geringem Ausmaß eine Korsettbehandlung versuchen, die bei unserer Patientin aber keinen Erfolg brachte (vielmehr verschlimmerte sich die Verbiegung zunehmend), sodass man schließlich bei einem sog. Cobb-Winkel für 67° zur operativen Therapie überging. Der Cobb-Winkel ist ein Maß, das angewandt wird, um die Ausmaße der Seitverbiegung objektiv zu machen und messbar zu machen – dazu fertigt man ein Röntgenbild der Wirbelsäule an und misst dann am sog. Neutralwirbel ober- und unterhalb der Biegung deren Winkel zueinander. Je nach Cobb-Winkel kann man dann eine Therapie mit entsprechender Erfolgsaussicht wählen.

Das Problem und gleichzeitig die Indikation zur OP bei unserer Patientin war neben der ästhetischen Seite, dass Skoliosen in solchem Ausmaß oft zu Schmerzen führen können, schneller Abnutzung der Wirbelkörper und Bandscheiben nach sich ziehen und, da sie im Wachstumsalter auftreten, das Wachstum von Brustkorb und Lungenvolumen beeinträchtigen. Deswegen entschied man sich zur OP.

Da eine solche OP nicht sehr häufig durchgeführt wird, wollte ich sie mir unbedingt ansehen und gesellte  mich als Zuschauer in den Saal – auch wenn ich gar nicht mehr im Wirbelsäulenteam war, sondern inzwischen zu den Schulterspezialisten rotiert war.

In dieser OP wurde der wahre Wortsinn des Fachgebietes „Orthopädie“ umgesetzt:

Die Bezeichnung Orthopädie wurde 1741 von Nicolas Andry de Boisregard, einem Kinderarzt in Paris, erstmals verwendet. Das Wort setzt sich aus zwei griechischen Wörtern zusammen, und zwar „orthos“ (gerade) und „paidion“ (das Kind), bedeutet also etwa so viel wie „Kinder gerade machen“. Andry hat in seinem Werk „L’orthopédie ou l’art de prévenir et de corriger dans les enfants, les difformités du corps“ vor allem die Vermeidung von Spätfolgen nach Haltungsschäden von Kindern im Auge gehabt und empfahl Verkrümmungen der Wirbelsäule und der Beine durch Schienen zu korrigieren. Dieser Vorschlag war revolutionär, denn bis dahin galten „Verkrüppelungen“ gottgegeben und kaum beeinflussbar. 

Quelle: wikipedia

Mit ein wenig Verzögerung durch die Anästhesie begann der Eingriff, ungewohnt kleine Patientin, der OP-Tisch sehr groß, eigentlich ist man das anders gewohnt. Im Saal neben den Operateuren ein Team zum sog. Neuromonitoring, d.h. zur Kontrolle, ob mit den Schrauben, die am Rücken eingebracht werden würden, nicht auch Rückenmark oder Nerven verletzt würden. Dazu werden Elektroden an definierten Messpunkten am Körper angebracht und immer wieder stimuliert und die Laufzeiten der Stromstöße gemessen. Zusätzlich wird nach Einbringen der Schrauben ausgehend von deren Köpfen die Laufzeit bis zu den peripher gelegenen Elektroden gemessen und kontrolliert, dass keine Schraube auf einen Nerv drückt oder verletzten kann. Das Neuromonitoring-Team wurde durch zwei Vertreter der Herstellerfirma ergänzt, zwei weitere Vertreter waren im Saal, um beim Einbau der „revolutionären“ „Stange“ beizustehen. Immerhin war dies erst die dritte OP in der Schweiz, die auf diese Art mit diesem Modell durchgeführt wurde. Weltweit sind 350 Modelle mit sehr gutem Erfolg verbaut worden (das hat mir alles der Firmenvertreter erzählt, nachdem er mich beim Fotografieren der „Stange“ erwischte und skeptisch fragte, für welche Firma oder Klinik ich arbeiten würde und ich ihn darüber aufklärte, dass ich nur interessierter Student sei und ich de Fotos meinen Kollegen zeigen wollte, weil die OP so faszinierend sei)! 

Der Anfang des Eingriffs ähnelt demjenigen, den man bei der dorsalen Versteifungsoperation wählt – Schnitt oberhalb der Fortsätze der Wirbelsäule, die man am Rücken tasten kann, dann Präparieren der Muskulatur und Blick auf die Wirbel, hier einbringen der sog. Pedikelschrauben. Bei der Patientein geschah dies in Höhe der Lendenwirbelsäule (sog. L3 & L4-Wirbelkörper) und auf Brustwirbelsäulenhöhe (Th 4/5).

Nun folgte der Einsatz dieses „Stabes“:

MAGEC(tm)-Modell mit sichtbarem Magnetelement (dick)

Der Stab wird parallel zur Wirbelsäule auf die Schraubenköpfe geschoben und dort fixiert. Mit einem Magneten, den man an den dicken Teil hält und dreht (intraoperativ) bzw. einem externen Werkzeug, das man auf die Haut setzt und in dem ein Magnetfeld erzeugt wird, verlängert bzw. verkürzt sich der Stab. Im dicken Teil ist ein kleiner Motor, der auf die Stimulation durch den externen Magneten an seinem eingebauten Magneten bis zu 5 cm an Länge auseinander fahren kann. Wenn die Patienten also wachsen, können sie alle 3-6 Monate in die Sprechstunde kommen und mit einem außen auf den Körper gehaltenen Magneten kann Millimetergenau die Länge des Stabes in ihrem Rücken dem Wachstum angepasst werden. Dadurch versucht man die Skoliose zu korrigieren bzw. deren Ausmaß nicht schlimmer werden zu lassen. Faszinierende Technologie!

Und das System ist teuer. Ein Stab kostet 20.000 Euro, d.h. weil immer zwei Stäbe eingesetzt werden müssen (einer links, einer rechts der Wirbelsäule) sind in einem Arbeitsgang 40.000 Euro im Rücken der Patientin verschwunden. Mitsamt der OP-Kosten ist da locker ein Mittelklassewagen in 2,5h verbraucht worden. Kein Wunder, dass der Firmenvertreter so scharf darauf war, dass ich nicht von einer externen Firma bin und ihr Produkt klaue. Und kein Wunder, dass alle sehr behutsam mit dem Stab umgingen, denn wenn man ihn erstmal individuell gekürzt hat und dann fallen lässt, ist er unsteril und man hat 20.000 Euro auf dem Boden liegen. Ganz zu schweigen von der dann eventuell kaputt gegangenen Mechanik und Magnete!

Die Firma hat zusätzlich bedacht, dass man eventuell bei zwei Stäben diese individuell einstellen können muss und die Stäbe deswegen gegenläufig zueinander entworfen, d.h. auf einer Seite liegt der Magnet in Richtung Kopf, auf der anderen Seite in Richtung Becken und der Ausfahrmechanismus geht nach oben bzw. unten. Dadurch kann man mit dem externen Werkzeug direkt den gewünschten Magneten ansprechen und kontrollieren. Klasse, sowas muss einem erstmal einfallen – ich war sehr fasziniert!

Wer mehr über die Technik wissen will, findet  hier ein Infovideo (englisch) auf der Herstellerseite von Ellipse Tech: MAGEC ™. Eine Infobroschüre zeigt zusätzlich auch das Handteil, das bei uns im OP kurz benötigt wurde, weil der Operateur mit seinem kleinen Handmagneten zu viele Umdrehungen gemacht hat und deswegen das System blockierte (im externen Gerät wird die Länge etc alles millimetergenau angezeigt, was bei einem Handmagneten natürlich nicht möglich ist).

Nach knapp 2,5h war die Operation beendet, die Patientin hatte lediglich 4 ca 4 cm große Schnitte, zwei oben, zwei unten parallel zur Wirbelsäule und konnte auf die Kinderintensivstation zum Aufwachen verlegt werden. Erstaunlich, was heute alles mit modernen Techniken möglich ist – waren früher bei Skoliose-Korrekturen unzählige Eingriffe nötig, wenn der Patient gewachsen war und die eingelegten Stangen zu kurz wurden!

Genau wegen solchen Dingen mag ich die Orthopädie, weil sie immer wieder neue (wahnwitzige) Erfindungen hervorbringt, die Patienten helfen können und die vom Aspekt der Technik und Erfindung erstaunlich sind und sprachlos machen.

Orthopaedix

P.S.: dieser Artikel soll keine Werbung für den Hersteller oder eine spezielle Firma sein, ich bekomme für diesen Beitrag keine finanziellen Zuwendungen oder Vorteile.

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Autor: Orthopaedix

bones and pain

6 Kommentare zu “Wachstumslenkung – begeisternde Technik

  1. Wie faszinierend, find solche Sachen ja super interessant. Mich würde ein Röntgenbild postoperativ interessieren. 🙂

    • mich auch, aber leider ist die Patientin nach der Behandlung wieder in die Kinderklinik rückverlegt worden und ich kann nicht sehen, ob dort nochmal geröngt wurde. Aber unmittelbar nach dem Eingriff eh nicht (hätte keine Konsequenzen außer unnötiger Strahlenbelastung)… also wohl eher nach 6 Monaten zur Verlaufskontrolle. Und bis dahin werde ich leider nicht mehr hier sein.

  2. Super interessant. Es ist echt Wahnsinn, was heute alles machbar ist. Bei solchen Eindrücken finde ich die Chirurgie bzw,. Orthopädie wieder sehr faszinierend (auch wenn ich nicht mehr Medizin studieren möchte.
    Bleiben die Stäbe eigentlich nun für immer im Rücken oder werden sie irgendwann wieder entfernt?

    • Die Stäbe bleiben bis zum Ende des Wachstums im Rücken (sie sind ja nur endlich ausfahrbar) und werden danach wieder entfernt. Ggf. wird dann eine Spondylodese (Versteifung) der Wirbelsäule vorgenommen (sozusagen ausfahrbare Stangen raus und feste Stange rein).

  3. Aus der Klinikseite http://www.asklepios-kinderklinik.de/fuer-eltern-und-kinder/kinderorthopaedie/schwerpunkte/skoliose.html findet man die verschieden Technicken mit denen Skoliosen bei uns behandelt werden. Ebenso sind vorher/ nachher Bilder zu sehen. Meistens haben wir 1-2 Kinder pro Woche die eine Skoliose-OP bekommen mit unterschiedlichen Technicken.

  4. Lieder übernimmt die Krankenkasse nur 10% der Kosten. Es gibt aber auch billigere Methoden 🙂

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