Arzt an Bord

Zu Risiken und Nebenwirkungen…..

An Leichen lernen

4 Kommentare

„Chirurgie ist ein Handwerk, das man lernen muss“, das sagte mir einmal ein Oberarzt. Und er hat Recht, Chirurgie ist zu weit über die Hälfte nicht nur Theorie, sondern v.a. praktische Fähigkeiten und das Wissen, wann man welchen Schnitt wo einsetzt um zur gewünschten Struktur zu gelangen, wo man auf welche Strukturen aufpassen muss und wann man welchen Nerv oder welche Arterie findet. Wie man Schritt für Schritt sich vorarbeiten muss, an was man im Vorfeld des Eingriffes alles denkt und welche Komplikationen man wie beherrscht. Chirurgie ist in manchen Zügen vergleichbar mit einem Ausbildungsberuf, vielleicht im Fachbereich der Orthopädie mit der Mischung aus Schlosser, KFZ-Mechaniker, Schreiner. Säge, Hämmern, Bohren, Verschrauben, Geräte und Instrumente richtig ein- und ansetzen,… das alles muss erst einmal gelernt sein. Aber auch schon eine kleine Naht, das Annähen einer Drainage, das Unterbinden von Gefäßen, all das hat Handgriffe, die man im Studium eher selten lernt. Denn das ist der Ort für die Theorie, die Praxis muss dann in den Kliniken folgen.

(c) thieme.de

Und so steht der Großteil der jungen und chirurgisch-interessierten Ärzte nach dem erfolgreich abgelegten Abschlussexamen in den Kliniken und in deren OPs und lernt nach 6 Jahren Theorie nun die Praxis. Wie halte ich einen Nadelhalter, wie knote ich mit einer Hand, wo darf ich nicht reinschneiden. Im Studium werden grundlegende Dinge der Anatomie im Rahmen der sog. Präpkurse vermittelt (die leider an immer mehr Unis dem Geldmangel zum Opfer fallen). An meiner Uni fand dieser Kurs im 3. Semester statt, also ziemlich weit am Anfang. Wir präparierten eine Leiche zu 8 von Haut bis Knochen, etappenweise und schichtweise und hatten alle paar Wochen mündliche Prüfungen zu den Präparationsgebieten. Es war eine sehr harte Zeit mit sehr viel Lernaufwand, aber Spaß gemacht hat es trotz allem! Man sah zum ersten Mal in einen Mensch, sah Nerven, Gefäße und Strukturen, Muskeln und Sehnen, Knochen und Bänder – konnte tasten, fühlen und begreifen (und v.a. riechen, was wohl die größte Herausforderung war).

Das dritte Semester ist lange her, die Anatomie saß für die Prüfungen perfekt, aber nach all der Zeit geht doch hier und da mal im Detailreichtum des Studiums ein wenig was verloren…. außerdem spiegelt der Präpkurs nicht die Realität, wie sie im OP stattfindet wider, denn dort wird der Patient (und schon gar keine Leiche) nicht von Kopf bis Fuß gehäutet, großflächig präpariert und die Nerven von Ursprung bis zum Auslaufen in kleinste Äste verfolgt. Stattdessen gibt es Standardzugänge, die man kennen muss, die für bestimmte Indikationen verwendet werden (und die alle Eigennamen tragen, die man dann auch noch gleich lernen darf) und die geübt werden wollen. Aber bitte nicht am Patienten im OP-Saal, dazu kann zu viel schief gehen!

Deswegen gibt es OP-Kurse an Leichen. Freiwilligen Körperspendern, die ihren Körper nach dem Tod der Wissenschaft vermacht haben. Und an denen Studenten die Anatomie lernen oder eben Ärzte die OP-Methoden trainieren, entwickeln und lernen können.

Bei einem solchen OP-Kurs waren wir Unterassistenten vor einiger Zeit. Vom Spital aus wird jeden Monat ein Kursabend an der nahe gelegenen Uniklinik organisiert, zu dem die jungen Assistenzärzte gehen können (die 1000 Franken Kursgebühr werden vom Spital erstattet). Dort lernen die angehenden Fachärzte dann die verschiedenen Zugänge, erst in Theorie am Modell, danach in kleinen Gruppen zu zwei bis vier Ärzten an Leichen. Und wenn man mal „mehr“ aus dem OP-Gebiet sehen will, dann schimpft niemand, wenn der Schnitt 2 cm länger ist als unbedingt nötig oder die „OP-Dauer“ 10min verlängert wird. Und über die Narbe schimpft sowieso kein „Patient“ mehr. Da kann in aller Ruhe geübt werden, Strukturen erfragt und hinterfragt und die Beziehung zueinander dargestellt werden (ohne, dass man dazu einen zu großen Schaden setzen würde).

Der Kursabend war eine sehr tolle Erfahrung für uns Studenten, da wir so das an diesem Abend besprochene Gelenk und seine Anatomie wiederholten konnten und nach dem Präpkurs nochmals die Strukturen in „live“ sehen (wobei sie im Lebenden natürlich ganz anders aussehen als im konservierten Zustand). Erstaunlich, wie man sich nach der langen Zeit manch Struktur doch anders vorstellte, als sie tatsächlich war („ist der Nerv wirklich sooo dick?„). Und die Lage der Strukturen sich gefühlt komplett anders im Körper präsentiert, als man sie sich anhand der Bücher oder der Erinnerung an damals vorgestellt hatte. Auch wenn wir Studenten selbst nicht aktiv werden durften und nur zusahen (bzw. am Ende zunähen, also alles wie im echten OP), allein das Zusehen und manch Erklärung vom Arzt waren schon die Anfahrtswege wert! Ganz zu schweigen von den aufkeimenden Erinnerungen beim Betreten des Präpsaals und dem Geruch, die sofort Erinnerungen an das dritte Semester hervorriefen….

Mal sehen, welche Zugänge wir das nächste Mal miterleben dürfen, die Chance werden wir uns auf keinen Fall entgehen lassen.

Orthopaedix

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Autor: Orthopaedix

bones and pain

4 Kommentare zu “An Leichen lernen

  1. „ist der nerv wirklich sooo dick?“ das war dann wohl eindeutig der ischiadicus 😀 und ich find da die sectio chirurgica aus tuebingen zu dem thema echt super. ich war in anatomie zwar noch nie wirklich weit genug um den ops da folgen zu koennen, aber so eine nierentransplantation einfach mal erklaert zu sehen war halt spannend, auch so 😀 nur fand ichs schade, dass die hno-chirurgen die nasen an den halben koepfen so zerstoert haben, dass man da mit viel glueck noch die unterste concha erahnen konnte ^^

    • leider war das nicht der Ischiadicus, sondern der Medianus 😀 (wir hatten Zugänge am Ellenbogen zum Thema)…. die Sectio chirurgica aus Tübingen ist tatsächlich interessant zu sehen, ich finde jedoch, in live sieht alles nochmal ganz anders aus, als wenn man es auf Videos oder Fotos sieht 🙂 Aber für Anatomie-Leidende, die gerade selbst präppen müssen, ist das ganz nett anzusehen 🙂

  2. Ich finde es schade, dass die Präpa-kurse nun immer mehr wegfallen…ist ja schon wichtig, dass alles genau kennen zulernen…und zwar nicht nur aus Büchern 😉
    Und jeder Körper ist auch irgendwie doch anders aufgebaut..

  3. Ich war ja auch mal im Zuge meiner Ausbildung in einem Präp-Saal und habe mir da einiges erklären lassen, ohne selbst Hand anlegen zu müssen und zu wollen. Ich bin aber zwei mal rausgegangen – nicht weil ich den toten Menschen so übelkeitserregend fand, ich konnte hauptsächlich den Formaldehyd-Geruch nicht so richtig ab…
    …aber ich bin auch nicht undankbar gewesen, dass ich das ganze nicht selbsterfahrungstechnisch vertiefen musste.

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