Arzt an Bord

Zu Risiken und Nebenwirkungen…..

Little Miss Perfect – Teil 1

8 Kommentare

Zum Abschied blinzelt sie mich treuherzig an und sagt einen wahrhaft legendären Satz: „Ich hoffe ich war nicht zu anstrengend.“ Für einen Moment bin ich einfach nur sprachlos. Hinter ihrem Rücken sitzt meine Lieblingsschwester und grinst mich sehr breit und ein bisschen herausfordernd an. Aber am Ende bin ich zu nett für die ehrliche Antwort und zu ehrlich für die nette Antwort und übergehe den Satz einfach gekonnt, indem ich meiner (Ex-)Mit-PJlerin viel Spaß in der Schweiz wünsche. Wenn sie es merkt, lässt sie es sich zumindest nicht anmerken.

Dabei hat es gar nicht so schlecht angefangen. Mein erster Eindruck von Little Miss Perfekt lässt sich in drei Worte fassen: Klein, blond, motiviert. Aber eigentlich nicht unsympathisch. Vielleicht ein bisschen zu enegriegeladen für meinen Geschmack. Und es dauert auch zwei bis drei Wochen, bevor mir das Muster zum ersten Mal auffällt.

Zuerst ist es das Blutabnehmen: Ich komme morgens auf Station und stelle fest, dass das Blutentnahme-Tablett weg ist. Zwei Minuten später stolpere ich über Little Miss Perfect, die mir einen fröhlichen guten Morgen wünscht und die Blutröhrchen im Ausgangsfach deponiert. Sie hat meine ganze Station gemacht. Und ihre wohl auch schon. „Ja, war nicht so viel bei mir heute. Ich dachte, ich helf dir.“ Nett von ihr. Nachdem wir das Spiel eine Woche lang jeden Morgen gespielt haben und ich so langsam aber sicher anfange mich überflüssig zu fühlen, versuche ich das zu klären. Dass wir doch beide später kommen können, wenn wir morgens immer so gut durchkommen. Der Vorschlag stößt auf taube Ohren. Also komme ich eben früher. Aber es ist wie in der Geschichte von Hase und Igel. Egal wann ich komme, sie ist immer schon da und lächelt und macht meine Arbeit.

Nach 2 Wochen platzt mir der Kragen und ich versuche ihr klar zu machen, dass das zwar nett von ihr ist – danke vielmals, wirklich – aber ich sehr wohl in der Lage bin, meine Aufgaben selbst zu erledigen (verdammt nochmal!). Sie lächelt und nickt und entschuldigt sich – und ist trotzdem jeden Morgen vor mir da.
Ich gebe es auf, bzw. richte mir ein zweites Tablett und kann sie immerhin dazu bewegen nicht alle Röhrchen mitzunehmen, wenn sie loszieht. Nennen wir es eine Art Waffenstillstand. Und ich habe so langsam wirklich keine Lust mehr zu streiten.

Außerdem brauche ich die Kraft gegen ihren übermotivierten Dickschädel inzwischen an anderer Front. Wenn es nach Little Miss Perfect ginge, würde sie am liebsten alle Operationen des Tages assistieren. Ich fordere geduldig jeden Morgen meinen Anteil und schaue am Ende meistens doch blöd aus der Wäsche. Es gibt ja soooo viele Möglichkeiten Absprachen zu umgehen. „Ja, weißt du, OA Hanni hat mich angesprochen, dass es gleich weitergeht und da bin ich halt dringeblieben.“ „Ach, ich hab gerade in den anderen Saal gespickt, als sie dort gewechselt haben und die OP-Schwester meinte, ich soll mich waschen.“ „Duu, ich konnte dich nicht finden, als sie angerufen haben, dass sie eine Assistenz brauchen. Dann bin ich halt gegangen.“ Die beste Idee (Und ihr Einfallsreichtum nötigt mir ja fast einen gewissen Respekt ab) ist und bleibt jedoch: Das PJ-Telefon mit in den OP zu nehmen, sodass ich nicht angerufen werden kann, während sie am Tisch steht.

Als sie eines Abends länger bleiben möchte um die letzte OP des Tages zu assistieren, obwohl ich an diesem Tag erstens noch nicht einmal im OP war und zweitens den Nachdienst mitmache, hat es mal wieder ein Ende mit der Freundlichkeit. Ich bin ja nicht der Mensch, der durch den Stationsstützpunkt schreit, aber was zu viel ist, ist einfach zu viel. Sie zieht tatsächlich ab und ist zwei Tage lang sehr geknickt angesichts meines rüden Tonfalls. Pfff, soll sie doch.  Von da an treffe ich einfach keine Absprachen mehr mit ihr, sondern mit den Operateuren. Wieder eine Art Waffenstillstand den ich mit mir selbst ausmache, aber es klappt. Und ich habe wirklich nur ein ungläubiges Lachen übrig, als ich höre, wie sich sich bei der Pflege beschwert, dass ich alle Arbeit an mich reißen würde.

Versteht mich nicht falsch. Es ist ein beschissenes Gefühl in einer Art Kleinkrieg mit jemandem zu leben, mit dem man doch eigentlich ein starkes Team bilden sollte. Ich würde so viel darum geben, die Dinge anders zu lösen, aber wenn weder Freundlichkeit, noch Logik, noch Wut helfen… Ich bin mit meinem Latein am Ende.

Und das Schlimmste ist: Nicht nur alle, die uns erleben, müssen denken, dass ich faul und arbeitsscheu bin. Nicht nur der Chef muss denken ich drücke mich um die OPs, weil ich nie mit ihm am Tisch stehe. Nein, ich fange ja schon selbst an mich faul zu finden und meine Motivation zu hinterfragen. Bin ich tatsächlich nicht engagiert genug?
Es ist Balsam auf meiner Seele, als ich nach 2 Monaten von der Pflege die Rückmeldung bekomme, dass ich doch bitte nicht mit Little Miss Perfect die Station tauschen solle. Sie würden es nicht ertragen mit ihr zu arbeiten. Unmöglich, wie sie sich erlaubt sie rumzuscheuchen und alles besser zu wissen glaubt. Man würde meine Arbeit und meine Art wirklich sehr schätzen.

Ich hätte vielleicht besser auf sie gehört und nicht versucht trotzdem mal für 2 Wochen den Alltag auf der Kurzliegerstation kennen zu lernen. Vielleicht wäre es dann bei diesem Halbfrieden geblieben, anstatt zu eskalieren…

Wie es also weiterging und ob ich ihr am Ende doch noch die Haare ausgerissen habe… Mehr dazu in ein paar Tagen.

– Spekulantin

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Autor: Spekulantin

Die kochen alle nur mit Wasser

8 Kommentare zu “Little Miss Perfect – Teil 1

  1. Bin schon sehr gespannt wie es weiter geht! Bitte den nächsten Artikel so schnell wie möglich online stellen.

  2. Och nöööööööööö, bitte bitte keine Cliffhanger;)

  3. Ich möchte auch wissen, wie es weiter geht. Am besten jetzt, sofort.

  4. Ich setze mich auch mal dazu und warte und da die Fastenzeit vorbei ist stelle ich mal ne Runde Schoki un die Runde.

    • Ohhh, Schoki kann ich grad gut gebrauchen. Sitze hier im Dienst und es ist absolut nix los. Da hebt Schokolade schwer die Stimmung! 🙂

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