Arzt an Bord

Zu Risiken und Nebenwirkungen…..

PJ-Alltag in Deutschland

13 Kommentare

7.00 (okay, seien wir ehrlich, meistens eher 7.10)

Der Tag beginnt mit Blutabnahmen. Gibt keine bessere Beschäftigung, wenn man die Augen noch nicht so richtig offen halten kann. Besonders gemein sind die Tage, an denen über Nacht aus 2 Blutabnahmen plötzlich 7 geworden sind. Offenbar hatte der Diensthabende nachts sonst nichts zu tun und hat munter ein bisschen Gepiekse angeordnet. Und plötzlich geht meine tolle zeitliche Rechnung nicht mehr auf. Was freue ich mich darauf, wenn wir wieder Famulanten haben!

7.30

Eigentlich sollte jetzt die Frühbesprechung beginnen. Gleichzeitig beginnt aber auch die interdisziplinäre Visite auf der Intensivstation. Das ist natürlich wichtiger. Also sitzen alle, die nicht wichtig genug sind (PJler und Assistenzärzte) eben noch eine ganze Weile rum und warten.
Nach der Übergabe der Nacht folgt dann die Besprechung des OP-Plans und man fragt sich jeden Morgen wieder, wozu der eigentlich gemacht wird. Es gibt nicht einen Tag, an dem nicht bereits in der Frühbesprechung Punkte verschoben, abgesetzt oder personell umgeplant werden. Die Anästhesie freut sich.

8.00 (viel zu häufig eher 8.20)

Jetzt aber schnell. Bevor um 8.30 der OP-Betrieb beginnt muss noch irgendwie die Visite laufen. 18 Patienten in 10 Minuten, das ist sportlich. Und eigentlich unbefriedigend für alle: Die Patienten bekommen Diagnosen und histologische Untersuchungsergebnisse quasi im Vorbeigehen an den Kopf geworfen. Die Pflege kommt meist gar nicht zu Wort und unser Oberarzt Nanni spult in jedem Zimmer wieder das gleiche Sprüchlein ab: „Sie essen? Sie trinken? Sie haben Stuhlgang? Sie haben keine Schmerzen? Kein Fieber?“ Und wenn der Patient alle Fragen brav und richtig beantwortet hat (Mehr Zeit als für ein „Ja“ oder ein „Nein“ bleibt nicht), kommt das Finale: „Wann gehts nach hause?“
Orthopädix hat sich in seinem ersten Tertial immer wieder über stundenlange internistische Visiten beschwert. Aber mal ganz ehrlich: Das was die Chirurgen eine Visite nennen ist ein Witz. Nicht nur Laborwerte haben keinen Stellenwert, auch die Patientenmeinung oder so etwas wie Information und gemeinsam Entscheidungsfindung gehen völlig unter. Das ist wirklich traurig.
Und wird nur noch übertroffen von der wöchentlichen Chefvisite. Die muss noch schneller gehen, denn die Privatstation muss ja im Anschluss auch noch dran glauben. Da reicht es dann nur für „Das ist Frau XY, die Galle für morgen.“ „Guten Morgen.“ Händedruck. „Schönen Tag.“ Tür zu. Nächster. „Herr MN, vierter Tag nach konventionellem Sigma. Geht gut.“ Händedruck. Tür zu… usw.

8.30

Die Deadline. Jetzt gehts los im OP und alle stürmen davon, bis ich alleine oder mit einem verbliebenen Assistenzarzt da stehe. Für den ersten Punkt wird meistens kein PJler benötigt. Aber das ist eigentlich ganz angenehm, denn in der nächsten Stunde gibt es wirklich etwas zu tun. Verbandswechsel, Drainagen ziehen, Klammern entfernen,… Alles Dinge, die ich alleine machen kann und bei denen ich mich inzwischen auch kompetent fühle. Dann die Ultraschalluntersuchungen vor Entlassung. Da kann ich meistens schon einmal 5 Minuten mein Glück versuchen, bevor ein Arzt dazukommt und einen Blick auf meine Arbeit wirft. Und ich fange an zu verstehen, wie ich den Schallkopf drehen muss um die Niere in der richtigen Ebene zu erwischen.

9.30

An guten Tagen werde ich irgendwann mitten in der Stationsarbeit in den OP abgerufen. Das ist unglaublich dankbar, denn auch als zweite Assistenz macht es Spaß. Jeder ist bemüht zu erklären, zu zeigen. Ich höre so oft den Satz: „Tasten Sie einmal hier.“ Und „Sehen sie dort? Das ist…“ Dummen Fragen bin ich selten ausgesetzt. Meistens bin eher ich diejenige, die fragt. Und auch das wird geradezu gerne gesehen. Die Theorie wird super unterrichtet.
Die Praxis leider weniger. Meistens werden die Wunden geklammert und so fällt das Nähen für uns PJler einfach weg. Dafür bin ich bei den Gallenoperationen verantwortlich für die rasante Kamerafahrt. Das bringt mich allerdings meistens an die Grenzen meines räumlichen Vorstellungsvermögens. Ich finde mich ja noch nicht einmal in einer Parklücke zurecht und da schaue ich nicht im 30° Winkel. Aber Übung macht den Meister, also beiße ich die Zähne zusammen und kippe brav wieder und wieder den Horizont zurück in die richtige Linie.

12.00-14.00

Irgendwann in dem Zeitfenster gibts dann endlich was zu essen. Das ist nett, weil man die anderen PJler trifft oder Ärzte aus dem letzten Tertial. Und außerdem ist das Essen wirklich gut. Ich glaube in Unserer Kleinen Klinik kann man es als Patient schon aushalten. Wenns mal dank einer OP nicht reicht, gibt es glücklichweise immer jemanden der einem etwas besorgt und warmstellt. Die Chirurgen schaffen es wirklich einem das Gefühl zu geben, dass man ins Team integriert ist.

14.00

Mit etwas Glück gehts direkt wieder in den OP nach dem Essen. Oder es haben sich inzwischen ein paar Aufnahmen auf Station gesammelt. Auch die Ambulanz wäre eine Möglichkeit. Leider ist die dort diensttuende Ärztin das lebende Beispiel dafür, was mit Frauen passiert, die versuche sich mit aller Macht in einer Männerwelt durchzusetzen. Sagen wir mal so: Nach einem ungerechtfertigten Anschiss zu viel habe ich das Thema Ambulanz aufgegeben.
Wenn wirklich gar nichts zu tun ist, gibt einem das Zeit um am Stationsklima zu arbeiten. Die Pflege ist einfach supernett und hilfsbereit. Umgekehrt schaue ich, wo ich ihnen Arbeit abnehmen kann, wenn sie mit Intensivübernahmen wieder mal am rotieren sind. Das führt am Ende meistens dazu, dass jeder Zeit für eine Tasse Kaffee hat und man sie gerne zusammen trinkt.

16.00

Wenn es nicht Mittwoch ist und wir ab 15 Uhr PJ-Fortbildung haben (falls die denn tatsächlich stattfindet), ist das meistens die Zeit zu der mich einer der Assistenzärzte freundlich rauswirft. Es ist wirklich selten, dass der OP einmal länger geht. Und wenn ich tatsächlich bis nach 18 Uhr am Tisch stehe, bekomme ich dafür einen Dienst gutgeschrieben. Ein fairer Deal. Aber meistens habe ich pünktlich Feierabend.

-Spekulantin

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Autor: Spekulantin

Die kochen alle nur mit Wasser

13 Kommentare zu “PJ-Alltag in Deutschland

  1. Oh je – fehlendes räumliches Vorstellungsvermögen meets Kamera klingt tapfer!
    Einfach weitermachen ^^
    Aber das Team klingt super und mit dem Feierabend sowieso 🙂

    • 🙂 Bleibt mir ja wenig anderes übrig als weiterzumachen 😉 Aber inzwischen haben wir Famulanten, die das mit großer Begeisterung gerne mal übernehmen… Das ist dann noch mehr „Jugend forscht“ als bei mir 😉

  2. Hinter die Geheimnisse der Kunst der laparoskopischen Kameraführung bin ich auch noch nicht gekommen… ist echt sau schwer sich zu orientieren.
    Ich bin dafür Navis in die Dinger einzubauen xD
    Naja, mit der Chirurgie kann ich sowieso nicht so viel anfangen, ich werde Gasfrau^^
    Liebe Grüße
    Jule

    • Soso, du ziehst also die Hirnseite vor? 😉 Das mit den Navis fänd ich auch super. Oder so ne automatische Steuerung. Letzlich läuft das ja doch immer irgendwie gleich ab…. 😀

      • Ja, die Blutseite interessiert mich zwar auch, aber nicht so sehr wie die Anästhesie.
        Wenn es hinhaut möchte ich später dann vorwiegend im Intensiv / Notmedbereich tätig sein.
        Anästhesie finde ich ist ein sehr interessantes Fach, meine PJ Zeit in der „Hirn“fraktion war echt toll, ich habe viel gemacht, viel gesehen und viel gelernt.
        Ich glaube der Spruch „Immer schön Spitze betonen“ wird mir nie mehr aus dem Kopf gehen xD

  3. Das klingt ja gar nicht so schlecht, mein Chirurgietertial war deutlich ätzender. Minikleines Haus mit 10 anderen PJler in der Chirurgie, nur 2 Stationen und jede Menge nix zutun. Intergriert war man nicht, bei Visiten bekam man die Tür vor der Nase zugeschlagen und Blutentnahmen/Verbände waren selbstverständlich. Erklärt bekam man nichts, Fragen wurden angenervt beantwortet und wirklich was tolles machen durfte auch keiner. Nähen war manchmal drin, vereinzelte Assistenten waren bemüht uns wenigstens das machen zu lassen, wenn der OA abgetreten war. Insgesamt eher enttäuschend. Aber wenigstens gab es auch da schon Kohle und gutes Essen. 😉 Wann machst du Examen?

    • Wow! Deins klingt ganz genau so, wie ich das immer befürchtet hatte. Aber 10 PJler ist schon wirklich krass viel, für ein kleines Haus. Wir waren zu zweit ja manchmal schon zuviele. (Okay, lag vielleicht manchmal an meiner Mit-PJlerin, wie ihr nächste Woche lesen könnt 😉 )
      Das ist echt schade, das es bei dir so schlecht lief! Da kommt man dann meistens mit eigenem Engagement auch nicht dagegen an. 😦 Hast du Dienste mitgemacht? Konntest du da mehr machen? Ich nehme an du bist nicht Chirurgin geworden?
      Ich muss im Oktober dran glauben. 😉 Der Blick auf den Kalender schockt mich da im Moment immer wieder…

  4. Ich wollte immer Chirurgie machen, hatte da im Studium auch einen Hakenhalterjob, der wirklich richtig toll war. Das PJ hat mich nachdenklich gestimmt, da mir in der Inneren nur die ITS und halt bei uns die Anästhesie gefallen hat. So habe ich mich nach dieses enttäuschenden Chirurgietertial für die Anästhesie entschieden, das war vor 2 Jahren. Ich habe es keinen Tag bereut, das Fach bietet gerade an der Uniklinik richtig viel und ich mache trotzdem so gut wie nie Überstunden. Mein Ziel ist auf lange Sicht die perioperative Intensiv, ich forsche auch in dem Bereich. Ich denke für mich ist das der beste Weg, ich vermisse das operieren viel weniger als zunächst erwartet. 😉

    • Das heißt, dein PJ hat tatsächlich deinen Berufsplan geändert. Interessant! Aber freut mich, dass es sich offenbar gelohnt hat. Ich stelle mit Anästhesie von den Arbeitsbedingungen wirklich angenehm vor. Vor allem, wenn man Familie haben möchte. Aber alle Famulaturen und Praktika, die ich gemacht habe, waren mir am Ende doch irgendwie zu langweilig… 🙂 Ich nehme an, das hörst du oft 😉
      Findest du es denn von Vorteil den Assistenzarzt an der Uniklinik zu machen? Wie würdest du das beurteilen? Oder ist das wegen der Forschung?

  5. Ich würde es auch lahm finden, wenn ich jeden Tag nur im kleinen Haus Larynxmasken schiebe und Spinalen steche. Und als Famula fand ich es auch nach 2 Wochen langweilig, konnte mir gar nicht vorstellen, dass das aufregend sein kann. Im PJ war das schon anders, Uni – kranke Patienten – großes Kino. Als Ärztin ist es nochmal anders, dir passiert viel, was du im PJ nie gesehen hast, da die erfahrenen es von vorneherein abwenden. Und du brichst in Panik aus, denn plötzlich bist du ja ganz allein verantwortlich, wenn was schief geht. Die Lernkurve ist enorm und mir machen jetzt ganz andere Sachen an der Anästhesie Spaß als im Studium. Als Studi findest du toll was machen zu dürfen, je krasser desto besser. ZVK, Spinale, Ax-Plex. alles als PJane gemacht und toll gefunden. Jetzt willst du mehr, dass dein Konzept aufgeht, dass der Patient am Ende zufrieden ist, es den Operateuren schnell genug geht, die ITS nicht Schadensbegrenzung nach deiner Narkose machen muss. Forschung ist nett, aber sekundär. Studentenunterricht macht mir sehr viel Spaß. Ich war schon stolz keinen ZVK gebraucht zu haben, extubiert auf ITS zu verlegen, keine Blutprodukte gebraucht zu haben, nicht nach Einleitung reanimiert zu haben. Denn das ist nicht selbstverständlich bei unserem Patientengut. Aber auch die jungen gesunden: stech mal einer 20jährigen mit psychischen Problemen und massiver Nadelangst wach zur VKB-Plastik einen Femoraliskatheter: reingestochen, Strom runter, Nadel raus, Annaht, fertig. 2 Minuten – mein schnellster Femoraliskatheter bisher 😉 Das sind die Sachen, die Anästhesie dann cool machen. Und wie gesagt, ich will nach dem Facharzt auf die Intensiv. An der Intensivmed ist geil, dass sie immer schwerer wird, je mehr du darüber weisst. Aber all das kann man als Famulantin einfach nicht begreifen, konnte ich auch nicht. Aber dafür ist das PJ ja da, um die Realität kennenzulernen. Und man kann sich ja alles überall anrechnen lassen, wenn man nach einem Jahr Assistenzarzt doch noch wechselt. Also keine Panik, ist genug Medizin für alle da 😀

  6. Ich habe übrigens gerade einen Artikel in Arbeit, warum mir in der Anästhesie nie langweilig ist, man darf gespannt sein. Danke für deine Inspiration dafür 🙂 LG

    • Oh, aber gerne! Freut mich! 🙂
      Wenn das eine ähnlich flammende Lobeshymne wird wie dein Kommentar, dann bin ich ja schon sehr gespannt den Artikel zu lesen. Sag doch Bescheid, wenn er online geht. 🙂

  7. Der Artikel ist online 😉

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