Arzt an Bord

Zu Risiken und Nebenwirkungen…..

Ode an die Notaufnahme

7 Kommentare

(c) blastam.com

Ich liebe Notaufnahmen. Insbesondere chirurgisch-orthopädisch-traumatologische. (Klar 😉 ). Ich freue mich immer, wenn ich auf die Notaufnahme rotiere und dort einige Zeit mitarbeiten kann. Nicht nur, weil man als Student viel selbst machen kann und jede Menge lernt. Sondern auch aus anderen Gründen – und einige davon möchte ich in dieser Ode besingen. Wobei, lieber singe ich nicht, sonst wird eure Milch noch sauer. Tippe ich lieber und versuche das, was man fühlt und denkt, in Worte zu fassen.

Die Atmosphäre. In der Notaufnahme eine ganz besondere, das spürt man als Patient, aber vor allem als Mitarbeiter. Das Team zwischen Pflege und Ärzten ist entscheidend für den Arbeitserfolg, für die Geschwindigkeit, mit der ein Patient versorgt wird, mit der Einstellung und der Stimmung aller Beteiligten. Und im Endeffekt mit der Zufriedenheit auf allen Seiten. Nirgends in der gesamten Klinik ist die Zusammenarbeit zwischen Pflege und Arzt gefühlt größer und die Wege zwischen Pflege und Ärzte kleiner als in der Notaufnahme (und ganz besonders in einer schweizer Notaufnahme 😉 ). Als Weißkittel kann man sich auf kompetente Pflegekräfte, die eine extra Ausbildung durchgemacht haben, freuen; kann vertrauen, dass die Patienten gut versorgt sind und dass die Pflege aktiv mitdenkt, nach Schmerzmittelversorgung fragt und man gleichwertig am Patienten arbeitet. Flache Hierarchien sind ein Muss. Jeder, der länger in der Notaufnahme arbeiten will, sollte sich zu Herzen nehmen, dass man die nette Pflege nicht von oben herab betrachten und behandeln darf.
Außerdem wird die Atmosphäre natürlich dadurch besonders, dass hier Patienten von der Straße den Übertritt in die Welt der Klinik tun. Meist leidend, verletzt, schmerzgeplagt. Mit Erwartungshoffnung. Hilfe suchend. Und man ist für die Patienten da. In der Notsituation. In ihrer Ausnahmesituation. Will helfen. Muss manchmal alles geben und an seine Grenzen gehen.

Zufluchtshafen. Man ist Ansprechpartner. Verantwortlicher. Patienten kommen und begeben sich in die Hände der Ärzte, denen sie Vertrauen schenken. Rettungsmannschaften bringen ihre Patienten, man tritt in die Behandlungskabine dazu, bekommt die Fälle übergeben, überlassen dir das weitere Vorgehen. Du bist der „Halbgott“, der helfen muss und soll – und hoffentlich sogar auch ein wenig kann 😉 Sozusagen „der Herr im Haus“. Irgendwie beflügelt mit den weißen Klamotten, dem Stethoskop, Kugelschreiber und Namensschild. Mit sterilen Handschuhen, mit Röntgenbildern in der Hand, mit dem Oberarzt an der Seite. Man fühlt sich oftmals echt gut, das kann ich euch sagen! Fast schon „schwebend“. Beflügelt! Die eigene Arbeit macht Sinn und Spaß, man ist für die Patienten da und weiß am Ende des Tages, was man geschafft hat. Ob man alle Patienten gut versorgt hat, ob es ein ruhiger Tag war und man ein wenig entspannter durchgekommen ist oder ob die Hektik pur herrschte und man nur noch totmüde ins Bett fällt.

Kolikenartiges Jonglieren. Etwas Besonderes in der Notaufnahme ist auch das unvorhersehbare Auftreten von Patienten. In einem Moment herrscht gähnende Leere, man geht sich einen Kaffee holen, scherzt mit den Pflegekräften, surft im Netz und plötzlich sind da 5, 10, 15 Patienten auf einmal, um die man sich kümmern muss. Einschätzen, wer dringend Hilfe braucht, wen man eher noch kurz warten lassen kann, wo es um Leben und Tod gehen könnte. Von jetzt auf gleich herrscht Hektik, Trubel, Aufregung, Spannung, Adrenalin. Das ist es wohl, was viele Laien in unzähligen Dokus über das Leben in Notaufnahmen so fasziniert. Das plötzliche Umschalten von „Langeweile“ auf Hochleistung.
Wenn die Patienten nach und nach anfluten, kann man sie nach und nach abarbeiten und hoffen, dass die Behandlungs- und Diagnoseschemata eines nach dem anderen wie in einem Uhrwerk ineinander greifen und man Schritt für Schritt arbeiten kann. Dann fließt alles…. oftmals aber staut sich die Bildgebung, fehlt hier die Meinung des Oberarztes, liegt dort ein Patient, dessen Wundversorgung schnell mal 30min in Anspruch nimmt, Zeit, die man bei anderen Patienten nicht hat, kommt dort ein Unfall rein, den man vorziehen muss. Und schon Jongliert man mit vielen Bällen. Muss hier das Labor des Patienten im Auge behalten und abwarten, dass Ergebnisse im PC erscheinen, gleichzeitig dort das Röntgenbild betrachten und befunden. Der Oberarzt ruft an und will Patienten vorgestellt, gibt Behandlungspläne durch, für einen Patient muss eine OP-Anmeldung ausgefüllt werden, die Anästhesie informiert werden, bei einem anderen die stationäre Aufnahme erledigt und Anordnungen für die Station geschrieben werden. Und bei allen natürlich die Krankenakte gefüllt und alles dokumentiert werden, was man in der Notfallambulanz mit dem Patienten gemacht und für die Zukunft ggf. empfehlen würde. Wer hier keinen Plan hat, wie er die Bälle alle gleichzeitig in der Luft halten und trotzdem sinnvoll arbeiten kann, der kommt bald an seine Grenzen und gerät ins Schwimmen. Kein Wunder, dass sich nicht alle Kollegen in diesen Situationen wohl und sich manch einer schnell mal überfordert fühlt (ich bin gespannt wie es mir dann geht, wenn ich selbst verantwortlicher Arzt und nicht mehr nur Student bin 😉 )

Fokussiertes Arbeiten. Wer sich bei der Versorgung von Patienten verzettelt, wer das Augenmerk nicht auf die wirklich wichtigen Dinge legt, wer Entscheidungen scheut, wer sich in ein Kleinklein verrennt, der scheitert. Man merkt ab und an, wenn ein Arzt aus einer anderen Fachrichtung stammt, dass er bei seinem ersten Einsatz in der chirurgisch-traumatologischen Notaufnahme eine andere Denkweise an den Tag legt und deswegen zwischendurch Dinge verordnet, die für den akuten Fall nicht relevant sind. Beispiel? Ein Internist, der ein Fremdjahr in der chirurgischen Notaufnahme macht und bei einer gestürzten 20 Jährigen, die mit Hüftschmerzen in die Notaufnahme kommt (der es sonst aber eigentlich super geht), eine große Herzdiagnostik anordnet. Herzenzyme, EKG, Röntgen des Brustkorbs, …. nur, weil das Herz nach dem Sturz beteiligt sein oder als Ursache des Sturzes eine Rolle spielen könnte. Da intervenierte der Pfleger ungehalten und weigert sich bei circa 10 parallelen Patienten die große Diagnostiklatte auszupacken – für den akuten Versorgungszeitpunkt nicht relevant und eher im weiteren Verlauf (und dann gerne auch durch Niedergelassene) abklärbar. Man muss sich auf das Wesentliche und Relevante beschränken und auf all das, was dem Patienten oder dem Arzt unmittelbar in der Akutsituation helfen kann.
Man in der Notaufnahme auch nach bestimmten Schemata zu arbeiten, wichtige Dinge zu erfragen und nicht mehr zu vergessen und fokussiert Symptome abzufragen. Ganz eindeutig natürlich bei der Versorgung von Verunfallten, die man mittels sog. Bodycheck von Kopf bis Fuß abklären muss. Aber auch sonst. Beispiele? Bei Schürfwunden, Tierbissen etc unbedingt nach dem Impfstatus für Tetanus (Wundstarrkrampf) fragen und ggf. Auffrischimpfung anordnen oder erteilen. Bei Bauchschmerzen immer an Stuhlgang und Wasserlassen denken. Bei jeder Aufnahme an Allergien, Medikamente, Vorerkrankungen denken. Bei Unfallpatienten immer auch an die Durchblutung, Sensibilität und Motorik der entfernter gelegenen Extremitätsanteile denken und diese testen (z.B. bei Oberarmbruch an die Hand denken!). Bei Patienten, die eventuell operiert werden (oder am besten bei allen) nach letzter Mahlzeit und Trinken fragen und damit die Nüchternheit für eine OP wissen (und, nein, liebe Patienten in spe: noch kurz vor der Fahrt in die Klinik essen oder trinken, weil es in der Notaufnahme gerne auch mal 2-3 Stunden dauern könnte und man nichts zu essen bekommt, ist nicht sinnvoll!)

Kontakte abarbeiten. Auf der Notaufnahme hat man täglich mit vielen unterschiedlichen Patienten Kontakt. Man kommt in Berührung mit diversen Schicksalen, Schicksalsschlägen, Dankbarkeit, wenn man einem Patienten schnell helfen kann. Man sieht viel, man hört viel und man bekommt viele Dinge mit. Das ist (insbesondere in Bezug auf eine internistische Station) ein krasser Unterschied: auf Station liegen die Patienten für gewöhnlich länger, man „kennt“ sich, erkennt sich wieder und weiß, was welcher Patient vielleicht an Eigenheiten hat. In der Notaufnahme ist das weniger der Fall. Zwar hat man auch hier seine Pappenheimer, die immer wieder vorbeischauen (vielleicht weils ihnen so gut gefällt), aber im Großen und Ganzen sind es immer wieder neue Gesichter, mit denen man in Berührung kommt. Und denen man helfen will. Und das, wie oben erwähnt, fokussiert. Schnelle Entscheidungen, rasche Diagnostik, entschiedene Diagnosestellungen. Kein tagelanges Herumliegen, Abwarten, Dosierungsanpassung an Medikamenten,….

Im Prinzip ist es wie beim DriveIn: der Patient fährt vor, erzählt, was er an Symptomen hat, man checkt alles Wichtige ab und muss dann entscheiden, wie es weitergeht. Stationäre Aufnahme, OP oder ambulante Behandlung und Entlassung. Und dann kommt der Nächste an die Reihe. Nichts mit Rumschlagen mit Rehakliniken, kein Anruf bei der Langzeitpflege und Betteln nach einem Bett, keine Versicherung, die Probleme macht, weil man zwei statt einen Tag auf einen Befund warten musste….

Anpacken. Gerade als Student natürlich besonders toll: man kann viel selbst machen! Patienten aufnehmen, untersuchen, Untersuchungen anmelden, Briefe schrieben, Medikamente verteilen, Oberarzt-Vorstellung und wenn alles top läuft, dann behandelt man in der Notaufnahme nicht selten seine Patienten ganz alleine. Man ist vollwertiges Mitglied in einem Team und wenn die Pflege dir vertraut und sieht, dass du etwas kannst, arbeitest und gut dabei bist, dann kommen sie irgendwann auch direkt zu dir und kündigen neue Patienten an. Patienten, die du dir dann ansehen kannst. Die du betreust. Die du rettest. Oder deren Platzwunde du zumindest alleine nähen darfst. 😉

Es gäbe noch viele weitere Punkte, die man in der Notaufnahme erwähnen könnte. Aber für den Moment sollen diese Eindrücke reichen; in der Hoffnung, dass sie ein wenig Einblick in diese spezielle Welt innerhalb der Klinik geboten haben. Und warum mich das Arbeiten dort  fasziniert und freut.

Orthopaedix

Advertisements

Autor: Orthopaedix

bones and pain

7 Kommentare zu “Ode an die Notaufnahme

  1. Das ist auch total mein Traum. Einfach hammer! 🙂

  2. Du klingst echt zufrieden und glücklich dort, behalte dir diese Begeisterung möglichst lange bei.

  3. das mit dem kolikartigen auftreten von menschen ist aber glaub ich ueberall so. von der autobahn (bin ich die einzige, der immer auffaellt, dass autos immer in rudeln kommen?) bis an die kasse im supermarkt ^^

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s