Arzt an Bord

Zu Risiken und Nebenwirkungen…..

Läuse und Flöhe

Ein Kommentar

Das Turfen gehört zur Medizin wie die Anamnese. Am liebsten turfen die Internisten akute Gallenblasenentzündungen an die Chirurgen weiter. Auf Platz zwei der Hitliste liegen Patienten, bei denen im Rahmen einer Magen- oder Darmspiegelung ein Tumor entdeckt wurde, der jetzt chirurgisch angegangen werden soll. Ein solcher Fall ist Herr Laus. Zur Abklärung einer unklaren Blutung im Verdauungstrakt wurde bei ihm eine Magenspiegelung durchgeführt und man fand tatsächlich eine Schleimhautveränderung. Die Untersuchung des Gewebes ergab ein sog. MALT-Lymphom. Das ist ein Tumor der von den spezifischen Abwehrzellen des Verdauungstraktes ausgeht. Herr Laus erhielt die übliche antibiotische Therapie plus Protonenpumpeninhibitor und wurde zur Planung des chirurgischen Vorgehens auf unsere Station verlegt.

Nun ist es einfach Standart eine vollständige präoperative Diagnostik zu fahren, bevor man irgendwo reinschneidet. Und bei Blut um Stuhl gehört dazu eben auch eine Darmspiegelung. Auch wenn die Magenspiegelung ja schon die Ursache gefunden hatte. Einfach der Vollständigkeit halber. Und weil, wie der Graf Herrn Laus erklärt, es ja immer mal vorkommen kann, dass jemand Läuse und Flöhe hat.

Ihr werdet es bereits erraten haben: Herr Laus hatte auch Flöhe. Die Darmspiegelung zeigte einen Tumor im Sigma, die Histologie klassifizierte ihn als bösartig.
Was tut man jetzt also? Welche Baustelle zuerst angehen?
Die Diagnose des MALT-Lymphoms konnte der Pathologe nicht mit letzter Sicherheit stellen, das Sigmakarzinom war sicher. Also entschied man sich zuerst für eine Darmoperation. Postoperativ sollten dann weitere histologische Proben aus dem Magen gewonnen werden um die Diagnose des Lymphoms zu sichern.

Die Operation verlief problemlos und Herr Laus legte einen unglaublichen Willen an den Tag nach dem Eingriff so schnell wie möglich wieder auf die Beine zu kommen. Am Ende war er schneller als der Pathologe. Der ließ nämlich mit dem Ergebnis der Untersuchung des entfernten Gewebes auf sich warten. Schließlich bestanden die Visiten fast nur noch aus dem Satz: „Nein, das Ergebnis ist leider immer noch nicht da.“ und Herr Laus setzte sich wieder zurück aufs Bett, wir gingen.

Ich glaube, wirklich jeder, der in dieser Zeit mit ihm zu tun hatte, war beeindruckt von der Gelassenheit, mit der er das Warten hinnahm. Und jeder freute sich mit ihm, als die Untersuchung ein sehr frühes Tumorstadium ohne Beteiligung der Lymphknoten ergab. Was den Darmkrebs anging, war Herr Laus damit geheilt. Keine weitere OP, keine Chemo, keine Bestrahlung.

Immerhin hatten wir die Wartezeit für eine weitere Magenspiegelung genutzt. Und wie es der Zufall so wollte, trudelte das Ergebnis der erneuten Gewebsuntersuchung am selben Tag ein. Wir erwischten Herrn Laus quasi mit dem Koffer in der Hand. Ihr könnt euch dieses Strahlen auf seinem Gesicht nicht vorstellen, als der Graf im mitteilte, dass sich in den neuen Proben keinerlei Anhalt mehr für ein MALT-Lymphom fand. Dass also nicht nur der Darmkrebs, sondern auch der Tumor im Magen geheilt waren. Und das ohne eine zweite Operation.

In solchen Momenten kann ich dann wieder die Leute verstehen, die von der Chirurgie schwärmen. Es gibt wirklich nichts Schöneres als einen geheilten, glücklichen und zufriedenen Patienten zu entlassen. Auch wenn solche spektakulären Fälle selten sind. Aber das heißt ja umgekehrt auch, dass zum Glück die wenigsten Leute Läuse und Flöhe haben.

– Spekulantin

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Autor: Spekulantin

Die kochen alle nur mit Wasser

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