Arzt an Bord

Zu Risiken und Nebenwirkungen…..

RFID im OP – Ansätze für die Zukunft

8 Kommentare

(c) golem.de

Nachdem wir euch in zwei Artikeln zu beinahe vergessenen Kompressen im OP einen Einblick gewährt haben (Kompresse?, Fehlende  Kompresse – Teil 2) wie schnell bei langen und aufwändigen Operationen eine Kompresse im Patienten verschwinden und nach einer OP verbleiben kann, kam eine Diskussion in den Kommentaren auf, wie man dieses Problem optimal lösen könnte. Ich habe von einem Ansatz gehört, der in einigen Kliniken derzeit getestet wird und den ich euch heute kurz vorstellen möchte: RFID-Chips.

Pro Jahr werden im Krankenhaus rund 3000 sog. „Alien Objects“ (v.a. in Form von Tüchern und Tupfern) während Operationen im Patienten vergessen. Eine sehr unschöne Sache für sowohl Patienten, wie auch beteiligte Ärzte und Pfleger. Um diese Zahl zu vermindert, führte man zunächst das Vieraugen-Prinzip (zwei OP-Schwestern müssen die Vollständigkeit bestätigen) und das zweifache Nachzählen ein. Dennoch ist die Zahl von ca. 3000 Fälle, in denen diese Sicherheitsmaßnahmen, warum auch immer, versagen, erschreckend. Mit den modernen Entwicklungen in der Industrie und Technik schwappen nun RFID-Chips in die Kliniken, die dort zu einer Verbesserung der Patientensicherheit führen könnten.

RFID steht für radio-frequency identification und wird heute in immer mehr Bereichen eingesetzt. Die kleinen Chips finden sich v.a. in der Logistik zur Kontrolle der Warenströme und der Nachvollziehbarkeit, welches Produkt an welcher Stelle zu welcher Zeit vorhanden ist oder verarbeitet wurde; Anwendung finden sich auch heute schon in der Lieferkette von Textilien und Bekleidung, zur Identifikation von Frachtcontainern und Tieren, zur Zeiterfassung in Unternehmen, zum Bestandsmanagement und in Chipkarten mit z.B. kontaktloser Bezahlfunktion.
Seit einigen Jahren gibt es Ansätze die Chips auch im Krankenhaus anzuwenden – z.B. in Form von Patientenarmbändchen, um Verwechslung der Patienten auszuschließen oder als Zutritts- und Zugriffskontrollen in sensiblen Bereichen wie dem OP und der Sterilisation.

(c) heise.de

Einige Firmen testen seit einiger Zeit in Kooperation mit großen Kliniken die Verwendung von RFID-Chips in OP-Instrumenten, Tupfern und Tüchern. Das Ziel der Feldstudien ist  zu jeder Zeit während einer OP grafisch auf einem Monitor eine Kontrolle sichtbar zu machen, wie viele Fremdkörper noch im OP-Gebiet liegen und ob am Ende der OP alles, was an den Tisch gebracht wurde, wieder von ihm entfernt ist (und damit nicht im Patienten bleibt).
Zudem bietet sich, wie in der Logistik heute schon genutzt, die Möglichkeit während der gesamten Logistikkette einer Klinik (und darüber hinaus) Utensilien im Auge zu behalten – vom Hersteller über die Wäscherei bis ins Krankenhaus und wieder zurück in die Wäscherei. Teure Instrumente (der gesamte Warenwert an Instrumenten eines Krankenhauses kann 1,5 bis 2,5 Millionen Euro betragen!) können besser überwacht, Diebstahl, Verschwinden oder Lieferung an falsche Orte (falscher OP…) unterbunden werden.
Einige Hersteller ermöglichen mit ihren Systemen eine Überwachung der Bauchtücher mittels farbiger Ampeln am Bildschirm (rot = Tücher im Situs vorhanden, grün = alle Tücher, die über eine Antenne in den Operations-Bereich eingebracht wurden, sind auch wieder über diese Antenne nach draußen entfernt worden). Andere versprechen die Ortung von vergessenen Kompressen im Patienten mittels Detektoren, wie man sie am Flughafen bei der Sicherheitskontrolle kennt (siehe Herstellervideo auf Golem). Wieder andere Systeme, die z.B. in den USA schon eingesetzt werden, bestehen aus Klebern, die der Patient vor der OP auf z.B. das zu operierende Bein geklebt bekommt und der persönliche Daten des Patienten und den geplanten Eingriff enthält. Vor der Narkose und unmittelbar vor dem Schnitt wird das Funkkabel dann ausgelesen und abschließend vom Anästhesisten und dem Chirurgen kontrolliert – Patientenverwechslung adé.

Bei aller Euphorie gibt es jedoch nach wie vor Probleme bei der Verwendung der Chips im OP: Die Verarbeitung der flachen Chips in die OP-Tücher stellt eine Herausforderung dar, schließlich sollen sie intraoperativ nicht stören, fest in den Tüchern vernäht sein und nicht plötzlich aus dem Tuch fallen können. Gleichzeitig sollen sie ihre Funktion aber möglichst gut entfalten können. Zusätzlich müssen die Chips so beschaffen sein, dass sie Erhitzungsvorgänge während der Sterilisation bis zu 140°C unbeschadet überstehen können und die mit RFID-Chips besetzten Tücher nicht nach einem Mal entsorgt werden müssen (Kostenpunkt!).
Die Reichweite der Sendekraft des Chips ist von Haus aus gering, sodass es genügend Antennen im OP braucht, die die Chips und deren Aufenthaltsort (am OP-Tisch, im Vorrat, auf dem Instrumenten-Tisch) überwachen. Letztlich muss das gesamte System aber leicht und schnell anzuwenden sein, keine große Einarbeitungszeit für die Beteiligten benötigen, darf nicht zu viel Zeit für die Installation vor dem Beginn des Eingriffs in Anspruch nehmen, um die Operationsvorbereitung und -dauer nicht negativ zu beeinflussen und sollte vor allem nicht allzu viel neue Kosten verursachen. Ansätze sind fest installierte Antennen unter dem Instrumententisch, dem OP-Tisch und im OP-Saal, sodass hier keine besonderen Abläufe beim Anreichen der Instrumente und Tupfer beachtet werden müssen, damit alle Sensoren auch wirklich alle Tupfer erfasst haben.

Die Testphasen und Studien laufen….  Ich bin gespannt, wie sich diese Technik weiterentwickeln wird und ob der Einsatz im OP und im Krankenhaus allgemein zu einer Verbesserung der Patientensicherheit und zu vereinfachten Arbeitsabläufen führen kann.

Was meint ihr zu diesen Ansätzen? Schreibt uns eure Kommentare!

Weiterführende Links / Quellen:
youtube.com/watch?v=8PK-jpds2qk; http://www.chir.med.tu-muenchen.de/mric/content/e88/e994/e996/e695/e697/artikel_rfid.pdf.pdf; http://www.aerzteblatt.de/archiv/56288/RFID-Technologie-Einsatz-im-Operationssaal; http://www.golem.de/1104/82600.html; http://www.computerwoche.de/a/klinikum-testet-rfid-im-operationssaal,591069; http://www.raas-rfid-jetzt.de/gesundheit; http://www.rfid-im-blick.de/20100719720/getaggtes-op-besteck.html; http://www.how-to-organize.de/de/medical/solutions/sterilgut/rfid.html

Orthopaedix

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Autor: Orthopaedix

bones and pain

8 Kommentare zu “RFID im OP – Ansätze für die Zukunft

  1. Die Ideen finde ich tatsächlich alle irgendwie gut – aber es wundert mich kaum, dass irgendwie (fas) alle Probleme hier erwähnt werden, die ich in einem anderen Kommentar schon (theoretisch) angerissen habe. Die Physik – und in diesem Fall die Elektrotechnik und Funkwellenphysik (inklusive Energieübetragungsmenge) läßt sich nun mal nicht austricksen – zumndest noch nicht.

    Na warten wir mal die Entwicklung ab. Da kommt bestimmt noch was cleverer konstruiertes bei Gelegenheit auf den Markt.

    • du hattest in der Tat beim anderen Eintrag jede Menge der erwähnten und in den Veröffentlichungen zum thema angerissenen Probleme geschildert – demnächst erfindest du dann was und wirst reich 🙂 auf gehts!

    • Jaaaa!! Bitte Funkströme dann auch gleich erfinden, ja? Ich hab‘ immer so Probleme mit den wenigen und ungüstig angebrachten Steckdosen. 😉
      Im Ernst, die Chips im OP wären sicherlich eine enorme Erleichterung, wobei die Ansprüche an die Technik in der Tat höher sind, als ich zuerst vermutet hätte. Ein steriles Umfeld ist halt doch kein automatisches Warenlager.

      • „Funk-Strom“ gibs schon lange. Nennt sich Tesla-Spule. Ist aber auch nicht ganz frei von Risiken und Nebenwirkungen. Und die Störungen werden wohl jeden RIFD-Chip ausnocken…

  2. Leider bisher immer noch Utopie, die an den Kosten scheitert.
    „demnächst erfindest du dann was und wirst reich“
    Da gibt es schon genügend Anbieter auf dem Markt, nur soll das
    ganze möglichst nichts kosten, höchstens aber weniger, als bisher.

    Solange sich da nichts tut, werden wir weiterhin per Hand zählen.

  3. Stelle mir das im Prinzip gar nicht mal so schlecht vor. Kann mir aber gut vorstellen, das es an der Kostensache scheitern wird, das die Krankenhäuser darauf verzichten werden.

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