Arzt an Bord

Zu Risiken und Nebenwirkungen…..

Fehlende Kompresse – Teil 2

17 Kommentare

Orthopaedix hat in seinem Artikel ja schon sehr anschaulich über die Zählrituale im OP-Saal und die auf mysteriöse Weise verschwindenden Kompressen berichtet. In der Regel tauchen alle verlorenen Kompressen wieder auf – nur leider nicht immer dort, wo man es sich wünschen würde. So auch in unserer heutigen OP:

Bei unserem Patienten stand ein großer Eingriff auf dem Plan: ein Aortobifemoraler Bypass. Klingt cool – ist es auch! Ein Bypass ist ein operativ hergestellter Umgehungskreislauf eines verschlossenen Gefäßes. In unserem Patienten sind die Aorta, also die Hauptschlagader des Körpers, und die Darmbeinarterien so verkalkt, dass seine Beine kaum noch mit Blut versorgt werden und er starke Schmerzen hat. Daher soll nun ein Kunststoffrohr eingebracht werden, dass die Aorta direkt mit den großen Arterien des Beines verbindet und so die verkalkten Bereiche umgeht. Hierfür muss zum einen ein sehr großer Bauchschnitt gemacht werden, damit der obere Teil der Prothese an die Aorta angeschlossen werden kann, und außerdem zwei Schnitte in der Leiste, um dort die beiden unteren Teile der Prothese an die Beinarterien anzuschließen.

Aortobifemoraler Bypass

Wir operieren fröhlich vor uns hin, hören Heintje im Radio und freuen uns, dass der Patient viel weniger Blut verliert, als wir eigentlich erwartet hätten. Am Ende der OP sind wir mit dem Ergebnis jedoch nicht ganz zufrieden. Das linke Bein ist nun zwar wieder gut durchblutet und schön rosig, aber das rechte ist immer noch ziemlich weiß. Durch eine Angiographie, also eine Gefäßdarstellung mit Kontrastmittel, soll geklärt werden, ob sich im Bein noch weitere stark verengte Gefäße befinden oder ob es ein Problem mit der Prothese gibt. Hierfür benötigt man allerdings ein Fluoroskop, ein Gerät zur Durchleuchtung, das die Röntgenbilder in Echtzeit wie einen Film auf dem Bildschirm zeigt. Leider sind wir im OP-Saal ohne das fest installierte Fluoroskop und unser mobiles Gerät befindet sich gerade bei den Neurochirurgen, die aus unerklärlichen Gründen für ihre aktuelle OP zwei Fluoroskope benötigen. Während wir also auf das Gerät warten und unsere Oberärztin sich irgendwann bei den Neurochirurgen beschweren geht, nähen wir nebenher den Bauch zu, damit später alles schneller geht. Schließlich soll die Wartezeit nicht ungenutzt bleiben.

Bei der Angiographie zeigt sich schließlich, dass auch die Beinarterien stark verkalkt sind und trotz der Prothese kaum Blut das Bein erreicht. Also verlängert sich unser Eingriff spontan um ein paar Stunden und wir bauen mit einer Beinvene des Patienten auch noch einen Bypass um die verkalkten Beinarterien herum.

Am Ende hat der Patient drei Schnitte am rechten Bein, einen in jeder Leiste und den großen Bauchschnitt, den wir zum Glück schon versorgt haben. Während wir mit dem Zunähen der Beine beginnen, zählt der OP-Pfleger die Kompressen. Eine grüne Bauchkompresse fehlt. Davon lassen wir uns zunächst nicht beeindrucken und nähen weiter die Schnitte am Bein zu – die wird schon wieder auftauchen. Doch irgendwann wird die Suche hektischer, Mülleimer werden zum dritten Mal kontrolliert, Beistelltische verschoben und Trittbänke angehoben. Alles ohne Erfolg, die Kompresse bleibt unauffindbar.

„In der Leiste kann sie nicht sein. Es bleibt eigentlich nur der Bauch. Aber das kann ja eigentlich nicht sein. Wir haben doch die Kompressen gezählt, bevor wir den Bauch verschlossen haben…“ „Sag mal, was ist mit der Kompresse, die wir unter die Milz gelegt haben. Haben wir die wieder entfernt.“ „Ich weiß es nicht.“ „Himmel ich auch nicht, aber wir haben doch gezählt, oder? Oder nicht?“

Über diese Frage herrscht Uneinigkeit im Raum. Während der Bauch verschlossen wurde, waren die meisten mit dem dringend benötigten Fluoroskop und den unfähigen Neurochirurgen beschäftigt. Außerdem wird der Bauch in der Regel erst am Ende der OP verschlossen, wo das Zählen ein festes Ritual ist, und nicht wie heute mitten während des Eingriffs. Wurde vielleicht wirklich nicht gezählt? Mit dem Fluoroskop wird eine Röntgenaufnahme des Bauches gemacht und siehe da – im linken Oberbauch befindet sich tatsächlich noch eine Kompresse. Ein Teil des Bauchschnittes wird schnell wieder eröffnet – zum Glück haben wir keine fortlaufende Naht gemacht, sonst hätte man den kompletten Schnitt eröffnen müssen. Die Ärztin wühlt mit ihrer Hand im Bauchraum und zieht endlich glücklich die vermisste Kompresse ans Tageslicht. Alle sind erleichtert. Wäre die verlorene Kompresse erst auf der nächsten Röntgenaufnahme der Lunge des Patienten wiederentdeckt worden, wäre das sehr peinlich und unangenehm gewesen. Manche Rituale haben eben zu Recht einen festen Platz im OP-Verlauf.

Ann Arbor

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Autor: Ann Arbor

"We're all stories in the end...just make it a good one! Because it was, you know, it was the best!" Doctor Who

17 Kommentare zu “Fehlende Kompresse – Teil 2

  1. Wow! Ich hätte nie gedacht, dass das so oft passiert und bin froh, dass ihr so viel nachzählt! 🙂

  2. Vielleicht sollte man Kompressen und Instrumente mit RFID-Chips ausstatten und einen Scanner in jeden OP hängen. 😉
    (Hab gerade Kopfkino, wie die Ärztin mit angestrengtem Gesichtsausdruck, zusammengezogenen Augenbrauen und rauslugender Zungenspitze nach der Kompresse angelt. *gg*)

    • Na toll, jetzt habe ich auch Kopfkino… und dabei steht sie natürlich noch auf Zehensptizen 🙂

    • es gibt bereits Ansätze Kompressen und Instrumente mit Chips auszustatten und diese dann durch eine Art „Lichtschranke“ an den Tisch bzw. in den Operationssitus zu bringen und am Ende sieht man dann an einem Monitor, was noch alles fehlt bzw. ob bei Anzeige einer grünen Farbe alles wieder aus dem Operationsgebiet an den Lichtschranken vorbei herausgegeben wurde…. das ist aber noch Forschung und die Umsetzung stelle ich mir teilweise kompliziert und aufwändig vor.

      • Produktionsfirmen mit automatischen Lägern und Versandbereichen haben so etwas oftmals schon.
        Die Ware wird jederzeit per Chip an der Palette oder wo auch immer, räumlich zugeordnet. Nach ersten Anlaufschwierigkeiten scheint das echt gut zu funktionieren. Die Frage ist höchstens, auf wie kleine räumliche Felder man das runterbrechen kann, so dass man evtl sogar die ziemlich genaue Position der fehlenden Teile sehen kann.
        „Bitte lupfen Sie die Milz, halten sich dahinter rechts und versuchen Sie die Leber heile zu lassen.“ *gg*

        • In etwa die Anzeige der Lokalisation des vergessenen Tupfers gibt es anscheinend sogar schon, Artikel folgt demnächst! Und Navigation mit „bitte links an der Milz vorbei“…. für was lernen wir da noch Anatomie? 😛 Aber auch hier gibt es bereits 3D-Ansätze, an denen die Chirurgen vor dem eigentlichen Eingriff am PC in virtuellen Welten den Eingriff üben und planen können!

    • Das mit den RIFD-Chips ist nicht so einfach, wie es sich als Vorschlag schreibt. Prinzipiell gibt es zwei Sorten:
      1) Den in eine Glasampulle eingeschweißten. Wird z.B. zu Chippen von Tieren genommen. Vorteile: Läßt sich äußerlich sterilisieren. Hat eine innerte Oberfläche. Nachteil: Hat ein relativ großes Volumen (Dicke).
      2) Den in einen flachen Aufkleber integrierten. Wird z.B. für Supermarkt-Kassensysteme und im Reisepass verwendet. Vorteil: Läßt sich sehr einfach anbringen. Hat eine höhere Reichweite. Nachteil: läßt sich nicht ohne weiteres sterilisieren (Hitzeeinwirkung auf das Papier/Plastik). Hat eine relativ große Oberfläche/Fläche (damit die große Antenne für die höhere Reichweite passt).

      Beiden Sorten ist gemein, dass sie ein Teil der Energie, mit der sie angefunkt werden, benutzen, um zurückzufunken. Und da beginnen die Probleme. Für größere Entfernungen braucht man eine große Antenne – also die Aufkleber. Die lassen sich aber nicht (ohne weiteres) OP-gerecht sterilisieren. Die kleineren Glasampullen haben eine sehr kurze Reichweite – das Lesegerät muss schon direkt auf die Hautstelle über den Chip gehalten werden. Beide können nicht im „inneren“ von Metallteilen wie chirurgischen Gerät untergebracht werden, weil schon eine völlig geschlossene Alufolie (oder auch eine dickere Schicht wasserhaltigen Gewebes) reicht, um die Chips abzuschirmen. (Das klappt übrigens auch mir Reisepässen – einfach in Alufolie wickeln. 😀 )

      Was könnte man also mit den RIFT-Chips maximal machen? Bein Zugang zum OP-Nah-Bereich und beim herausnehmen aus dem OP-Nah-Bereich über einen Scanner ziehen. Dann weiß man, WAS fehlt (nur soweit waren wir ja jeweils schon). Aber man weiß immer noch nicht, WO das fehlende Teil ist. Und das bekommt man mit den Glasampullen-Chips gar nicht raus (mangelnde Reichweite und gegebenenfalls abgeschirmt durch reichlich Gewebe), und mit den Klebechips nur sehr grob (es werden ja weder Orts- noch Richtungsangaben übermittelt.) Also auf diese Weise sehe ich das RIFT-Chip-System nicht als wirkliche Lösung.

      • Ich denke, neben den technischen Problemen kommt der Preis der Entwicklung und der Anschaffung solcher OP-Instrumente/Tücher noch erschwerend hinzu. Man müsste ja den kompletten OP-Bestand auswechseln…

      • Ah, so tief stecke ich in der Materie nicht drin, interessant.
        Danke! 🙂

      • ich habe mich gerade über den Einsatz von RFID-Chips im OP informiert und werde demnächst mal dazu einen Artikel posten. 😉

        • Fände ich sehr spannend. Kann ja sein, dass meine eher theoretische Betrachtung des Problems schon auf eine ganz andere Weise gelöst wurde. Wie man einen Tupfer mit einen RIFT-Chip ausstatten will, ist mir aber dennoch etwas unklar…. Ich freue mich auf den Artikel.

        • Es müsste doch schon reichen metallische Fäden einzuarbeiten. Sollte man bei Röntgen MRT und was sonst noch alles Bilder macht, deutlich sichtbar sein.

          Ansonsten ist Polymerelektronik (organische Elektronik) in der Entwicklung, dann werden die Tücher einfach bedruckt, wie das mit der Temperatur aussieht weis ich aber nicht.

          • röntgendichte Streifen sind in jedem Tupfer bereits vorhanden, um sie ggf. im Röntgen nach der OP zu sehen 🙂 Gute Idee!

          • Ein Metallfaden im Tupfer? Ich dachte bisher, da sind mit Bariumsulfat bearbeitete Fäden eingewebt. (Bariumsulfat nimmt man auch als Röntgenkontrastmittel bei der Darstellung des Darms…)

          • da bin ich überfragt, ich weiß nur, dass da was eingewebt ist 😉 aus welchem material… nie drüber gedanken gemacht 😉

          • Sichtbar sind die Kompressen auf jeden Fall im Röntgen, daher wussten wir ja, wo sich unsere fehlende Kompresse befindet! Welches Material das genau ist, weiß ich allerdings auch nicht

    • Hihi, das Kpfkino spiegelt die Realität ziemlich gut wieder 😀

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