Arzt an Bord

Zu Risiken und Nebenwirkungen…..

Kompresse?

7 Kommentare

Im OP liegt es in der Verantwortung und Zuständigkeitsbereich der anreichenden OTA (OperationstechnischeR AssistentIn) am Ende einer jeden OP genau so viele Kompressen, Bauchtücher, Nadeln für Fäden, Klammern, Haken etc wieder auf ihren Tischen zu haben, wie sie vor der OP gestartet war. Deswegen sind die meisten OTAs sehr darauf bedacht, möglichst oft genug alles penibel nachzuzählen, zu sortieren, zu ordnen und im Blick zu haben (ich würde ja gerne mal eine private Wohnung einer OTA sehen und ob dort auch so tolle Ordnung herrscht, selbst wenn ein furioser Chirurg sie ins schwitzen bringt).

Ab und zu dachte ich mir gegen Ende der OPs, dass man es mit dem Nachzählen auch übertreiben kann – es gilt das Vieraugenprinzip und deswegen schaut eine nicht sterile OTA (sog. Springer) auch nochmal alles durch.

Es entsteht gegen Ende der OP folgende Situation:

(c) fr-online.de

Der Springer hängt alle Kompressen und Tücher, die aus dem OP-Gebiet kommen und verbraucht sind schön säuberlich über den „Müll“ auf, damit die sterile OTA aus der Ferne zählen kann, wie viele Tücher sie dort hängen sieht. Die OTA am Tisch beginnt zu zählen und reicht nebenbei weiterhin Instrumente an die Chirurgen und die operierende Meute. Sie muss sowohl verbrauchte, als auch aktuell am Tisch befindliche, als auch noch unverbrauchte Kompressen (gleiches gilt u.a. auch für die Nadeln) mitzählen. Am Ende muss sie auf eine Zahl kommen, die derjenigen entspricht, die der anreichende Springer notierte, als er alles ins sterile Feld anreichte. Danach zählt der Springer nochmals alles nach bzw. schaut gleichzeitig beim Zählen mit drauf und bestätigt das korrekte Zählen. Diese Prozedur wiederholt sich mindestens zweifach, gerne auch mal drei, vier, fünf…. die OP dauert ja noch, also kann man doch mal zählen. Ab und an fehlt beim ersten Zählen eine Kompresse, die sich einer der schneidenden Vermummten heimlich stibitzt und noch nicht wieder herausgerückt hat. Meist aber klärt sich diese ausgebüchste Kompresse schnell auf und alle sind glücklich.

Wenn aber zu oft gezählt wird, wundert es nicht, dass da manchmal ein  schnippischer Kommentar von den Vermummten kommt, ob das Zählen denn nicht bis nachher warten könne und man jetzt sein Instrument angereicht bekommen könne. Übertrieben vorsichtig, was? Falsch gedacht!

Denn neulich,  da stimmte plötzlich die Anzahl der Kompressen am Ende der OP nicht mehr.
Es handelte sich um einen großen Eingriff, der schon einige Stunden andauerte. Baucheingriffe eignen sich hervorragend, um Kompressen verschwinden zu lassen. Wenn die erstmal mit Blut vollgesaugt sind, verstecken sie sich gerne im Bauchraum und mit dem Gewühle im Gedärm suchen sie sich Wege, um aus dem Blickfeld zu entkommen – und schon ist die Stimmung bombig. Es gibt inzwischen auch technische Mittel, mit denen man dieses „Vergessen von Instrumenten im Situs“ zu verhindern versucht, aber diese haben sich noch nicht so weit verbreitet (weil teuer, weil zu aufwändig, weil zu kompliziert), dass man immer noch auf das gute alte Zählen zurückgreift.

Wir waren also auf der Zielgeraden eines großen Eingriffs, ein Stück vom Darm hatten wir entfernt, einen Tumor herausoperiert und nun gerade dabei, die große Wunde am Bauch mit einem Netz zu verstärken und dann die Bauchdecke wieder zusammenzunähen.

Plötzlich zunehmende Unruhe aus der Ecke der OTA und der Springerin. Mehrfaches Zählen. Unruhe. Hektik. Irgendetwas stimmte nicht. Sie beugt sich in unser OP-Feld, wieder zurück an den Instrumententisch. Dreht sich zu ihrem anderen Tisch, auf dem die Kompressen liegen. Zählt nach. Nochmals. Dreht sich wieder zu uns, hebt diverses Instrumentarium und Kabel hoch. Sucht nach einer Kompresse. Die angereichte Zahl entspricht nicht der abgegebenen bzw. noch rumliegenden. Es fehlt eine Kompresse!

„Habt ihr bedacht, dass vorhin beim Lagern die Rasur der Haare am Bauch mit einer Kompresse unterstützt wurde?„, „also hier liegt nichts rum„, „ist eine Kompresse runtergefallen?„, „habt ihr mal am Po geschaut?„, „ist da keine Kompresse in die Tüte gefallen?„, „war vorhin beim Lagern nicht eine verwendet worden?“….

Viele Ratschläge und Hilfestellungen von Seiten der Operateure, die sich an der Suche beteiligen (immerhin droht sonst eine deutliche Verlängerung der OP, wenn alles wieder aufgemacht und die Kompresse im Bauchraum gesucht werden müsste). Derweil räumen zwei Springer die gesamten Müllsäcke auf den Boden des OPs und durchwühlen den gesamten Müll – eine ganze Menge, denn die OP dauert schon länger und inzwischen haben die Oberärzte zwei Mal gewechselt (was jedes Mal einen neuen Kittel und Handschuhe im Müll bedeutet). Fast wie beim Sperrmüll wird alles breit getreten, einzeln von links auf rechts gekrempelt, hochgehoben, ein wenig Blut spritzt den Springer ans Hemd…. Der Lagerungspfleger kommt dazu, bestätigt, dass er eine Kompresse genommen habe – Aufatmen? Nein, denn die war schon in der Rechnung berücksichtig worden. Der Springer, der zuvor als anreichender OTA am Tisch stand, erinnert sich plötzlich wieder daran, dass er in einer Packung nur 9 statt 10 Kompressen hatte – ein Abfüllfehler. Jetzt aber! Zu früh gefreut, denn auch das war bereits notiert und berücksichtigt.

Wir stoppen das Annähen des Netzes und wühlen erneut im Bauchraum nach der verschollenen Kompresse. Eigentlich sind wir uns einig, dass wir keine vergessen haben, aber wer weiß, das passiert schneller als man denkt. Tief im Gedärm in alle Richtungen, das Netz zur Seite weggeklappt, bevor es dann in die Bauchwand genäht werden sollte… nichts. nirgends. Verzweiflung, was denn nun?! Wo kann sich eine Kompresse denn sonst noch verstecken?

Bis dann einem Springer einfällt, dass der Patient ja einen künstlichen Darmausgang habe, den man mit einer Kompresse bedeckt und dann mit Kleber abgeklebt hatte. Ja DAFÜR ist natürlich zu Beginn der OP (also vor ein paar Stunden) eine Kompresse verwendet worden.

„Ich dachte, diese Kompresse habt ihr schon längst mitgezählt!“  verteidigte sich der Operateur. Und konnte danach sein Werk erfolgreich beenden. Alle Kompressen da, alle Nadeln auf dem Tisch und alle zufrieden.

Man kann einfach nicht vorsichtig genug sein!

Orthopaedix

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Autor: Orthopaedix

bones and pain

7 Kommentare zu “Kompresse?

  1. Meine Mutter (sie nennt sich allerdings noch OP-Schwester 😉 ) hat mal ein Jahr in Straßburg gearbeitet (lang ists her) und ist dort mit dem Professor aneinander geraten, der hat die Kompressen nämlich mit Vorliebe durch die Gegend oder unter den Tisch geschmissen und der Op Pfleger mochte meine Mutter nicht so wirklich und hat ihr, die sie des Französischen nicht so mächtig war, gerne mal falsche Zahlen auf Französisch zugerufen…
    Das Ende vom Lied war, dass meine Mutter sich geweigert hat, weiter mit dem Professor zu operieren. Die Leitung, die Ehefrau des Professors, hats verstanden und sie nicht mehr für Ops mit ihm eingeteilt…

  2. Wie wahr, wie wahr..
    Mir fallen zu dem Thema gleich 2 Witze ein. Selbe Situation wie oben beschrieben – ein Bauchtuch fehlt nach der OP von einem Elefanten.
    Es wird aufgemacht, Bauchtuch rausgenommen.
    „So, jetzt haben wir alle Tücher?“
    „Ja, aber wo ist Schwester Petra“ 😛

    Witz 2
    In einer Bar kommen er und sie ins Gespräch, sie gehen zu ihr, sie beginnt sich auszuziehen.
    Erst die Socken, ordentlich gefaltet, Strumpfhose, Rock, BH, legt es ordentlich auf einen Turm und es geht zur Sache.
    Hinterher fragt er „Sag mal, bist Du OP Schweester?“
    „Ja, wiedo?“
    „Wegen der Ordnung“
    „Ach so ja. Wenn wir dabei sind – bist Du Anästhesist?“
    „Ja, wieso?“
    „Ich hab gar nichts gespürt“

    haha

  3. Ich habe mal einige Zeit im OP Praktikum gemacht und da war eine ähnliche Situation wie oben beschrieben. Es wurde alles durchsucht, aber das fehlende Bauchtuch konnte einfach nicht gefunden werden. Irgendwann steht der Oberarzt von seinem Hocker auf und wir entdecken das fehlende Teil. Es lag – genau – auf dem Hocker und der Oberarzt saß mit seinem allerwertesten drauf…

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