Arzt an Bord

Zu Risiken und Nebenwirkungen…..

Lektionen in Arroganz

17 Kommentare

Der Graf trägt die halblangen Haare zurückgegelt und begrüßt mich an meinem ersten Tag mit einem: „Und wo warst du bisher? Auf der Gyn? Na dann herzlich willkommen in der echten Medizin.“ Ist mein erster Tag und wer versaut es sich da schon gerne gleich mit seinem Assistenzarzt, also mache ich gute Miene zum blöden Kommentar. „Naja, zumindest in der echten Chirurgie, was?“ „Nein nein, du hast mich schon richtig verstanden. Von der Medizin verstehen die Gynäkologen nichts.“ Na dann ist ja gut. Wie nett, dass mir das nach 15 somit verschwendeten Monaten endlich mal jemand erklärt.

Ich beschließe, dass mir seine Meinung über mein Wahlfach erst einmal egal sein kann. Aber, wie ich sehr schnell merke, ist es kaum möglich an seiner Meinung vorbei zu kommen. Und so höre ich mir eben den restlichen Tag an, was die „Gynäkopathen“ alles nicht können. Operieren natürlich schon gar nicht. Und eine Pelviskopie ist nur eine schlechte Karrikatur einer anständigen Laparoskopie. Aber keine Sorge, wir wollen ja nicht so allgemein bleiben. Persönliche Kritik ist immer sehr viel zielführender. Also sieht die eine Assistentin aus der Gyn eben aus wie ein explodierter Besen und die andere hat einfach ein zu fettes Grinsen. Der Chef dafür ein Neandertalergesicht. Ja, kein Wunder, dass von denen niemand etwas drauf hat.

Aber natürlich gilt das nicht nur für die Gynäkologen. Am nächsten Mittag landet meine PJ-Vorgängerin an unserem Tisch, die jetzt in die Anästhesie rotiert ist. Sie wird netterweise gleich zu Beginn ihres verschwendeten Tertials über die Unfähigkeit der „Nekroseärzte“ aufgeklärt. Die können nicht nur nichts, nein, die tun noch nicht mal was. Und dann brauchen sie dafür auch immer noch so ewig. Das ist besonders schlimm, denn im Vergleich zu den „Gynäkopathen“ behindern sie damit ja sogar direkt die freie Entfaltung der Chirurgen.
Wobei, man muss ja gerecht sein: Das tun die Gynis auch. Schließlich blockieren sie ja immer so ewig den OP mit ihren Sectiones. Und überhaupt, was für eine unästhetische OP. All dieses stumpfe Gezerre und Gereiße. Das würde scharf getrennt doch viel schöner werden. Und auch viel besser gehen. Vielleicht sollte er mal rüber gehen und ihnen einen Tipp geben. Meine Kollegin und ich tauschen einen Blick – ich ein bisschen ungläubig, sie mit 15 Wochen Vorerfahrung milde genervt.

Es hätte mich wahrscheinlich nicht wundern sollen, dass die eigenen Kollegen auch keine Chance haben. Aber zuerst dachte ich doch, es geht nur darum, dass niemand ein so guter Arzt ist, wie die Chirurgen. Wie dumm von mir. Natürlich ist niemand ein so guter Arzt, wie Der Graf. Und die Assistenzärztin, die sich seit Monaten den Arsch in der Notaufnahme aufreißt und deshalb nicht in den OP darf, ganz besonders nicht. Die kann ja auch nix, außer Arbeit abzugeben. Ja, genau, OPs zum Beispiel. Die „muss“ dann doch tatsächlich er machen. Tragisch!

Ich selbst habe es noch in der ersten Woche auf die „Unfähig“-Liste geschafft. Wie? Oh, natürlich weil ich weder Latein noch Griechisch spreche. Und einen Faden führen kann ich auch nicht wirklich. Aber da bin ich freundlicherweise entschuldigt. Das können die Gynäkologen ja selbst nicht. Aber, dass ich ihm dann nichtmal sagen kann, wie das, was ich da mit dem Faden nicht mache eigentlich auf schlau heißt… Und wenn ich wenigstens Italienisch gelernt hätte, dann könnte ich es mir herleiten. Aber doch keine so nichtsnutzige Sprache wie Spanisch. Die Anästhesistin in meinem Rücken lacht leise: „Na da lernst du ja gleich mal ein paar Lektionen in Arroganz heute.“ Amen.

– Spekulantin

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Autor: Spekulantin

Die kochen alle nur mit Wasser

17 Kommentare zu “Lektionen in Arroganz

  1. Ohje, dann wünsche ich mal einen dickes Fell für die nächste Zeit.

  2. ich möchte brechen. *mein beileid* ich bestelle hiermit beim universum: du darfst dabei sein, wenn ermal so richtig schön verkackt. (natürlich ohne dass ein pat. zu schaden kommt). best case: seine frau bekommt ein kind und DU bist die gynäkologin.. MUAHAHAHHA…..

    • *lach* DAS wäre wirklich witzig, sein Kind auf die Welt zu bringen. Aber ich glaube, ich würde ihn ins Klo sperren. Arrogante Kommentare während alles Blut und Fruchtwasser schwimmt, darauf kann ich verzichten. Wobei, wenn ihm der Schweiß ausbricht, weil ich ja so inkompetent bin… Am Ende legt er noch selber Hand an 😀

  3. mensch, wieder mal einer, der dem chirurgenklischee so richtig gerecht wird 😉

    • Glücklicherweise ist es echt der Einzige in der Abteilung. Aber irgendwoher müssen die Vorurteile ja kommen 😉

  4. Chirurgen halt…. nä? Hätteste Anderes erwartet? MUAHAHAHHA

    • *lach* Erwartet hatte ich das allerschlimmste! 😛 Und dann sind die alle so schrecklich nett. Da war ich ja fast froh wenigstens einen „echten Chirurgen“ zu treffen 😉

  5. anders rum war der kulturschock aber schlimmer fand ich.. also ich hab einen monat praktikum auf der allg. chirurgie gemacht und meine einzige interaktion mit einem arzt war, als ich ihm eine neue packung handschuhe hingestellt hab, was er zur kenntnis genommen hat, aber mehr auch nicht 😀 und dann war kam ich auf die onko, esse an meinem ersten tag ganz normal mit den schwestern fruehstueck und ploetzlich kommt die eine aerztin rein und fragt, ob ich nicht bei der kmp zugucken moechte, haette ich ja schliesslich bestimmt noch nie gesehen.. und ich hab erstmal gar nicht kapiert, dass sie mit mir spricht, weil sie ja schliesslich aerztin ist und ich nur praktikantin bin 😀

    • *lach* Ja, aber das ist wenigstens ein positiver Kulturschock. Wenn auch ein krasser! Ich hoffe du konntest dann tatsächlich einiges lernen in der Inneren!

  6. „Die können nicht nur nichts, nein, die tun noch nicht mal was. Und dann brauchen sie dafür auch immer noch so ewig.“ Also ich muss ja zugeben, da musste ich grade loslachen und nicken… Natürlich nur ganz heimlich 😉

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