Arzt an Bord

Zu Risiken und Nebenwirkungen…..

Die Notaufnahmen-Schmonzette – Akt III

19 Kommentare

Die Pause ist um, ich hoffe jeder hat sich mit den verkauften Waren, deren Erlös zur Rettung der armseligen Studenten eingesetzt werden wird, eingedeckt. Nun geht es weiter mit dem Dritten Akt. Wer den ersten oder zweiten verpasst oder vergessen hat, kann diese hier und hier nachlesen. Der Vorhang hebe sich!

Dritter Akt.

Aufzug I – Die Rückkehr

Frau Isnogut kehrt zurück aus der Radiologie. Bzw. aufgrund der starken Schmerzen, die sie noch immer plagen, wird sie von der Pflegekraft zurückgekehrt, sprich zurückgeschoben. Erneut entert sie Kabine 3, die sie zum persönlichen Hoheitsgebiet erklärt. Nun heißt es ein paar Minuten warten, bis die Aufnahmen aus der Radiologie befundet sind und die Ärzte sich ein Bild über die Lage gemacht haben.

Aufzug II – der vierte Rapport

Während Frau Isnogut in ihrem neugewonnene Hoheitsgebiet wartet, klickt sich der Student ungeduldig durch die ersten Aufnahmen aus dem CT und den ausstehenden Werten des Labors und wartet sehnsüchtig auf den Befundbericht des Radiologen. Kaum, dass dieser den Bericht aktualisiert im System verfügbar gemacht hat sowie das Labor aus „folgt“ richtige Werte gezaubert hat,wird der Assistenzarzt informiert. Dieser greift umgehend zum Telefon und kontaktiert seinen Oberarzt. Es folgt der vierte Bericht über Frau Isnogut („wer war das nochmal? Ach, ich erinnere mich„), nun inklusive der Befunde aus dem CT und des Labors. Vom Oberarzt wird telefonisch das weitere Vorgehen (in diesem Fall die stationäre Aufnahme) durchgegeben.

Aufzug III – dritter Auftritt Weißkittelgespann

Von links betreten der Assistenzarzt und der Student (in dieser Reihenfolge) Kabine 3. Mit der Anweisung des Oberarztes im Gepäck wird Frau Isnogut über das weitere Vorgehen informiert. Dankbar erklärt sie sich bereit stationär über Nacht zu bleiben – nicht, ohne erneut darauf hinzuweisen, dass sie dann aber bitte schön nicht wieder so ewig lange warten kann und es zügig weitergehen müsse, schließlich habe sie ja auch noch etwas anderes zu tun. Die Klage beim Chefarzt fällt zunächst, nachdem Frau Isnogut versichert worden ist, dass auf Station der Chefarzt sich persönlich um ihr Wohl kümmern wird. Die Welt ist wieder hell und die Sonne strahlt. Verabschiedung des Assistenzarzt. Abtritt Weißkittel.

Aufzug IV – zweiter Auftritt PJ’ler

Nach Verlassen der Kabine 3 und Übertritt in klinische Notaufnahme-Hoheitsgewässer fällt dem Weißkittelgespann auf, dass auf die Frage, ob Frau Isnogut ein Einbettzimmerzuschlag hat,  keine Antwort existiert. Deswegen wird der Student nochmals in die Kabine beordert, in der er mit entsetzt dreinblickender Frau Isnogut konfrontiert ist, die ihm erklärt, sie sei „natürlich privat und Einzelzimmer versichert, was er sich denn denke, schließlich möchte sie nur vom Chef persönlich behandelt werden und nur die beste Medizin angedeiht bekommen. Und das nicht mit irgendeiner dahergelaufenen Zimemrnachbarin, die womöglich noch schnarcht oder sonstwie schlechten Einfluss auf sie ausübe.“ Abgang Student, Zurückbleiben der kopfschüttelnden Frau Isnogut über so viel Ignoranz.

Aufzug V – Papierkram 1

Am PC der Notaufnahme wird nun vom Studenten die Aufnahme von Frau Isnogut erledigt. Während er die Aufnahmedaten und Befunde in den PC eintippselt, sucht der Assistenzarzt telefonisch nach einem freien Bett und meldet Frau Isnogut auf der Privatstation als neuen Zugang an. Freudejauchzen durch die dortige Pflege dringt durch das Telefon.
Danach erfolgt die Kontrolle der Aufschriebe des Studenten im PC durch den Assistenzarzt.

Wir verzichten hier aufgrund der fortgeschrittenen Uhrzeit darauf, den Studenten zur Erhebnung des vollständigen körperlichen Status erneut zu Frau Isnogut zu schicken und unterstellen ihm die Weisheit schon bei seinem ersten Aufzug gründlich und umfassend untersucht zu haben. (wer’s glaubt).

Beim Thema „Allergie“ entsteht kurzzeitig Unklarheit: Allergie auf Penicillin? Inwiefern äußerte sich diese?

Aufzug VI – dritter Auftritt PJ’ler

Erneut wagt es der Student bei Frau Isnogut in der Kabine vorbeizuschauen – vorausschauend hatte er sich zuvor nicht final bei der Patientin verabschiedet, sodass er nun gesichtswahrend erneut bei ihr aufkreuzen kann. Auf die Frage, wie sich ihre angegebene Penicillin-Allergie geäußert habe, erfährt der Student von Frau Isnogut, dass diese nach der letzten Einnahme einen Tag Durchfall erlitten habe. Alle typischen Allergiesymptome werden verneint. Abtritt Student.

Aufzug VII – Papierkram 2

Mit dem neu erworbenen Wissen über die angebliche Allergie kehrt der Student schulterzuckend zum PC zurück und löscht kurzerhand die Angabe über eine mögliche Allergie. „Durchfall ist eine unerwünschte Nebenwirkung, jedoch keine Allergie„. Mit dieser Erklärung wird die Löschung durch den Assistenzarzt abgesegnet, der inzwischen die weiteren Anordnungen für die Station ausgefüllt hat. Frau Isnogut ist nun zum Abtransport auf Station fertig.

Aufzug VIII – vierter Auftritt PJ’ler

Mit den Anordnungspapieren für die Station betritt der Student ein (hoffentlich) letztes Mal Kabine 3, händigt die Papiere Frau Isnogut mit der Bitte diese auf Station abzugeben aus und verabschiedet sich erleichtert von der Patientin. Gute Besserung, machen Sie es gut und auf wiedersehen. Erneuter und letzter Abtritt PJ’ler.

Aufzug IX – Abschluss Pflege

Die Pflegekraft (ja, die von vorhin mit dem dicken Fell) betritt Kabine 3 und verfrachtet Frau Isnogut kurzerhand in einen Rollstuhl. Diese protestiert erneut lautstark, sie habe doch Schmerzen und müsse liegen, der Weg auf die Station dauere bestimmt ewig und das ginge nicht im Sitzen, was ist das denn für ein Krankenhaus und überhaupt, was erlaubt sich die Pflege, sie sei doch immerhin privat versichert. Das Fell schützt die arme Pflegerin vor allzu starker Anteilnahme, stattdessen wird Frau Isnogut im Gefühls- und Erregungszustand der Aufnahme nun auf die Station gebracht – wie sie kam, so geht sie auch. Nur liegen dazwischen reale 2,5 Stunden und gefühlte 2 Tage.

Abtritt Assistenzarzt. Abtritt Student. Abtritt Pflegekraft, die Frau Isnogut im Rollstuhl davon schiebt. Wieder ein Leben gerettet.

Ende Dritter Akt. 

Fin.

Der Vorhang schließt sich, wir wollen den Betrieb  der Notaufnahme nun seinem geregelten Gang überlassen und ziehen uns als Zuschauer zurück.
Wir freuen uns, wenn Sie auch demnächst wieder dabei sind, wenn in diesem Hause ein neues Stück gezeigt wird.

Orthopaedix

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Autor: Orthopaedix

bones and pain

19 Kommentare zu “Die Notaufnahmen-Schmonzette – Akt III

  1. Herrlich! Ein wahrlich packendes Drama mit viel Authentizität und Realismus.
    Falls ich es überlesen haben sollte: Mit welcher Diagnose wurde die arme, leidende, ja schon fast dem Tode nahe Dame eigentlich aufgenommen? Oder sprechen wir hier in diesem Drama von einem offenen Ende, was den Leser zum nachdenken anregen soll?
    Ich freue mich schon auf weitere spannende Schriften über den brisanten Alltag in der NOT-Aufnahme 🙂

    • *hihi* die Diagnose darfst du dir als Leser selbst aussuchen…. nimm Galle oder Bauchspeicheldrüse oder nimm einfach nur Sodbrennen oder Magenentzündung. Oder nimm psychosomatisches Krankheitsbild… 🙂

      • Und ich dachte jetzt glatt, ihr seid an die Schweigepflicht gebunden.

        @Zewa Ich finde den Ton nicht grenzwertig. Ganz im Gegenteil bekommt man Informationen, die ansonsten den Patienten nicht erreichen. Und das gilt für den gesamten Blog.

        • sind wir auch – wir schildern unsere Fälle meist abstrakt, verändert, ausgeschmückt, ausgedacht, beispielhaft für ein bestimmtes Kollektiv an Patienten oder Erlebnisse mit Patienten. 🙂

  2. Schade, dass ich nie erfahren werde, was passiert wäre, wenn einer der Weißkittel folgenden Satz rausgehauen hätte 😀
    „Solange Sie meckern können, sind Sie nicht krank.“

  3. Schon mal,auf die Idee gekommen, dass hier auch potentielle Patienten mitlesen. Der Ton ist oft grenzwertig. Und auch wenn es ganz unvorstellbar für Sie ist, aber Ein Besuch in der notaufnahme ist für den betroffenen sehr stressig und die von ihnen geschilderten Abläufe sind einem überhaupt nicht transparent. Nicht verwunderlich, dass das Einfühlungsvermögen in die Situation des anderen so unausgeprägt ist. Schade für alle Beteiligten…

    • Als potentieller Patient finde ich die Schilderung völlig OK. Es wäre mir sogar schnuppe wenn über mich gebloggt würde, sofern ich mich bloggenswert aufführe. Wenn man nicht damit klarkommt, dass Ärzte auch manchmal menscheln sollte man solche Blogs nicht lesen und statt dessen ein Medizinbuch zur Hand nehmen – ähnliche Thematik nur ohne grenzwertige Töne.

      • danke für deinen Kommentar. Ich denke die Schilderung sollte den normalen Ablauf in der Notaufnahme schildern und zeigen, warum man als Patient manchmal einfach länger warten muss und nicht gegenüber Patienten respektlos klingen. Das haben wir hier im Blog nicht vor und beabsichtigen dies auch in keiner Weise. 🙂

    • Ich stimme Ihnen da zu: das Hauptproblem, warum Patienten sich in der Notaufnahme nicht wohlfühlen ist das Unbehagen, dass sie nicht wissen, was als nächstes passiert und warum sie solange auf den Arzt warten müssen. Insofern versuche ich als Famulant schon mein bestes zu tun, indem ich dem Patienten erkläre, dass der Arzt grade noch im OP ist bzw. noch auf Station bzw. das Röntgenbild grade auswertet, ggf. auch mit seinem Oberarzt zusammen. Und kaum ist der gestresste Patient informiert, dass alles gut wird entspannt er sich auch schon wieder 🙂
      Allerdings denke ich ebenso, dass diese Schilderung in keinster Weise diffarmierend, sondern lediglich karrikarisierend geschrieben und gemeint ist. Wo kämen wir denn hin, wenn Komik nicht mehr das wahre Leben verzerrt, um gewisse Dinge zu verdeutlichen/betonen.

    • Ich kenne nur Notaufnahmen, die ängstliche Patienten beruhigen und versuchen, sie den ganzen Zeit Stress nicht spüren zu lassen.
      Auf Fragen wie „Was passiert jetzt? Wie geht es weiter?“ wurde gut reagiert, aber diese Klischee „Wir sind was besseres“ Patienten kann einfach keiner ab.
      Da ist man einfach nicht mehr einfühlsam.

      • ich denke, das wird dir überall so gehen. Wenn du ins Autohaus gehst und dort den ungeduldigen Macker spielst, der alles besser weiß und sofort mit dem Chef persönlich sprechen will, dann werden sie dich dort auch mit anderen Augen ansehen… wenn man ein wenig Geduld mitbringt, ein wenig Verständnis, dass es auch andere Patienten gibt, denen es schlecht geht und den Glauben, dass die Ärzte nicht böswillig sind sondern sich um alle kümmern und teilweise auf dem zahnfleisch gehen – dann ist das für alle Seiten eine gute Lösung 🙂

    • Es gibt doch überall eine Geheimsprache die man vor dem Kunden sprechen kann.

      Hatte mein Chef (Elektrobetrieb) keine Zeit für ein Auftragsbesprechung vor Ort wurde auch schon mal ein Geselle hin geschickt, allerdings soll der Kunde spätestens wenn er im Laden vorbeischaut mit dem Chef sprechen, bei dem „Terminvereinbarungstelefonat bei dem der Kunde mithört wollte der Chef schon Infos haben ob der Kunde

      – arm oder reich
      – Öko/Technik/Sicherheits Freak
      – Wer hat die Hosen an?
      – problematischer Kunde
      oder sonst etwas besonderes ist.
      Dafür gab es Codes die während des Gesprächs übermittelt wurden. Das Ärzte auch eine Geheimsprache haben ist mir durchaus bewusst. Wie soll der Arzt sonst sagen „Ich glaube der Patient ist nur ein Simulant, bin mir aber nicht wirklich sicher, schau mal das kommt vielleicht auch von mangelnder Körperhygiene.“

  4. Mein Kompliment an den Verfasser des Stückes! Hat mir erfolgreich den Abend versüßt! 🙂
    Ich war letzte Woche froh verhältnismäßig zügig und angemessen behandelt zu werden, als ich in der misslichen Lage war, mich selbst in die Notfallambulanz begeben zu müssen. Und das trotz der absolut unchristlichen Uhrzeit von vier Uhr in der Früh, nur das die Uhrzeit meine Schmerzen absolut nicht interessiert hat und ihnen erst mit einer netten kleinen Spritze beigekommen werden konnte. Bin ich zwar sonst kein Freund von, also von der Chemiekeule, aber in diesem Fall war ich sehr froh um diese Erfindung! 🙂

  5. Nicht schlecht! 🙂

    Allerdings ein paar kleine Anmerkungen:

    Frau Isnogut kommt an einem Samstag abend in die NA, mittels RTW.

    Die Bauchschmerzen bestehen seit mindestens 4 Wochen.

    Sie würde die stationäre Aufnahme verweigern,
    UND
    natürlich(!) fordern mit dem Rettungswagen nach Hause kutschiert zu werden.

  6. Erstmal ein großes Kompliment für euren Blog! Der ist wirklich super!

    Zu dem Gebiet der Dringlichkeit in der Notaufnahme habe ich auch mal eine Frage. Mir ist das generelle Prinzip natürlich vollkommen klar, dass die Leute je nach Beschwerden früher oder später dran kommen. In meiner Familie gab es nur vor einiger Zeit einen Fall, wo das meiner Meinung nach überhaupt nicht gut gelöst wurde und ich frage mich warum:

    Und zwar hatte mein Onkel eine Gehirnblutung. Die äußerte sich zunächst mal in unglaublich starken Kopfschmerzen, so dass er als erstes zu seinem Hausarzt gegangen ist. Dieser schickte ihn sofort ins Krankenhaus, wo er zusammen mit meiner Tante dann auch hinging. In der Notaufnahme des Krankenhauses musste er dann geschlagene drei Stunden warten!!! Ich frage mich, wie es zu so etwas kommt? Bei der Kurzanamnese durch die Krankenschwester müssten ja folgende Informationen bekannt werden: plötzliche sehr starke Kopfschmerzen, der Hausarzt nimmt es so ernst, dass er den Patienten ins Krankenhaus schickt, der Patient ist zwar noch ansprechbar, wirkt aber recht weggetreten vor Schmerzen. Müssten da nicht sämtliche Alarmglocken schrillen? So wie man bei plötzlich auftretendem Brustschmerz an einen Herzinfarkt denkt? Mich würde das wirklich mal interessieren!

    Das Ende der Geschichte ist übrigens trotzdem ein Gutes: nach vielen Wochen auf der Intensivstation, verschiedenen Komplikationen etc etc geht es meinem Onkel wieder so gut wie vorher.

    Marvine

    • danke für das Kompliment! 🙂

      Eigentlich wird auf der Notaufnahme in größeren Kliniken nach der sog. Triage-Methode verfahren: eine geschulte Pflegekraft oder ein Arzt stuft jeden Patienten im ersten kurzen Kontakt nach Dringlichkeit ein und entsprechend schnell wird er dann weiterbehandelt vom Team dahinter…. warum das bei deinem Onkel so lange dauerte, kann ich dir nicht genau sagen, vllt war die Blutung nicht so akut (schlechte Ausrede), vllt war grad ein wenig Chaos oder es waren junge und unerfahrene Ärzte, die den Überblick verloren haben oder oder oder…. ein Glück bei der Geschichte, dass am Ende nichts schlimmeres passierte und es ihm inzwischen wieder gut geht!

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