Arzt an Bord

Zu Risiken und Nebenwirkungen…..

MRSA

12 Kommentare

In diesem Beitrag haben wir nach großer Zustimmung durch euch einen gesonderten Artikel zu MRSA versprochen. Heute versuche ich, Licht ins Dunkle zu bringen und euch zu erklären, was das Problem an Multiresistenz ist.

Es begab sich zu jener Zeit, dass sich in der Evolution der Bakterien ein Stamm, der später Staphylococcus aureus genannt werden soll, abspaltete und sich neben all den anderen Stämmen der verschiedensten Bakterien in den Weiten der Welt niederließ. So lebte er Jahrmillionen und Jahrmillionen, teilte sich, vermehrte sich und machte sich die Welt untertan. In Einklang mit sich und der Umwelt überdauerte er kalte Winter, heiße Sommer, Stürme und Fluten. Als eine neue Spezies, der Homo sapiens auf die Bühne der Weltgeschichte trat, da besiedelte er diesen kurzerhand mit – und beide lebten gemeinsam und untrennbar miteinander verbunden in Frieden nebeneinander her.

Bis eines Tages, genauer gesagt im Jahre 1929, Alexander Fleming das Penicillin entdeckte. Ein Stoff, der schon vorher in der Natur vorkam und den die Staphs nicht mochten, weil er deren Zellwandbildung durch Interaktion mit einem der Zellwand bildenden Enzyme blockiert. In den Händen der Menschen aber war der Wirkstoff nun ubiquitär einsetzbar und wurde kurzerhand gegen die Staphs verwendet. Denn manchmal, v.a. bei schlechtem Immunsystem des Menschen, da bewirken die Staphs Erkrankungen, von kleinen „Pickeln“ bis hin zu Lungenentzündung, Blutvergiftung, Herzmuskelentzündung. Und das gefiel den Menschen nicht. Also setzen sie im Kampf gegen die Erreger  die neu entdeckten Penicillin-Waffen ein. Unselektiv und oftmals mit der Holzhammermethode gegen alle möglichen Erreger.

Aber die Staphs hatten Glück. Einige Jahre nach den ersten Feldzügen der aufkeimenden „modernen Medizin“ besaßen einige der Staphs klitzekleine Mutationen in ihrem Genom, die durch Zufall ständig und überall – auch bei den Menschen –  entstehen und so die Evolution erst möglich machen. Mit diesen Mutationen gelang es den Mutationsträgern die Wirkung der Penicilline unbeschadet zu überstehen, da sie deren Andockstelle nicht mehr bildeten und die Wirkung somit verflog. Bei Gabe von Penicillinen überlebten damit plötzlich solche Staphs, die die Mutation in sich trugen und sich trotz der Antibiotika-Gabe fröhlich weiter vermehren konnten.
Da die Menschen bei der Hygiene immer schon unvorsichtig agierten, konnten sich diese neuen Superstaphs immer weiter verbreiten und sprangen in den Kliniken von Zimmer zu Zimmer, von Oberfläche zu Oberfläche, besiedelten asymptomatisch andere Patienten mit besserem Immunsystem und das Klinikpersonal. Sie wurden aus den Kliniken in die Umwelt getragen und eroberten die Welt….

Zunächst existierte nur wenige Resistenz gegen ausgewählte Antibiotika wie Methicillin, Oxacillin u.a. – allesamt Vertreter der sog. Beta-Lactamase-festen Antibiotika (die von der sog. Beta-Lactamase der Bakterien nicht von vorne herein gespalten werden, einem Enzym, das bei einigen Bakterien von Haus aus gebildet wird). Im Laufe des Kampfes zwischen resistenten Keimen und solchen, die es werden wollten, und dem Gegner Mensch mit seinen Antibiotikaverschreibungen bei jeder erdenklichen Erkrankung (und sei es eigentlich eine viral bedingte, gegen die Antibiotika nichts nützt) breitete sich die Resistenzlage  der Bakterien zunehmend aus und die Erreger begannen die Resistenzgene und Mutationen zu tauschen wie Karten beim Quartett. Jedes Bakterium sammelte unter dem Selektionsdruck der Evolution und des Überlebens sein Quartett und wurde somit immer schwerer zu behandeln.

Inzwischen sind Staphs nicht nur Methicillin resistent  (daher die Abkürzung MRSA für Methicillin resistente Staph. aureus), sondern aus dem „M“ wurde ein Multi. Die Staphs haben sich über die Jahre mit immer neuen Gegenschlägen in Form von neuen Mutationen und Resistenzentwicklungen zunehmend gegen die Waffen der Medizin wappnen können – und dank deren nach wie vor häufig unüberlegtem Einsatz fördert der Mensch die weitere Selektion der resistenten Keime. Heute gibt es neben den klassischen MRSA-Vertretern auch solche, die gegen neu entdeckte Antibiotika-Wirkstoffklassen wie Glykopeptide (z.B. VRSA – Vancomycin resistente S. aureus) sind. Oder aber Bakterienstämme, die als ESBL-Keime (extended spectrum Beta-Lactamase produzierend) in der Lage sind das upgedatete Enzym Beta-Lactamase zu bilden, das gegen noch mehr Antibiotika wirkt und diese unschädlich für die Bakterien machen kann. Vor allem die Familie der E. coli, Darmkeime, ist mit diesen Waffen gesegnet. Auch das Tuberkulose-Bakteriem hat inzwischen deutlich nachgerüstet und ist mit Multiresistenz gegen die verschriebenen Antibiotika gerüstet – in einzelnen Gebieten bereits als Superbakterium, gegen das nur noch vereinzelte Antibiotika (mit entsprechend großen Nebenwirkungen) helfen können.

Und der Mensch mit seinem Waffenarsenal? Der hat es immer schwerer neue Antibiotika zu erfinden, deren Wirkung nicht sofort von den Bakterien überlebt wird. Dieser Entwicklungsprozess kostet eine Menge Geld – und lohnt sich deswegen für die Pharmaindustrie nicht, die sich deswegen eher auf Wirkstoffe gegen Krebs, HIV etc eingestellt hat, mit denen viel Gewinn erzielt werden kann. Zudem haben die neu entwickelten Antibiotika immer größere Nebenwirkungen und können damit nur als Reserve eingesetzt werden, wenn es um Leben und Tod geht und Nebenwirkungen eher in kauf genommen werden können.

Der Kampf zwischen den Bakterien und dem Menschen wird, nachdem es mit der Entdeckung der Antibiotika einen ersten Vorsprung des Menschen gegeben hatte, inzwischen wieder mit härteren Bandagen geführt und die Bakterien scheinen heute mit ihren neu erworbenen Resistenzen die Oberhand zu gewinnen, wenn wir Menschen nicht endlich weltweit dazu übergehen den Einsatz der Antibiotika besser zu kontrollieren (auch in der Tierzucht!) und die verschriebenen Antibiotika gezielt auf den Erreger und dessen Resistenzlage abzustimmen. Denn ein Bakterium mit einem Antibiotikum zu behandeln, gegen das dieses längst resistent ist, bewirkt nur, dass die normale Flora selektiert wird in Resistente (überleben) und Nicht-Resistente (verschwinden) und sich damit die Resistenzlage weiter ausbreitet. Stattdessen sollte gezielt ein sog. Antibiogramm angelegt werden und dann mit dem richtigen Antibiotikum gezielt behandelt werden. Der Medizin geht nach und nach ihre schärfste Waffe aus und uns droht ein Rückschritt in eine prä-antibiotische Zeit!

Orthopaedix

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Autor: Orthopaedix

bones and pain

12 Kommentare zu “MRSA

  1. Vielen Dank für den Artikel bzw. diese schöne Geschichte. Wenn man das so nach vollzieht, haben wir ja bald wieder die Ausgangslage von vor 1929.

  2. Ihr solltet vielleicht darauf hinweisen, dass aus diesem Grund ein kritischer Umgang mit Antibiosen unbedingt verbreitet werden muss! Es bringt rein gar nichts, wenn ich das Antibiotikum will, damit ich schneller wieder gesund bin, und deshalb von einem Arzt zum nächsten laufe, bis einer dumm genug ist, das Rezept auszustellen!

    • ein sehr wichtiger Punkt, den du da ansprichst. Wegen ihm entstand dieser Artikel überhaupt, siehe die Diskussion u.a. in dem verlinkten Beitrag und unser Arzneimittel der Woche: Antibiotika 🙂

      • Muss zugeben, dass ich die AdW nie lese… nach Antibiotika gibts jetzt ja noch das globale Thema Impfungen, aber da ist Kinderdoc nur schwer zu toppen 😉

        • sososo O:) das freut mich dann aber umso mehr, wenn du diesen Artikel für die AdW doch gelesen hast. Ich glaube nicht, dass wir es mit Kinderdoc aufnehmen und uns da mit globalen Themen gegenseitig Leser klauen möchten. Da lasse ich gerne ihm den Vortritt sich über die Impfungen auszulassen. Sonst haben wir hier bald das Haus voller militanter Impfgegner. 😉

  3. Und wieder einmal ein klasse Artikel. Respekt für die Arbeit die da immer wieder reingsteckt wird.

  4. Vom Stil her, hat mich der Artikel an ein Märchen erinnert. Deren Ende „Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute“ hätte hier eine doppelte Bedeutung. Ansonsten schließe ich mich KiKreta an, Respekt!

    • deine Erinnung trügt nicht – das war irgendwie beabsichtigt, dass das Ganze ein wenig wie ein Märchen erzählt ist und man sich nur wundert, wie die Menschen so doof sein können, ihre stärkste Waffe so schnell so stumpf werden zu lassen. Und am Ende dann eine Moral 🙂 Du hast mich durchschaut ^^

  5. recht hast du!

    kleine klugscheißerische frage, was diese aussage betrifft:
    „Stattdessen sollte gezielt ein sog. Antibiogramm angelegt werden und dann mit dem richtigen Antibiotikum gezielt behandelt werden. Der Medizin geht nach und nach ihre schärfste Waffe aus und uns droht ein Rückschritt in eine prä-antibiotische Zeit!“

    was, wenn eine lebensbedrohlich schwere infektion besteht, bei der man gleich handeln muss, weil keine zeit bleibt? und ein antibiogramm dauert ja ein bisschen…

    • man behandelt in diesen Situationen zunächst extrem „breit“, d.h. man gibt Antibiotika, die ein großes Erregerspektrum besitzen, gegen das sie wirken. Wenn die Resistenztestung dann da ist, wird das Antibiotikum auf ein gezielt wirkendes umgestellt um Resistenzen der normalen Begleitflora zu verhindern. 🙂

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