Arzt an Bord

Zu Risiken und Nebenwirkungen…..

Arzneimittel der Woche XII: Antibiotika

13 Kommentare

Da es sich bei den Antibiotika um einen riesigen Themenkomplex handelt, der hier in einem Artikel nie und nimmer ausreichend abgedeckt werden kann, ich aber trotzdem auf den Userwunsch von Schnettel von euch eingehen möchte, versuche ich heute entgegen des gewohnten Schemas mit „Name, Anwendungsgebiet, Wirkung, Nebenwirkung“ einen kleinen Ausflug in die Welt der Antibiotika zu machen und habe ein paar häufig gebräuchliche Antibiotika herausgepickt, die ich im Folgenden vorstellen möchte.

Herausgesucht habe ich für euch folgende Antibiotika: Penicillin, Cephalosporine, Ciprofloxacin, Cotrim, Vancomycin und Tetracyclin. Die ersten vier sind sehr häufig eingesetzt, die letzten beiden eher in besonderen Fällen oder bei vorliegender Resistenz gegen andere Antibiotika.

Wann einsetzen?

Generell gilt: Antibiotika wirken nicht gegen Viren! Das müsst ihr euch merken, denn das ist ganz wichtig – auch, wenn ihr beim Arzt seid und er euch sofort Antibiotika verschrieben will. Weltweit schätzt man, dass bei rund 75% der Erkrankung der Atemwege sinnlos Antibiotika eingesetzt werden, obwohl die Mehrzahl dieser Erkrankungen viral bedingt ist. In den USA und Kanada wird von einer „Zuviel-Verschreibung von Antibiotika“ von 50% ausgegangen. All das bringt riesige Nachteile und Probleme mit sich, z.B. Resistenzentwicklung, Nebenwirkungen, Folgekosten…. Über den Einsatz von Unmengen von Antibiotika in der Tierhaltung möchten wir hier nicht reden – das ist ein Thema, das gesellschaftlich diskutiert werden muss.

Wie wirken Antibiotika?

Grundsätzlich unterscheidet man zwei Wirkungsarten: Antibiotika können bakteriostatisch wirken, d.h. sie verhindern die Vermehrung von Bakterien aber töten diese nicht unmittelbar ab. Oder sie wirken bakterizid und töten damit Bakterien direkt ab, z.B. indem sie die Zellwand der Bakterien auflösen.

Je nach Gruppe gibt es diverse Angriffspunkte mit unterschiedlichen Wirkungen. Generell sucht man sich Angriffspunkte, die im menschlichen (oder tierischen) Körper nicht existieren, um so die Nebenwirkungen zu verringern und keine Wirkung gegen körpereigene Zellen zu erreichen. Manche Wirkgruppen richten sich gegen die Zellwand der Bakterien, andere haben als Ziel die Proteinsynthese oder der DNA-Replikation.

Die hier ausgewählten Antibiotika gehören folgenden Gruppen und damit den dort aufgeführten Wirkungsmechanismen an (ich führe nicht alle Gruppen auf, die heute existieren, denn das würde den Rahmen deutlich sprengen):

Beta-Lactame: diese Antibiotika wirken gegen die Synthese der Zellwand, indem sie an bestimmte Enzyme irreversibel binden und damit verhindern, dass diese die Zellwand der Bakterien synthetisieren können. Dadurch entstehen Löcher in der Wand und die Bakterie kann ihr Inneres nicht mehr regulieren. Vertreter dieser Wirkstoffgruppe sind Penicilline, Cephalosporine.

Glycopeptide: diese wirken nur auf einen bestimmten Teil der Bakterien (sog. grampositive). Sie hemmen die Synthese des Zellwandbestandteils Murein durch Verhinderung der Querverbindung zwischen vielen Murein-Molekülen. Auch dadurch entstehen Löcher in der Zellwand und Wasser kann in das Innere der Bakterien strömen. Vertreter dieser Gruppe ist das Vancomycin.

Polyketide (Breitbandantibiotika):  Als Vertreter habe ich Tetracyclin gewählt. Dieses hemmt die bakterielle Proteinsynthese – die Wirkungweise ist also bakteriostatisch.

Chinolone: Der gewählte Vertreter dieser Gruppe ist das Ciprofloxacin. Chinolone werden nur synthetisch hergestellt und gehören zur Gruppe der sog. „Gyrasehemmer“. Gyrase wird beim Kopieren der DNA benötigt, um die DNA zu verdrehen und damit die Spannung im Molekül zu verringern.

Sulfonamide: Sulfonamide wirken auf den Folsäure-Stoffwechsel der Bakterien. Sie wirken damit bakteriostatisch. Ein Vertreter ist das Sulfamethoxazol, das in der Kombi Cotrim(oxazol) vorkommt.

Welche Nebenwirkungen haben die Antibiotika?

Natürlich hat jeder Stoff seine eigenen Nebenwirkungen, die ich nicht alle aufzählen möchte. Generell gilt aber: die heutigen Antibiotika sind weithin gut verträglich. Hauptnebenwirkung sind allergische Reaktionen (v.a. bei Penicillin den Patienten bekannt – aber Achtung: Durchfall unter Therapie ist KEINE Allergie!) – Störung der Darmflora (denn auch diese natürliche Bakterienflora wird durch die Antibiotika zerstört) mit Durchfällen und das Auftreten von Pilzinfektionen. Durch Zerstörung der Darmflora kann die lebensbedrohliche pseudomembranöse Colitis (Entzündung des Dickdarms) durch das Bakterium Clostridium difficile auftreten, das sich dann in dem frei gewordenen Platz breit machen kann und gegenüber vielen Antibiotika resistent ist. Man sollte bedenken, dass bereits die einmalige Einnahme eines Antibiotikums die Darmflora nachhaltig auf Monate verändert! Deswegen sollte bei Kindern bis zu drei Jahren sehr vorsichtig mit Antibiotika umgegangen werden (da in dieser Zeit die Darmflora ausgebildet wird).

Einzelne  Antibiotika wirken auch auf Seh- und Hörvermögen und beeinflussen die Nierenfunktion.

Welche Antibiotika setze ich wann ein?

Das ist eine sehr gute Frage – aber umso schwerer zu beantworten, denn es gibt nicht DIE Antwort und DAS Einsatzgebiet. Jedes Antibiotikum wirkt anders, manche nur auf einige wenige Erreger, die den Angriffspunkt des Antibiotikums anbieten, andere wirken breit, haben aber sog. Wirkungslücken bei bestimmten Erregern. Dazu kommt die Problematik der zunehmenden Resistenz der Bakterien, die immer neue Strategien entwickeln Antibiotika zu zerstören oder bisherige Angriffspunkte durch Mutationen zu verändern. Um gezielt ein Antibiotikum anzuwenden, muss ein Abstrich, Blutabnahme… erfolgen, anhand der der Erreger angezüchtet werden kann. In einem zweiten Schritt wird ein sog. Antibiogramm angelegt, d.h. man wirft verschiedene Antibiotika auf das Bakterium und schaut, mit welchem es zerstört werden kann. Diese Schritte sind jedoch aufwändig und kosten Zeit, die v.a. im ambulanten Bereich niemand hat. Deswegen behandelt man Erkrankungen meist zunächst mit einer breiten antibiotischen Abdeckung, d.h. mit Antibiotika, die gegen viele Erreger wirken und stellt dann ggf. auf ein gezieltes Antibiotikum um. Außerdem sollte den meisten Ärzten bekannt sein mit welchem Erregerspektrum sie es bei verschiedenen Erkrankungen am ehesten zu tun haben – danach können sie das Antibiotikum auswählen, das die höchste Trefferwahrscheinlichkeit gegen die vorliegenden Erreger bietet.

Ab ins Detail – meine Auswahl 

Um den Artikel jetzt nicht in der Länge zu sprengen, werde ich im Folgenden zu den ausgewählten Antibiotika in Stichworten einige Notizen festhalten. Ich hoffe, ihr seid damit einverstanden 😉 Unter „sonstige Nebenwirkung“ schreibe ich Nebenwirkungen, die besonders bei dieser Stoffgruppe auftreten und wichtig werden könnten.

1. Penicillin

  • Bsp. Vertreter: Penicillin G, Oxacillin, Amoxicillin, Piperacillin
  • im Einsatz gegen: Staphyloccocus aureus
  • Beispiele für Erkrankungen: Hautinfektionen, Lugenentzündung, Herzmuskelentzündung, Blutvergiftung, Harnwegsinfektionen, Infektionen im Bauchraum (z.B. der Gallenwege, des Bauchfells), gynäkologischen Infekten
  • Wirkung: blockieren die Bildung der Zellwand
  • sonstige Nebenwirkung: häufig Allergie (allergische Hautreaktion bis allergischer Schock)
  • Sonstiges: viele bekannte Resistenzenentwicklungen (MRSA…)

2. Cephalosporine

  • Bsp. Vertreter: Cefuroxim, Cefaclor, Ceftriaxon, Ceftazidim, Cefixim
  • im Einsatz gegen: Haemophilus influenzae, Enterokokken, Pseudomonaden, Staph. aureus, Gonokokken, Meningokokken
  • Beispiele für Erkrankungen: Hirnhautentzündung, Erkrankungen der Atemwege, Lungenentzündung, Hautinfektionen, Blutvergiftung, Neuroborreliose
  • Wirkung: gehört zur Gruppe der Beta-Lactam-Antibiotika (wie Penicillin) und blockiert damit die Zellwand-Produktion
  • Sonstiges: bei Allergie gegen Penicilline sollten auch Cephalosporine gemieden werden, da eine Kreuzreaktion möglich ist. Cephalosporine können bei gleichzeitiger Gabe mit Milch und Milchprodukten (Kalziumhaltige Stoffe) Komplexe bilden, die die Wirkung der Antibiotika durch Bildung von Komplexen verringern

3. Vancomycin

  • im Einsatz gegen: Bakterien, die resistent gegen andere Antibiotika sind (z.B. MRSA), pseudomembranöse Colitis durch Clostridium difficile (siehe Nebenwirkung Antibiotika)
  • Beispiele für Erkrankungen: lebensbedrohliche Infektionen (Blutvergiftung, Lungenentzündung, Hautinfektionen…)
  • Wirkung: hemmt den Aufbau der Zellwand der Antibiotika
  • Sonstiges: Reserveantibiotikum, dessen Einsatz zur Vorbeugung von Resistenzentwicklung sehr zurückhaltend erfolgen sollte. Trotzdem existiert bereits eine Resistenz (Vancomycin resistente Enterokokken). Kann Hörverlust und Nierenschaden verursachen – deswegen muss die Konzentration im Blut gemessen werden.

4. Tetracyclin

  • Beispiele für Erkrankungen: Akne, Lungenentzündung, urogenitale Erkrankung, Infektionen des Darms (Cholera), Pest, Brucellose
  • Wirkung: verhindert die Synthese von Proteinen
  • Kontraindikation: Tetracycline können sich in Zähne einlagern und diese gelb färben (deswegen in Schwangerschaft und unter 8 Jahren nicht einsetzen!)
  • Besonderheiten: Tetracycline bilden mit kalziumhaltigen Stoffen (Milch, MIlchprodukte…) Komplexe, die die Wirkung verhindern/herabsetzen, wirken phototoxisch (unter Sonneneinstrahlung bilden sich an der Haut giftige Stoffe), d.h. Sonnenstrahlung bei Einnahme vermeiden!

5. Ciprofloxacin

  • im Einsatz gegen: alle Erreger von Darminfektionen, Pseudomonas aeruginosa, Bacillus anthracis
  • Beispiele für Erkrankungen: Harnwegsinfektion durch Pseudomonas aeruginosa, Gallenwegserkrankungen, Bauchfellentzündung, Atemwegsinfektionen, Milzbrand
  • Wirkung: hemmt die Zellteilung durch Behinderung des Kopierens der DNA
  • Sonstiges: Nebenwirkung ist u.a. die Hemmung von Knorpelwachstum, deswegen darf das Antibiotikum nicht bei Kindern eingesetzt werden. Es kann zudem die Krampfschwelle senken und kann neurotoxisch wirken. Beobachtet wurden außerdem Sehnenschwellungen, -entzündungen und -risse (Achillessehne!), die auch noch Monate nach Einnahme  auftreten können. Außerdem interagiert es mit hormonellen Verhütungsmitteln und kann dessen Wirkung herabsetzen.

6. Cotrim

  • Vertreter: Cotrim ist eine Kombination aus zwei Antibiotika: Sulfamethoxazol und Trimethoprim
  • Beispiele für Erkrankungen: Atemwegsinfektionen, HNO-Infektionen (außer Angina durch Streptokokken), Infektionen der Nieren und Harnwege sowie Geschlechtsorgane, Infektionen des Magen-Darm-Traktes, Infektion mit  Pneumocystis jirovecii
  • Wirkung: interagiert mit der Folsäuresynthese der Bakterien und hemmt diese
  • Sonstiges: kann das Blutbild verändern und Blutarmut verursachen, Infektanfälligkeit und Blutungsrisiko erhöhen. Außerdem kommen Depressionen, Psychosen und Krämpfe vor. Auswirkungen auf die Leber und Niere sind ebenfalls möglich (d.h. keine Anwendung bei Leber- oder Nierenerkrankungen sowie Neugeborenen). Interaktionen mit gerinnungshemmenden Medikamenten (Marcumar) und Steigerung deren Wirkung sowie mit der Antibabypille.

Damit hoffe ich einen Einblick in die Welt de Antibiotika ermöglicht zu haben. Es gibt noch unzählige Punkte, die man anführen könnte, Stoffgruppen, die hier fehlen, Nebenwirkungen und Besonderheiten. Im Rahmen des Studiums sind es wohl u.a. die Antibiotika, die als das undankbarste Lernthema gelten – weil jeder Stoff seine Besonderheiten mitbringt. Telefonbuch-Auswendiglernen in Reinkultur. Und Vergessen vorprogrammiert. Kein Wunder also, dass die Entstehung dieses Artikels erst auf die extrem lange Bank geschoben wurde und dann immerhin fast 2h benötigt hat. Falls noch weitere Fragen offen sind, einfach auf den bekannten Wegen loswerden 🙂

Zu Risiken und Nebenwirkungen essen Sie die Packungsbeilage, oder tragen Sie Ihren Arzt zum Apotheker. Diese Information ersetzt keinen Arztbesuch und erhebt keinen Anspruch auf  Richtigkeit oder/und Vollständigkeit.

Orthopaedix

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Autor: Orthopaedix

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13 Kommentare zu “Arzneimittel der Woche XII: Antibiotika

  1. Na dann danke für den aufschlussreichen und verständlichen Artikel.

  2. Danke für diesen interessanten Artikel! Ich hab den Blog abonniert, aber bisher noch nie etwas kommentiert.
    Ich wollte immer schon mal wissen wie Antibiotika funktionieren (da ich auch bereits ein paar mal ein Antibiotikum nehmen musste) und deine Erklärung war schön einfach und verständlich, so dass es auch 17-Jährige verstehen.

    Ich finde es auch erstaunlich, dass viele (zumindest in meinem Umkreis) glauben, dass man bei einer viralen Erkrankung oder einer Grippe ein Antibiotikum nehmen muss.

    • Willkommen im Blog und danke für deinen Kommentar und das darin geäußerte Lob 🙂

      Das ist ja gerade die Crux bei dem Thema, dass viele meinen auch bei Grippalem Infekt (viral bedingt) und jedem Husten muss sofort ein Antibiotikum her… das hilft null gegen Viren und bringt nur Resistenzen und Probleme mit sich. Aber bevor sie dann in drei Tagen drei Mal beim Hausarzt aufkreuzen, schreibt dieser halt ein Antibiotikum dazu (was sie dann nicht für 7 – 10 Tage (je nach Antibiotikum) durchnehmen, sondern nach 2 Tagen absetzen – wieder so ein grober Fehler)

      • Leider scheinen sich das manche aber auch nicht zu merken. Jedes Mal, wenn ich ein Antibiotikum nehmen musste und es mir schon nach 2-3 Tagen besser ging, fragte mich meine Mutter, warum ich es noch weiter nehme. Jedes Mal folgt die gleiche Erklärung…

  3. Auf Arbeit habe ich es auch so erfahren, dass gesagt wurde: „Ich war ja so krank. Ich habe sogar ein Antibiotikum bekommen.“ Das war vielleicht gar nicht notwendig. Der Kollege hat aber so, sein Fehlen zusätzlich begründet.

  4. Also ich habe in 16 Jahren noch nie Antibiotika genommen (ja, ich bin eigentlich jeden Winter erkältet und Grippe hatte ich auch schon mehrfach) und ich lebe noch… Gut, mich kriegt man auch nicht so einfach zum Arzt, aber das teilweise unnötige Verschreiben von Medikamenten ist ja auch einer der Gründe dafür.
    Danke aber für den Artikel, ich als Laie habe einen guten Einblick bekommen (vor allem in das, was ich alles noch nicht weiß 😀 Aber mehr will ich auch gar nicht wissen).

  5. Der Artikel ist prima, danke dafür.
    Jetzt habe ich wenigstens Anhaltspunkte, wie ich jeweils weiterrecherchieren muss um bestimmte Dinge zu finden.

  6. Vielen dank für den aufschlussreichen artikel. Könntet ihr auch mal nen artikel über seroquel, insbesondere in bezug auf affektive störungen machen? Wäre echt toll!

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