Arzt an Bord

Zu Risiken und Nebenwirkungen…..

Herzensangelegenheit

4 Kommentare

Ich hatte euch ja bereits von Frau Dr. Kupfer-Müllerhagen und ihrer schroffen Art mit uns Studenten berichtet. Und auch davon, dass mich ihre einfühlsame Art mit den Patientinnen beeindruckt hat. Inzwischen habe ich sie bei einer Aufklärung begleitet und muss das noch einmal unterstreichen!

Frau Wacker ist eine 86-jährige, rüstige, alte Dame, die ohne Begleitung zu uns in die Ambulanz kommt. Vor einigen Wochen war sie wegen Kontinenzproblemen in der Sprechstunde und heute soll ein kleiner Eingriff stattfinden um ihr zu helfen. Sie ist noch nicht aufgeklärt und ihr erster Weg führt zur Nakroseärztin. Diese steht eine viertel Stunde später bei uns in der Ambulanz und verkündet, dass sie Frau Wacker nicht narkotisieren wird. Die Patientin hat einen Befund ihres Kardiologen mitgebracht und auch das EKG aus unserem Haus zeigt es deutlich: Frau Wacker leidet an Herzrhythmusstörungen. Der Kardiologe hat schon vor Monaten dringend eine Schrittmacherimplantation empfohlen.

Als Frau Wacker ins Sprechzimmer kommt, ist sie verwirrt und aufgebracht. Offenbar hat ihr die Narkoseärztin bereits gesagt, dass die OP nicht stattfinden wird. „Ich habe doch schon alles daheim organisiert. Wissen Sie, ich lebe alleine und habe kaum jemanden der sich kümmert. Ist ja auch viel zu tun mit dem großen Haus und dem Garten. Und wer zahlt denn das Taxi, wenn ich jetzt wieder nach hause muss?“

Frau Dr. Kupfer-Müllerhagen findet erst einmal klare Worte: „Das Problem ist ihr Herz. Die Gefahr, dass sie nach der Narkose nicht mehr aufwachen ist zu groß. Wir können Sie so nicht operieren. Sie brauchen ganz dringend einen Schrittmacher.“

Frau Wacker schluckt. „Ist es denn wirklich so schlimm? Kann das nicht bis nach der Operation warten?

„Hat ihr Kardiologe denn nicht mit Ihnen über den Befund gesprochen?“

„Doch. Er meinte mein Herz stolpert manchmal und setzt aus.“ Frau Wacker zögert. „Wissen Sie, ich dachte, vielleicht setzt es dann irgendwann einfach aus und springt nicht mehr an. Dann würde ich einfach einschlafen. So würde ich mir das wünschen mit dem Tod.“

Es ist einen Moment still. Dann beugt sich Fr. Dr. Kupfer-Müllerhagen vor und sieht Frau Wacker fest an. „So wünschen wir uns das wohl alle mit dem Tod. Aber stellen sie sich vor, das passiert nicht zu hause bei Ihnen. Im Supermarkt zum Beispiel, oder in der Stadt. Dann kommen Sie ins Krankenhaus und keiner kann sagen, wie Sie wieder aufwachen. Vielleicht sind Sie dann nicht mehr dieselbe, die Sie waren. Das weiß man nicht. Natürlich muss das nicht passieren, aber die Gefahr besteht.“

Frau Wacker nickt langsam. „Dann meinen Sie also, das kann nicht warten mit dem Schrittmacher? Und was ist dann mit der Operation?“

„Jetzt geht es erst einmal darum, das Wichtige in Angriff zu nehmen. Die OP kann warten. Das ist nur eine kleine Sache, die kann man jederzeit nachholen. Aber das Wichtigste ist ihr Herz.“

Als Frau Wacker eine Viertelstunde später aufsteht und geht, hat sie sich viel von der Seele geredet. Über die Organisation die jetzt ansteht, über ihre Angst vor dem Schrittmacher, über ganz alltägliche Probleme. Und Frau Kupfer-Müllerhagen hat einfach zugehört. Obwohl vor der Tür noch zwei weitere Patientinnen warten. Aber wenn Frau Wacker jetzt mit festem Schritt zu Tür hinausgeht, nachdem sie sich mit eindringlichen Worten bedankt hat, dann war es das wert.

– Spekulantin

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Autor: Spekulantin

Die kochen alle nur mit Wasser

4 Kommentare zu “Herzensangelegenheit

  1. Bei mir funktioniert der Link zum früheren Artikel nicht. 😦
    Ich finde es prima, dass Frau Dr. Kupfer-Müllerhagen so auf die Patienten eingeht. Man erreicht so viel mehr, wenn man die Leute da abholt, wo sie stehen.

    • Oh je, da hat sich wohl ein Fehler eingeschlichen. Jetzt sollte es wieder gehen.
      Das habe ich mir echt auch gedacht. Die Anästhesistin hat die Patientin einfach überfahren. „Sie müssen…“ Fertig. Kein Wunder, dass sie aufgebracht war.

  2. Hört sich wirklich nach einer klasse Ärztin an, zumindest in Bezug auf die Patienten. Gerade bei Patienten in dem Alter ist es ja wichtig behutsam vorzugehen.

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