Arzt an Bord

Zu Risiken und Nebenwirkungen…..

Medizinischer Blick

10 Kommentare

In den letzten Wochen ist es hier mit den täglichen Artikel ein wenig stiller geworden und wir publizieren eher in regelmäßigen Abständen. Das liegt unter anderem daran, dass wir die ganz wichtigen Dinge schon gleich zu Anfang gepostet hatten und nun nur noch die aktuell im Krankenhaus erlebten Dinge festhalten müssen, zum anderen aber auch daran, dass wir alle inzwischen in alle Himmelsrichtungen verstreut im Chirurgie-Tertial stecken und man in dessen Rahmen doch irgendwie mehr arbeitet und länger in der Klinik ist, als das im ersten Tertial in den anderen Fächern (Innere, Gyn) noch der Fall war. Seid unbesorgt, wir werden euch aber auch weiterhin mit Geschichten aus dem Alltag in der Klinik füttern und das auch oder trotz der Chirurgie, in der man bekanntlich weniger Patientenkontakt hegt (oder die Patienten schlafen bereits im Rahmen der OP).

 

Mir persönlich ist nach der Zeit in der Inneren und auch schon im Verlauf des Studiums aufgefallen: man bekommt einen „medizinischen“ Blick auf seine Mitmenschen. Das beginnt bei kleinen Dingen wie der Blick auf den Handrücken oder Unterarm des Gegenübers, um zu sehen, ob die Venen gut sind und man keine Probleme bei der Blutabnahme hätte. Immer wieder erwische ich mich, wie ich bei anderen Menschen den Venenstatus abchecke, fast, als ob es meine Patienten auf Station wären. Mir ging es, als ich in der Inneren täglich gefühlte 100 Patienten gestochen habe, tatsächlich so, dass ich sogar beim abendlichen Fernsehkonsum auf die Hände und Arme der Schauspieler und Reporter geblickt habe, um erst abzuchecken, wie schwer die Blutabnahme würde. Oder ich sitze in der Straßenbahn und anstatt, dass ich meinem gegenüber ins Gesicht schaue, blicke ich auf die Hände und bin vielleicht sofort froh, dass da nicht ein Patient mit schlechten Venen sitzt, sondern nur ein anderer Fahrgast. Und der Gipfel ist, dass ich an mir selbst die Venen taste und mir vorstelle, ob ein anderer diese wohl gut treffen könnte (ich habe sehr prominent sichtbare Venen, die leicht zu tasten und zu sehen sind).

Außerdem schweift der Blick gerade jetzt in der Vorweihnachtszeit, in der viele Menschen in den Innenstädten unterwegs sind, gerne über die Menschenmassen und im Kopf rattern Differentialdiagnosen herunter, Einteilungen und mögliche Erkrankungen der gestressten Vorbeieilenden.
Geht dieser ältere Herr nicht ein wenig nach vorne gebeugt und mit kleinem Schritt? Parkinson vielleicht? Und die Dame da drüben, hat sie nicht einen Hals, der auf einen Schilddrüsenknoten schließen lässt? Was war da nochmal als weitere Symptome? Die Augen, stehen sie hervor? ist das Haar spröde? Hat sie warm und ist deswegen nur so minimal bekleidet, trotz, dass alle um sie herum in dickem Schal und Winterklamotten ihren Glühwein trinken?
Was hatte der Junge, der diese Schiene am Knie trug? Ein Kreuzbandriss? Vielleicht vom Skifahren am Wochenende?
Oder schau da hinten, der alte Mann. Siehst du den Steppergang? Für welchen Nerv und dessen Ausfall war das doch gleich ein Zeichen?
Oder ist das da nicht ein typischer Entlastungsschuh für einen Diabetischen Fuß?
Und diese junge Frau – die hat garantiert Zucker so dick wie sie ist. Und Bluthochdruck auch. Klassisches Syndrom, oder?

Man muss sich wahrlich hüten, dass man nach der langen Zeit mit Studium und kranken Menschen in der Klinik nicht den Blick auf alles Pathologische weiter führt und die Brille der Diagnose spätestens nach Feierabend absetzt. Denn sonst sieht man überall und jederzeit kranke Menschen – egal, ob sie tatsächlich krank sind oder ob sie nur „Abweichungen der Norm“ darstellen und ganz glücklich im Weihnachtstrubel schwimmen. Und es kommt einem so vor, als ob es auf der Welt in Wirklichkeit keine Gesunden mehr gibt (ein alter Spruch in der Medizin besagt augenzwinkernd: „es gibt keine gesunden Menschen, nur solche, die noch nicht genügend untersucht wurden„)

Nach Ende des Innere-Tertials geht es mir nun nach den ersten Wochen in der Chirurgie zum Glück mit diesem Screening besser und der Blick auf die angeblich pathologischen Mitmenschen wird wieder weniger. Vielleicht, weil in der Chirurgie v.a. invasiv gearbeitet wird und man das OP-Gebiet und die zu operierenden Felder nicht immer so leicht an der Oberfläche und dem Verhalten der Menschen erkennen kann (oder wer kann schon eine chronische Darmerkrankung an einem Fahrgast in der Straßenbahn erkennen?). Oder, weil ich seit längerem keine Blutabnahmen mehr machen musste, das hier die Pflege übernimmt. Oder weil der Patientenkontakt generell in der Chirurgie weniger ist und die meisten patienten nur kurz bei Visite und danach schlafend im OP gesehen werden (wo der Anästhesist die Venen suchen muss und mein Einsatzgebiet klar definiert ist ohne großem Bedürfnis zur Diagnostik)

Mal sehen, wie sich der Blick weiter verändert – ich hoffe, der Schalter ihn abends auszuschalten wird immer besser!

– Orthopaedix

Advertisements

Autor: Orthopaedix

bones and pain

10 Kommentare zu “Medizinischer Blick

  1. das mit den venen mach ich auch seit ich das erste mal stechen durfte 😀 also bei mir wie auch bei anderen 😀 und ich hab miserable venen ^^

  2. Liebes Team von „Arzt an Bord“, vielen Dank für diesen interessanten Artikel. Nun hätte ich doch an die „stechende Zunft“ mal ein paar Fragen. Was macht ihr, wenn ihr jemand mit wirklich schlechten Venen habt und trotzdem Blut braucht? Oder einen Zugang?

    Ich hatte gestern erst das unglaubliche Vergnügen für 3 Röhrchen Blut + 1 mal Kontrastmittel nicht weniger als 4 mal gestochen worden zu sein. Mit dem Erfolg, einer Sprechstundenhilfe und einer Ärztin den Start ins Wochenende ruiniert und die monatliche Quote verhagelt zu haben.

    Gibt es da irgendwelche Tricks, besser an Blut zu kommen? Oder irgendwelche Stellen, an denen das besonders gut geht?

    Viele Grüße und ein frohes Weihnachtsfest

    Namia

    • Schau mal hier: Poesie der Blutabnahmen – damals gab es in den Kommentaren eine Menge Tipps, wie man auch Venen findet, die sonst versteckt sind 😉 manchmal hilft das, um die Anzahl an Versuchen zu reduzieren und es für beide Seiten angenehmer zu gestalten 😉

      Dir auch ein frohes Weihnachtsfest (und willkommen im Blog!)

  3. Das Phänonem gibt es wohl in allen medizischen Berufsgruppen. Ich bin z.B. auch oftmals erstaunt was die Kinder unserer Freunde so alles können… bis mir wieder in denn Sinn kommt, dass sie lediglich normal entwickelt sind 😉
    Deswegen schicken wir unsere neuen Praktikanten zu Beginn auch immer auf den Spielplatz oder ins Einkaufszentrum, Physiologie studieren 🙂

  4. Ja, das ist normal, das kenne ich auch.
    Sowohl aus dem Kindergarten Blickwinkel „Das Kind hält den Stift links, greift mit links, spricht gut/weniger gut….“ als auch mit dem medizinischen. Aber mir macht das Spaß.
    Gut, auf Krankheitssuche bin ich jetzt nicht, von sdaher.. Aber ich habe einen Blick für vernarbte Unterarme, und schwielige Fingerknöchel, meine Mutter erzählte in der SS hätte sie x Mal mehr Schwangere gesehen als sonst, so ist das halt 🙂
    Nur kein Stress 😉

  5. Ja, täglich Bloggen schlaucht auf Dauer ganz schön! Ich hab’s eine Weile lang durchgehalten…. aber irgendwann merkt man, dass es richtig in Arbeit ausartet, zumindest dann, wenn man in den täglichen Artiklen auch täglich etwas halbwegs interessantes bringen will. Und dann fragt man sich natürlich, warum das Ganze…. aber das ist beim Bloggen sowieso immer so eine Frage.
    Frohe Weihnachten übrigens – gehabt zu haben, und alles gute zum Neuen Jahr!

    • du sagst es…. v.a. wenn man nicht täglich spannende und interessante Dinge zu erzählen hat. Da reduzieren wir uns doch lieber auf regelmäßiges Bloggen in zwei bis dreitägigem Abstand und dafür haben wir wirklich was zu berichten. Ich hoffe ihr Leser bleibt uns trotzdem treu 😉

      dir auch einen guten Rutsch ins erfolgreiche neue Jahr!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s