Arzt an Bord

Zu Risiken und Nebenwirkungen…..

Hahn im Korb

11 Kommentare


Ein ganzes Tertial lang habe ich den Ärger im Zaum gehalten. Bringt ja auch nix. Ich sitze eindeutig am kürzeren Hebel. Und für die mündliche Prüfung ist es sicher auch besser so… Aber jetzt reicht es!

Ich habe es kommentarlos geschluckt, dass er mich mit einem freundlichen Lächeln fragt, ob ich denn überhaupt Abitur hätte. Ich habe mich daran gewöhnt, dass er uns PJler in der Frühbesprechung einfach übersieht und sich bei der Tagesplanung einen Teufel darum schert, dass wir auch irgendwo mit ins Boot geholt werden. Ich habe es mit einem Lächeln über mich ergehen lassen, dass er mir im OP zum 10. Mal erklärt, wie ich eine Hautnaht mache. Wie soll er sich auch daran erinnern, dass ich das kann, wenn er noch nicht einmal meinen Namen weiß. Ich habe akzeptiert, dass Lehre für ihn ein Fremdwort ist und er sich als einziger Chef im Haus weigert eine Lehrvisite zu organisieren, so sehr sogar unsere PJ-Oberärztin Francesca ihn drängt.
Aber wenn aus Desinteresse auch noch Schikane wird, dann geht es wirklich zu weit.

Einmal im Monat findet hier in der Gyn ein OP-Kurs zum Thema „Inkontinezoperationen und Netzeinlage“ statt. Es sind nämlich nur wir PJler, die keine Ausbildung verdienen. Oder liegt es daran, dass wir nicht teures Geld dafür zahlen? Wie dem auch sei, an diesen Freitagen operiert der Chef mit 4 Gastärzten, die ihm abwechselnd assistieren und braucht uns deshalb nicht als Hakenhalter. Wozu er uns aber sehr wohl braucht, ist zum Lagern. Klar, für ihn als Chefarzt, ist es natürlich nicht die richtige Aufgabe schwere Beine in wackelige Halterungen zu wuchten. Und außer ihm gibt es ja auch nur noch 4 Gastärzte, zwei OP-Schwestern und eine Schwesternschülerin. Das sind mindestens 6 Paar Hände, wenn man die sterile Schwester einmal abzieht. Aber nein, wir werden trotzdem jedes Mal zwischen den OPs zum Lagern reingerufen. Heißt: Ich lasse alles, was ich gerade in der Hand habe stehen und liegen und flitze in den OP, ziehe mich um, verschraube zwei Beinhalter, schleuße mich wieder aus und suche mir wieder andere Arbeit. Und etwa 1 Stunde später geht das Spiel von vorne los.

Das ist ein völlig unverhältnismäßiger Zeitaufwand. Und das ist ärgerlich, wenn ich gerade als das Telefon klingelt endlich endlich mal die Möglichkeit gehabt hätte eine Schwangere zu schallen. Bis ich zurück komme, ist die Untersuchung bereits gelaufen und ich habe wieder nichts gelernt. Das ist aber noch viel ärgerlicher, wenn ich alles fallen lasse, um dann im Saal festzustellen, dass die Patientin bereits fertig gelagert ist und ich also unverrichteter Dinge wieder abziehen. Weil die Gastärzte nämlich überhaupt gar kein Problem damit haben Hand anzulegen. Weil die unsterile Schwester problemlos mit einem Handgriff schnell das Molltex unterschiebt. Weil der Chef sich dann am Ende die Patientin doch selbst nochmals zurechtrutscht.
Am ärgerlichsten ist allerdings, wenn ich dann den Chef im Flur treffe, nachdem ich gerade zum zweiten Mal völlig umsonst durch die Gegend gerannt bin und er mit einem superfreundlichen Lächeln meint: „Ach so schlimm war es jetzt doch gar nicht, oder?“, weil man sich beim ersten Mal erlaubt hat kritisch zu äußern, dass man gerade echt was Spannendes zu tun hatte. Ich habe auf eine Antwort verzichtet und auch freundlich gelächelt. – Und zum Glück erst am nächsten Tag von der OP-Schwester erfahren, dass der Chef den Gastärzten beim Betreten des Saals kopfschüttelnd verkündet hat: „Also wir haben ja damals unsere Aufgaben ohne zu meckern erledigt.“

Sein Glück (Mein Glück?), dass er erst einige Wochen später auf die glorreiche Idee kam, doch etwas für meine Ausbildung tun zu wollen. Seit Wochen redete jeder vom anstehenden Kurs für Brustultraschall. Und einen Tag vorher in der Frühbesprechung fällt ihm ein er hätte dabei eine ganz wichtige Aufgabe, für die PJler, ich solle doch gleich im Anschluss mal zu ihm ins Büro kommen. Ich wage es ja kaum zu glauben, dass wir vielleicht doch teilnehmen können, zumindest an einem Teil. Und es ist auch besser, dass ich es nicht geglaubt habe. In seinem Vorzimmer steht eine große Box mit Fleisch neben einem Olivenglas. Und wie er mir freundlich mitteilt, ist es also mein Job jede der 12 riesigen Putenbrüste mit je 15 Oliven zu füllen, in Folie einzuwickeln und dann wieder in die Box zu stapeln. Immerhin um das Lagern würde sich dann jemand anderes kümmern. Noch bevor ich meine Gesichtszüge wieder im Griff habe, ist er mit einem „Sagen Sie Bescheid, wenn Sie die erste fertig haben, dann schaue ich mir mal an, wie sie das machen.“ in sein Büro verschwunden. Ich schwanke zwischen Tränen und Aggression während ich am Ende über 2 Stunden damit verbringe Fleisch und Oliven und Folie zu verarbeiten. Und als ihm nach seiner gönnerhaften Inspektion dann plötzlich einfällt: „Eigentlich könnten Sie ja auch an diesem Kurs teilnehmen.“, siegen die Tränen der Frustration. Ja, da hätte ich sogar sehr gerne daran teilgenommen, aber wenn es ihm 24 Stunden vorher einfällt, dann habe ich mein Wochenende doch schon andersweitig verplant.

Jetzt rotiere ich in die Chirurgie und alles was man von dort hört, ist Lob in den höchsten Tönen für den Chef. Vielleicht kann ich am Ende des nächsten Tertials mit einem Artikel da miteinstimmen. Das wäre mir auch deutlich lieber!

– Spekulantin

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Autor: Spekulantin

Die kochen alle nur mit Wasser

11 Kommentare zu “Hahn im Korb

  1. Bitter. Viel mehr fällt mir dazu irgendwie nicht ein. Bitter und traurig.

  2. sehrsehr bitter. hoffentlich ist der CA schon sehr alt, so dass er in rente ist, wenn die nächste generation PJler kommt? wenn ich sowas höre, neige ich dazu meinen atheismus abzuwerfen und ein karma-anhänger zu werden. das nächste leben kommt bestimmt 😦

    • Oh je, ich glaube lieber nicht ans Karma, sonst wäre ich ja an meinem Los selber Schuld 😉 Aber vielleicht erweist sich ja die Chirurgie schon als nächstes Leben…

      Leider ist er mit Ende 40 noch relativ jung und bleibt der Klinik und den folgenden PJlern noch eine Weile erhalten. Immerhin haben wir noch die Möglichkeit einer Evaluation am Ende des PJ. Vielleicht liest er sich die ja durch und nimmt sich das zu Herzen. Ich werde allerdings wohl eine Weile brauchen das Ganze so zu formulieren, dass er es auch annehmen kann und trotzdem die Kritik spürt….

  3. 😦
    Halte durch! Es kommen bessere Zeiten. Ganz bestimmt!
    (was ein dämliches A***loch aber auch!!!)

    • 🙂 Danke für die Ermunterung! Es kann ja fast nur besser werden 😉 Es sei denn man muss einfach so drauf sein um Chef zu werden, aber ich weigere mich noch immer das zu glauben 🙂

  4. Blöder Typ. Aber klasse, dass du Puten, Oliven und Folie trotzdem verarbeitet und damit die Leute unterstützt hast, die von dem Kurs lernen können. Ich kann nachvollziehen, dass man sich irgendwann nur noch verkohlt vorkommt.
    Der nächste Chef wird ja zum Glück besser. Ich drück dir die Daumen!

    • Danke dir. Irgendwie kanns ja auch nur besser werden 😉
      Das mit dem Fleisch war echt ein bisschen eklig, zumal ichs als Teilzeitvegetarier wirklich nicht so hab mit totem Tier…

  5. Ich hätte mich schlichtweg geweigert das zu machen.
    Wie es an eurer Uni geregelt ist weiß ich nicht, aber das solte man dem Dekanat zur Kenntnis bringen. Wenn man bei dutzenden Blutentnahmen auf anderen Stationen noch darüber streiten kann, ob es der Ausbildung förderlich ist…das hier ist es nicht. Es ist schlichtweg rechtswidrig und würde zumindest hier dazu führen, dass das Haus einmal ins Gebet genommen wird und im Wiederholungsfall führt die Vertragsverletzung zum Entzug des Status als Lehrkrankenhaus.
    Evaluationen sind Schall und Rauch; nur durch konsequente Beschwerden beim Dekanat kann man helfen anderen PJlern so einen Schwachsinn zu ersparen.

    • Hm, an den Dekan hab ich ehrlich gesagt noch gar nicht gedacht. Das wäre vielleicht tatsächlich eine Möglichkeit. Gerade jetzt, wo hier die Kliniken neu bewertet und ggf. aus der Lister der Lehrkrankenhäuser gestrichen werden…
      Ich hatte mich bsiher echt vor allem auf die Evaluation gefreut um mir den Frust von der Seele zu schreiben, aber da ist man sich danach dann doch nie sicher, ob das überhaupt wer liest. Obwohl wir allerdings eine sehr umtriebige Fachschaftsgruppe für Evaluation haben…

  6. Nun ja, die Lehrkrankenhäuser legen durchaus Wert darauf, dass sie es weiterhin bleiben, auch und gerade aufgrund der billigen Arbeitskräfte PJler. Ein Verstoß gegen §3 Absatz 4 Satz 6 der Approbationsordnung ist eine Pflichtverletzung durch das Haus, welche der Dekan entsprechend sanktionieren kann bis hin zur Kündigung zum Tertialende. Aber allein die Androhung des Statusentzuges beim Ärztlichen Direktor aufgrund einer Fachaufsichtsbeschwerde zum Dekanat wird für „Stimmung in der Bude“ sorgen. Insofern solltest Du dich unbedingt beim Dekanat beschweren.

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