Arzt an Bord

Zu Risiken und Nebenwirkungen…..

Leere Lehre

7 Kommentare

Wir machen Praktisches Jahr. Praxis in der Klinik, am Krankenbett, mit den Patienten. Und „sollen dabei etwas lernen“. Immerhin wird u.a. damit unser geringer Lohn begründet. Also erwarten wir von Seiten der Kliniken, dass wir Engagement darin sehen, uns Studenten eine gute Ausbildung in unserem letzten Jahr als behütete Studenten zu bieten. Um uns optimal auf die Klinik vorzubereiten.

Leider ist dieser Wunsch in vielen Kliniken in langen Fluren verhallt und nicht bis zur Chefetage durchgedrungen. Einzelne Leuchttürme in Form von motivierten Assistenzärzten und Oberärzten, die sich bemühen uns etwas beizubringen und denen der Lehrgedanke am Herzen liegt, existieren – nur ist ihre Zahl verhältnismäßig noch viel zu klein.

Manchmal stimmen wir über die Füße ab – was sich vor allem in der Chirurgie zeigt: in wohl keinem anderem Tertial gehen so viele PJ’ler ins Ausland, kehren den deutschen Lehrkliniken den Rücken und gehen z.B. in die Schweiz, die nach wie vor eines der führenden Auslands-Tertial-„Anbieter“ ist (ob es dort wirklich anders oder besser ist werde ich dann in wenigen Wochen zu beurteilen wissen). Kein Wunder, dass die Chirurgen gerne nach noch mehr PJ’ler an ihrer Klinik rufen, wenn die bereits zugeteilten ins Ausland fliehen und damit der Klinik zeigen, wie gut die Lehre in der Chirurgie ist. Oftmals sieht diese so aus wie es ein Oberarzt mir mal im OP an den Kopf geworfen hat: „Der optimale Assistent im OP steht still und unbeweglich da, hält Haken und Klappe“.
Kein Wunder, dass es uns wegzieht! Dass wir uns ausgenutzt fühlen! Auf Station zum Blutabnehmen verdonnert, im OP zum Haken und Klappe halten und, wenn wir denn Glück haben, dürfen wir in der Ambulanz mitlaufen.

Klar, es gibt auch Kliniken, da dringt diese Abstimmung mit den Füßen bis zu den Chefs durch und die Lehre wird umgebaut. Neu aufgezogen. Da bekommt man in der Ambulanz eigene Patienten, die man mit dem Oberarzt durchsprechen kann. Da wird im OP erklärt. Da darf man etwas selbst tun – und sei es am Anfang natürlich nur zunähen oder zutackern. In kleinen Schritten geht es nach oben. Da darf man einen eigenen Patienten betreuen (und v.a. passen die Abläufe auf Station, dass das auch möglich wird!). Es verwundert nicht, dass diese Kliniken meist von Bewerbungen überhäuft werden und um die Plätze gelost werden muss. Es muss auch kein besonders hohes Gehalt geboten werden – denn so sind wir auch nicht; wer uns gute Lehre beweist und uns in dem letzten Jahr für das spätere eigenverantwortliche Leben vorbereitet, dem folgen wir gerne und verzichten auf allzugroße finanzielle Gegenleistungen für unsere Arbeit (diese Einstellung gibt’s wohl auch nur bei den uneigennützigen Gesundheitsberufen).

Schade ist nur, dass es in Deutschland immer noch schwer ist, gute Lehre zu erhalten und man so darum kämpfen muss. In anderen Ländern gehört Lehre mit zu den Aufgaben, die ein Arzt erledigen _möchte_ und zu seiner Aufgabe zählt – neben der Versorgung der Patienten. Da hat die Ärzteschaft verstanden, dass wir die Zukunft bedeuten und sie mit gutem Vorbild vorausgehen können. Wer einmal gute Lehre erfahren hat, der gibt diese gerne an die nächste Generation weiter. Wer aber selbst nur Haken und Klappe hält und (so passiert) mit dem Satz „Glauben Sie mir, ich habe nach 10 Jahren keine Lust mehr Ihnen etwas beizubringen und denken Sie nicht, der Laden würde nicht ohne Sie laufen“ begrüßt wird, der wird später schwer die Motivation entwickeln den neuen Studenten viel Lehre zukommen zu lassen, die ihn in seinem alltäglichen Stress nur noch mehr beschäftigen mit ihren Fragen, ihrem langsameren Arbeiten und den Problemen, die sie in Handhabung und Ausübung der Eingriffe noch haben.
Ich finde eine tolle Webseite ins Netz zu stellen, um den Nachwuchs anzuwerben, wie es die Chirurgen tun, hilft dann auch nur noch bedingt weiter, wenn die schöne virtuelle Illusion durch den ersten Kontakt mit einem cholerischen Oberarzt im OP völlig zerstört wird.

Deswegen plädiere ich dafür, dass endlich ein Ruck durch die Vorstandsetagen gehen muss! Dass Kliniken, wie bereits bei den Klinikkonzernen weit verbreitet (zumindest laut Erfahrungsberichten online), Ausbildungsprogramme für die PJ’ler entwickeln, Tutoren benennen, Ansprechpersonen, Kataloge, die die Angebote auflisten und deren Umsetzung überwachen, Abläufe ggf. ein wenig anpassen, damit eine Zeitverzögerung durch das Anlernen eines PJ’lers nicht gleich zu wirtschaftlichen Katastrophen und Burn-out-Symptomen des Betreuers führen……

Als Beispiel möchte ich folgendes Problem aufzeigen: wir haben eine „Ultraschallabteilung“ in der Inneren Medizin. Dort werden den ganzen Tag von zwei Ärzten Patienten geschallt. Einer nach dem anderen. Die Warteliste der von Stationen angemeldeten Patienten ist lang – und die Taktung deswegen entsprechend stressig kurz. Als PJ’ler darf man jederzeit zuschauen (sofern man auf Station entbehrlich ist, was meist bedeutet, dass man die Blutabnahmen fertig gemacht hat und die Visite streicht). Ich habe nicht nur einen Morgen zugeschaut, es wird nach dem xten Bauch aber irgendwann langweilig einfach nur daneben zu sitzen und zuzusehen, wie der Arzt routiniert seine Untersuchung durchzog. Im Rahmen der Chirurgie-/Innereblockpraktika haben wir uns gegenseitig selbst geschallt, wir finden inzwischen Leber und Galle – nur die Geschwindigkeit fehlt uns verständlicherweise noch und die Handhabung der Schallköpfe um schöne Ergebnisse zu produzieren. Eine Assistenzärztin ermöglichte es einer Kollegin und mir, dass wir uns einen Nachmittag gegenseitig schallen konnte, als wenig los war. Immerhin!
Toll wäre es gewesen, wenn man als PJ’ler einfach mal auf einen pathologischen Befund schallen dürfte – mal im Zimmer einen Patienten voruntersucht und dann der Arzt nachschallt oder dabei sitzt. Das ist aber gar nicht richtig möglich, denn dann dauert der Schall länger, es staut sich auf und nachher entsteht noch mehr Stress („Nein, dafür haben wir jetzt keine Zeit, ich hab noch 10 Patienten heute Morgen zu schallen“). Und: man fällt noch länger auf Station aus.
Ein Vorschlag wäre: nehmt doch einen Nachmittag der Woche ein Zimmer für die PJ’ler, lasst uns unter Supervision eines Arztes Patienten schallen – es müssen ja zunächst gar nicht viele sein. Nach 5 Bäuchen sind wir sowieso so geistig geschafft, dass wir dann gerne abgeben. Aber wir entwickeln Routine, haben das Gefühl etwas gelernt zu haben und durchs Selber-Machen lernt man es. Ganz nach dem amerikanischen Motto: „See one, Do one, Teach one“.
Und es wir wohl kein Patient widersprechen, wenn man zu ihm sagt: „Der junge Kollege schallt mal vor, ich kontrolliere dann nach“.

Es gibt einige andere Beispiele, die man hier anführen könnte. Z.B. den, dass an unserer Klinik (Die eigentlich heiß begehrt ist, weil sie relativ gute Bedingungen für uns PJ’ler bietet) beinahe jeden Freitag das von den Kardiologen angebotene EKG-Seminar ausfällt. Dieses wurde früher durch einen motivierten Oberarzt geleitet, der dann die Klinik verlassen hat – seine beiden weiblichen Nachfolgerinnen machen sich nicht so viel aus der Lehre und jede Woche stehen ein paar der PJ’ler vor verschlossener Seminartür und erfahren dann, dass das Seminar wieder nicht stattfinden wird. Ich habe in 12 Wochen 3 Seminare miterlebt – der Chef hats nun erfahren und wird sich drum kümmern. Ich tippe darauf, dass das auch nicht viel bringen wird – denn, wie soll eine Oberärztin Seminar machen, wenn sie in der Zeit am Herzkatheter steht? Man könnte bei fünf kardiologischen Oberärzten und diversen Assistenzärzten für Ersatz sorgen… mh. ja. schon.
Oder nehmen wir Lehrvisiten: eigentlich sollten diese jede Woche stattfinden. Als Student hat man seine Erwartungen fast schon ganz tief geschraubt, weil sie vom Niveau und der Motivation des Dozenten sehr arg schwanken von richtig toll bis abgrundtief schlecht. Aber: sie müssten halt stattfinden – zumindest verlangt der Chef das und meinte, wenn eine Visite ausfällt ist diese nachzuholen bzw. mit einem anderen Dozenten zu tauschen. Trotzdem gab es mindestens 5 Wochen, in denen keine Visite stattfand. Weil der Dozent keine Zeit hatte, telefonisch nicht erreichbar war, als wir ihn einfordern wollten….

Auch diese Kleinigkeiten tragen dazu bei, dass die Lehre im letzten Jahr des Studiums nicht wirklich das ist, was wir gerne hätten.

Sehen wir es als Chance, dass wir diese Eindrücke verinnerlichen und es später besser machen. Und nicht, wie eine Oberärztin hier meinte: „Also als ich PJ’ler war, da gab es gar keine Lehre und wir haben zwei Stationen alleine versorgt – dagegen haben Sie ja ein paradiesisches Leben heute und wollen ja gar nichts lernen, um nicht gestört zu werden“. Da kann man nur den Kopf schütteln und wird wütend und traurig.

Orthopaedix

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Autor: Orthopaedix

bones and pain

7 Kommentare zu “Leere Lehre

  1. Auf der einen Seite jammern die Oberen, dass es Ärztemangel gibt, auf der Anderen geht es so zu.
    Ich kann das einfach nicht verstehen.
    Ne Chirurgin im ersten Lehrjahr meinte mal zu mir „Man verdient richtig gut, als Assistenzarzt in der Chirurgie. Vor allem, weil man keine Zeit hat, es auszugeben.“
    Sie war an dem Tag um 6.30 Uhr da und das ging bis 22 Uhr. Und am nächsten Tag wieder 6.30 Uhr.
    Sie meinte, die Kollegen seien nett, aber die Oberärzte fast allesamt cholerische Arschlöcher.
    Zitat.
    „Da kannste Dir dann den ganzen Tag anhören, dass Du eh nichts im Kopf hast“
    Einfach unverständlich.

    • da hast du Recht – du kannst ganz viel geld verdienen, schiebst einen Dienst nach dem anderen, Überstunden werden eh nicht bezahlt… und hast einfach keine Zeit das Geld auszugeben. So wird man auch reich. Ungewollt. Life-Work-balance und so. Hahaha.

      Ich bin gespannt, ob es im Ausland besser aussieht und werde berichten.

      • Mit Sicherheit! Mreine Eltern arbeiten da beide (oh mann, ich gebe hier grad voll mein da-sein als semi-anonyme auf 😛 )
        Die meinten auch zu mir, wenns so weit wär, soll ichs ned hier machen, sondern dort. Die würden sich zwar das kaputte System von uns unehmend abgucken, aber ganz so schlimm sei es noch nicht.

        • das ist aktuell eine klare Abstimmung mit den Füßen – zumindest von uns PJ’lern. Weils hier so wenig Lehre und Anreize gibt, gehen viele von uns für zumindest ein Tertial (meist Chirurgie, weil man da am besten als Hakenhalter missbraucht wird) ins Ausland… und es ist ja inzwischen bekannt, dass nach dem Abschluss einige Ärzte ins Ausland abhauen – und dem deutschen Staat den Rücken kehren, der viel Geld für ihr Studium bezahlt hat. Sollte man sich einfach mal überlegen, wie man diese Entwicklung endlich stoppen könnte und nicht immer nur sagen „früher hatten wir es auch nicht leichter“.

  2. eine bitte im namen meiner generation an eure generation: bitte machts besser!
    im pflegepraktikum hab ich ziemlich schnell festgestellt, dass die pjler die coolsten sind, weil die sich zeit nehmen und sachen erklaeren, also bitte bleibt so 😀

  3. Hätte es irgendeinen Einfluss, wenn man als Patient dazu etwas sagen würde?
    Ich finde diese Zustände armselig und traurig. Und ich denke mir auch: Woher soll denn bitteschön das Wissen kommen, das uns Patienten später das Leben retten soll? Oder das zumindest dafür sorgen soll, dass wir den Krankenhausaufenthalt überleben?
    Eine Aussage wie die dieser Ärztin, dass sie damals gar keine Lehre gehabt habe und zwei Stationen versorgt habe – wie war denn da bitte die Sterbequote? Oder war die auf einer Dermatologischen Station?
    Mir macht sowas Angst. :-/

  4. Ja, da ändert sich offensichtlich leider nicht viel. Ich verstehe Deinen Frust. Ausgerechnet an den Universitätskliniken wird die Lehre traditionell stiefmütterlich behandelt. Der Teufel steckt im Sytem. Solange es chirurgische Fach/Oberärzte an deutschen Universitätskliniken gibt, die ihren ersten Blinddarm oder ihre erste etwas größere OP erst nach dem Facharzt operieren, wird kaum Bereitschaft da sein, es dem Nachwuchs leichter zu machen. Als angehender Arzt will man ja nichts anderes als praktische Erfahrung sammeln. Stattdessen ist man an der Uni angehalten, auf Teufel komm raus zu veröffentlichen. Deswegen habe ich persönlich der Uni früh den Rücken gekehrt. Die Vorstellung, man müsste um praktische Erfahrung betteln und dann noch bis 22 Uhr Artikel schreiben oder im Labor stehen, sowie dem Chef Puderzucker in den Hintern blasen, ist meiner Meinung nach nicht mehr zeitgemäß. Wenn man das medizinische Handwerkszeug drauf hat, entwickelt sich in der Regel ja erst das wissenschaftliche Interesse und Verständnis. Andererseits darf man auch nicht zuviel erwarten. In anderen Branchen ist es nicht anders. Frag Architekten, Juristen oder Journalisten. Deswegen ist eure Strategie doch sehr vielversprechend. Ihr habt ja schon ein kleines Netzwerk an motivierten und offenen Medizinern. Das ist ein sehr guter Weg. Die Institutionen selbst mahlen zu langsam. Und dennoch gibt es immer den ein oder anderen der Lehre aufgeschlossenen Arzt als Lichtblicke im Dunkel 😉

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