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Zu Risiken und Nebenwirkungen…..

Krankheit der Woche IX: Harnwegsinfekt

15 Kommentare

Krankheit der WocheHARNWEGSINFEKT
HWI, Blasenentzündung, Pyelonephritis, Nierenbeckenentzüdung

Was ist das?

Die vorderen Anteile unserer Harnröhre sind mit Keimen besiedelt, ohne dass dies einen Krankheitswert hätte. Unsere Harnblase und alle höher gelegenen Teile des harnbildenden Systems sind jedoch steril und keimfrei. Dringen Erreger dort ein und führen zu einer Entzündung spricht man von einem Harnwegsinfekt. Am häufigsten betrifft das die Harnblase, weil die Keime eben von unten über die Harnröhre einwandern. Dann spricht man von einer Blasenentzündung (Zystitis). Die Keime können sich jedoch über die Harnleiter bis zu den Nieren ausbreiten und dort eine sog. Pyelonephritis (Nierenbeckenentzündung) auslösen. Im schlimmsten Fall gelangen die Keime bis ins Blut und führen zu einer generalisierten Entzündung (Urosepsis). Weil bei Frauen die Harnröhre deutlich kürzer ist und somit auch der Weg für die Bakterien, sind sie viel häufiger betroffen als Männer.

Wie entsteht es?

Normalerweise werden Keime aus der Blase mit dem Urin wieder hinausgespült, bevor sie sich dort vermehren und zu einer Infektion führen können. Liegt eine Abflussbehinderung vor, ist dieser natürliche Schutz nicht mehr gewährleistet. Ein solches Hindernis kann eine anatomische Fehlbildung sein (z.B. Urethralklappen) oder eine Einengung der Harnröhre (z.B. durch eine vergrößerte Prostata). Auch die Schwangerschaft ist ein Risikofaktor, ebenso, wie mangelnde Flüssigkeitszufuhr und somit eine verminderte Urinmenge. Die natürliche Abwehr des Körpers wirkt der Keimvermehrung ebenfalls entgegen. Ist sie durch eine Krankheit gestört oder durch Medikamente beeinträchtigt, fördert das ebenfalls die Entstehung eines Harnwegsinfekts. Die natürliche Abwehr ist häufig auch überfordert, wenn besonders hohe Mengen an Keimen in die Harnblase gelangen, typischerweise durch ärztliche Eingriffe oder Katheter.
Typische Erreger eines HWIs, wie z.B. Escherichia coli (ein Darmbakterium und der häufigste Erreger), haben Ausläufer mit denen sie sich an den Schleimhäuten festhalten können, wo sie sich dann vermehren.

Was merkt man?

Nicht jeder HWI äußert sich mit Symptomen. Vor allem in der Schwangerschaft kommt es häufig zu einer sog. asymptomatischen Bakteriurie.

Eine akute Blasenentzündung äußert sich mit schmerzhaftem und erschwerten Wasserlassen (Algurie und Dysurie). Dies kann bis zu Krämpfen im Unterbauch reichen. Hinzu kommt ein häufiger Harndrang, der jedoch meistens unergiebig ist (Pollakisurie).

Betrifft die Infektion die Niere, ist das eine deutlich schwerere Erkrankung. Die Patienten leiden an Fieber mit Schüttelfrost, an Dysurie und Klopfschmerzhaftigkeit der sog. Nierenlager. Das ist der hintere Flankenbereich am unteren Ende des Rippenbogens, wo die Nieren liegen. Die Schmerzen können von dort in Bauch und Rücken ausstrahlen.

Wie stelle ich es fest?

Die wichtigste und einfachste Untersuchung ist eine Analyse des Urins. Man findet typischerweise reichlich Entzündungszellen (Leukozyten) und ggf. auch rote Blutzellen (Erythrozyten), als Zeichen für feine Blutungen, wenn die Entzündung das Gewebe verletzt hat. Um eine Infektion sicher diagnostizieren zu können, braucht es zusätzlich den Nachweis von Bakterien im Urin. Je nachdem, wie der Urin gewonnen wird, ist eine Verunreinigung der Probe allerdings vorprogrammiert. Nur bei direkter Punktion der Base gilt jeder Nachweis von Bakterien als krankhaft. Bei Mittelstrahlurin, den der Patient selbst auf Toilette abgibt, müssen es mindestens 100.000 Keime/ml für eine Diagnose sein. Für eine gezielte Therapie bietet es sich zudem an, die Keime genauer zu differenzieren und ihre Antibiotikaempfindlichkeit zu testen.

Zusätzlich kann man das Blut auf die Erhöhung bestimmter Entzündungswerte wie CRP untersuchen. Die Nierenwerte (Harnstoff, Kreatinin, – Clearance) geben Aufschluss über eine Mitbeteiligung der Niere und deren Ausmaß. Bei Verdacht auf eine Nierenbeteiligung sollte man diese zusätzlich mit dem Ultraschall untersuchen. Ein erweitertes Nierenbecken kann ein Hinweis auf Harnstau oder Entzündung sein.

Was kann man tun?

Die einfachste Therapie bei einer Blasenentzündung besteht aus Ruhe, Wärme und viel Tee (oder anderer Flüssigkeit) um die Harnwege „durchzuspülen“. Bei einer unkomplizierten Blasenentzündung kann das durchaus genügen. Ergänzend gibt es vielfältige pflanzliche Präparate. Vor allem zu Cranberry-Präparaten wurden mehrere Studien durchgeführt, die zwar mehrheitlich einen Nutzen zeigten, jedoch wegen Ungereimtheiten im Studiendesign kritisch betrachtet werden.

Das größte Problem der antibiotischen Therapie sind die hohen Resistenzraten, vor allem bei im Krankenhaus erworbenen Infektionen. Medikamente der Wahl sind z.B. Fosfomycin (nur Frauen), Nitrofurantoin.
Die ebenfalls gut wirksamen Gyrasehemmer (z.B. Norfloxacin, Ciprofloxacin), sind wichtige Reservemedikamente bei anderen schweren Erkankungen und sollten deshalb bei Blasenentzündungen zurückhaltend eingesetzt werden um weitere Resistenzbildungen zu vermeiden. Sie sind jedoch Mittel der Wahl bei unkomplizierten Nierenbeckenentzündungen eingesetzt.
Trimethoprim (+/- Sulfonamid) gelangt in sehr hoher Konzentration in den Urin und war lange Zeit Mittel der ersten Wahl. Heute liegen die Resistenzraten so hoch, dass es nur noch bei einem unkomplizierten, häuslich erworbenen HWI empfohlen wird. In der Schwangerschaft verwendet man Aminopenicilline oder Ceftriaxon.
Eine Pyelonephritis erfordert eine Antibiotikagabe über 7 bis 10 Tage, am besten unter Kontrolle im Krankenhaus. Bei jungen Frauen mit unkomplizierter Blasenentzündung kann auch eine eintägige Antibiotikatherapie ausreichend sein.

Schmankerl: Honeymoon-Zystitis

Auch beim Geschlechtsverkehr gelangen durch die anatomische Nähe vermehrt Keime in die weibliche Harnröhre. Problematisch sind dabei weniger die eigenen Keime, sondern die des Partners, die sich zwangsläufig darunter mischen. Auf sie ist die Abwehr nicht so gut eingestellt. Deshalb kommt es oft nach dem Sex mit einem neuen Partner bei der Frau zu einer Blasenentzündung, ohne dass ein anderer Auslöser erinnerbar ist. Früher war dies eben erst in den Flitterwochen der Fall, wodurch das Phänomen seinen Namen erhielt.

Diese Information ersetzt keinen Arztbesuch und erhebt keinen Anspruch auf  Richtigkeit oder/und Vollständigkeit.

– Spekulantin

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Autor: Spekulantin

Die kochen alle nur mit Wasser

15 Kommentare zu “Krankheit der Woche IX: Harnwegsinfekt

  1. Bestes Mittel bisher: Canephron. Auch gut: Cystinol akut. Hilft bei mir weit besser als Antibiotika 🙂

    • Beide Präparate sind mir leider kein Begriff. Aber beim Recherchieren, sind mir auch die Cranberry-Präparate wieder eingefallen, die in verschiedenen Studien eine ganz gute Wirksamkeit gezeigt haben. Hast du damit auch Erfahrungen von denen du berichten könntest?

      • Jupp, das waren mit die ersten Versuche. Hat bei mir leider gar nichts gebracht, weder als präparat noch als frische Beeren jeden morgen.
        Cystinol war sehr hilfreich allerdings meinte die Apothekerin irgendwann, es könne Krebs verursachen wenn man es öfter als 4(?) Mal im Jahr nehme.
        So stieß ich auf Canephron und habe das Gefühl, dass das noch besser wirkt.
        Allerdings bin ich mittlerweile in Sachen früherkennung auch sehr geübt (ich hatte das zeitweise 3 mal im Monat :/ ) und nehme mittlerweile beim ersten Anzeichen eine Dosis. Seither bin ich etwa ein Jahr Infektfrei. (Riesen Anstieg der Lebensqualität)
        Antibiotika habe ich erst einmal genommen und leider sehr schlechte Erfahrungen damit gemacht. Der infekt kam trotz vorgeschriebener Einnahme direkt wieder –> neues Antibiotikum –> verschwundener Infekt aber wenige Tage später eine heftige Nierenbeckenentzündung (erste und bisher letzte). daher bin ich froh dass der pflanzliche Kram bei mir so gut wirkt.
        So, nun wäre meine Krankengeschichte erzählt^^

      • Meine letzte HWI habe ich nach 4-tägiger Antibiotika nur mit diesem Cranberry-Produkt in Griff bekommen: http://www.avitale.de/cranberry.html

        ich bin (hoffentlich noch länger) begeistert!

  2. „Medikamente der Wahl sind Gyrasehemmer (z.B. Norfloxacin, Ciprofloxacin), die oral eingenommen werden. In der Schwangerschaft verwendet man stattdessen Aminopenicilline oder Ceftriaxon.“

    Der häufige Einsatz von Gyrasehemmern entspricht sicherlich der klinischen Praxis, ist aber durchaus kritisch zu hinterfragen. Die aktuelle S3-Leitlinie zur Harnwegsinfektion nennt sie bei unkomplizierter Zystits nur als Mittel der zweiten Wahl, weil Gyrasehemmer auch zur Behandlung schwerer Infektionen (z.B. nosokomial erworbene Pneumonien) benötigt werden und durch einen breiten Einsatz die Selektion resistenter Keime begünstigt wird.

    Antibiotika der ersten Wahl: Fosfomycin (nur Frauen), Nitrofurantoin, Pivmecillinam

    Für die unkomplizierte Pyelonephritis hingegen sind Gyrasehemmer Mittel der ersten Wahl.

    • Hey, danke dir für die umfassende Information. Ich muss gestehen bis zur S3-Leitlinie bin ich nicht vorgedrungen 😉 Ich hab da mal relativ unkritisch den Herold zitiert. Aber ich werde versuchen deine Hinweise einzuarbeiten.

  3. Aus eigener Erfahrung kann ich ergänzend hinzufügen, dass der Schmerz nicht unbedingt nur hinten zu spüren ist. Bei meiner Nierenbeckenentzündung hatte ich ein wenig „Rückenschmerzen“ und jede Menge „Bauchschmerzen“. Die Schmerzen waren vor allem vorne rechts, unterhalb des Rippenbogens, bis hin zur rechten Leiste, zuletzt so stark dass ich das Bein kaum mehr anheben konnte. Zusätzlich hatte ich aufgrund fehlenden Appetits seit gut drei Tagen nichts mehr gegessen, hatte jede Menge Luft im Darm und eine versuchte Sonograpie war so nur unzureichend möglich.
    Heute glaube ich, dass zuerst eine Blasenentzündung vermutet wurde, die Blutwerte dann aber Richtung Nierenbeckenentzündung wiesen.

    • Wow, das klingt ja ziemlich dramatisch! Wie ging die Geschichte denn aus?
      Klar, die Schmerzen sind sicher nicht so einfach zuzuweisen. Jeder ist ein bisschen anders. Der Flankenklopfschmerz ist einfach das typische Zeichen und auch ein wichtiger Handgriff, der zu jeder Untersuchung dazugehört. Wenn der Patient ohnehin schon Schmerzen im ganzen Bauch und Rücken schildert, ist das allerdings ein wohl noch deutlicherer Hinweis 😉

      • Na ja, war ja eigentlich eigene Dummheit – ich hab’s nicht so mit Arztbesuchen. Und Krankenhaus? Teufelswerk! ;-))
        Die Nierenbeckenentzündung dürfte eine verschleppte Blasenentzündung gewesen sein, ich habe mich mit diversen Anzeichen und wachsenden Schmerzen aber sicherlich noch mehr als eine Woche vor dem Gang zum Arzt gedrückt. Ich war aber auch nicht länger als eine Woche im KH, das Antibiotikum und tägliche 4l Wasser (zum trinken!) hatten direkt durchschlagenden Erfolg.
        Flankenklopfschmerz klingt harmlos – ich hätte den Herrn damals gerne dafür leiden lassen!
        Die Schmerzen waren innerhalb von etwa 4 Wochen komplett weg und ich habe auch beim Sport nichts mehr davon gespürt. Eine Blasen- oder sonstige Harnwegsinfektion hatte ich auch nicht wieder, also eigentlich gar nicht so dramatisch.
        Krankenhäuser und Ärzte mag ich seitdem allerdings noch weniger als vorher. Der damalige Doc des ärztlichen Notdienstes sagte meinem damaligen Freund, er solle mir ob meiner ausführlich beschriebenen „Bauchschmerzen“ eine Aspirin geben.
        Vier Stunden später, kurz vor Mitternacht, wurde ich dann ins KH verfrachtet und mit 41,2°C und hart erkämpften, unschönen Blutwerten dann direkt da behalten – toll. :-/

        Blutabnahmen im fiebrigen Zustand sind nicht schön. Wenn man Angst hat, ist das schon blöd, wenn man aufgrund des Fiebers dann auch noch ziemlich die Kontrolle über die Angstbeherrschung verliert und zwei Damen vom Pflegepersonal einen festhalten wollen damit man eine Nadel in den Arm stecken kann, braucht man sich nicht wundern, wenn ich unkooperativ reagiere. Und mir ist das Irrationale dabei völlig bewusst. Eine Blutentnahme schmerzt längst nicht so wie die Nierenbeckenentzündung, aber ich kann mit dieser Art von Schmerz einfach nicht umgehen.

        Auch deshalb ein dickes Dankeschön, dass dieses Blog existiert. Man erfährt ein bisschen über den Krankenhausalltag und das Arztsein und kann sich als potentieller Patient ein bisschen besser auf Krankenhausaufenthalte einstellen. Man fühlt sich etwas weniger außen vor und weniger ausgeliefert.

        • Ich würde mal sagen, dir ein ganz dickes Dankeschön für solche Beiträge und Hinweise. Nach meiner Woche in Altrosa ist mir so aufgefallen, wie leicht manchmal in diesem ganzen Krankenhausalltag der Mensch zwischen Diagnosen und Notwendigkeiten aus dem Mittelpunkt rückt. Geschichten, wie deine erinnern einen dann wieder daran, wie man sich auf der anderen Seite der Nadel fühlt und das hilft ungemein den richtigen Fokus zu behalten!

          Dein HWI ist ja dann glücklicherweise doch noch glimpflich ausgegangen. Obwohl ich mir 4l Trinken am Tag echt hart vorstelle! 🙂

          • Ja, das ist wirklich glimpflich ausgegangen. Damals wandelte ich aber auch im Tal der Ahnungslosen, was die möglichen Auswirkungen und Schädigungen so später Behandlung angeht.
            Und ja, 4 Liter SIND hart, aber nicht so schlimm wie die Drohung, sonst wieder an den Tropf gehängt zu werden. Das Wedeln mit ’ner Nadel hilft fast immer! *schäm* 😉
            Der Pfleger, genannt Dr. Daniel, war damals echt Klasse. Der hat dafür gesorgt, dass ich den Tropf loswerde (da hab ich noch geraucht!) und er hat mich vor der Schwester beschützt, die mir diesen unsäglichen Tee aufzwingen wollte und Alternativen verhandelt. Fenchel! *würg*
            Aber es ist echt peinlich, von einem recht jungen (ja, auch gutaussehenden) Pfleger rektal die Temperatur gemessen zu bekommen!!! 😮

            Ich verstehe im Prinzip, dass Ärzte mehr ihrem „Handwerk“ frönen als sich mit dem Patienten als Menschen zu beschäftigen. Ich denke, die geistige Gesundheit fordert u. a. solche Schutzschilde.
            Allerdings sollte das nicht der natürliche Zustand im Umgang mit dem Patienten sein, stimmt schon.

  4. ich glaube, das problem bei der honeymoon-zystitis ist eher ein zu viel an gv (wie eben in den flitterwochen), als die andersartigkeit der keime beim erstkontakt. siehe dazu auch http://de.wikipedia.org/wiki/Zystitis#Pr.C3.A4disponierende_Faktoren

  5. Ja, das kommt wohl zusammen. Allerdings konnte ich außer in meinen Vorlesungsunterlagen jetzt so spontan keinen weiteren Anhalt für das veränderte Keimspektrum finden. Ich werde noch ein bisschen weiter nachrecherchieren und es dann ggf ändern. Danke für den Hinweis.

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