Arzt an Bord

Zu Risiken und Nebenwirkungen…..

Gratwanderung.

5 Kommentare

Gründe, als Patient in eines der größten hepatologischen Zentren Großbritanniens zu kommen, gibt es viele. Gründe, als junger Mensch eine Lebertransplantation zu benötigen, gibt es eher wenige. Unsere Patientin ist Ende 20 ohne medizinische Vorerkrankungen. Vor etwas mehr als einem Jahr hat sie versucht sich mit einer Überdosis Paracetamol das Leben zu nehmen. Paracetamol ist ein frei verkäufliches Schmerzmittel, das bei normaler Dosierung kaum Nebenwirkungen aufweist, bei sehr hohen Dosierungen jedoch zu schweren Leberschäden führen kann. Sie wurde damals rechtzeitig gefunden und in unser Krankenhaus gebracht. Ihre Leber war jedoch irreversibel geschädigt, die einzige Möglichkeit ihr Leben zu retten war eine Lebertransplantation.

Obwohl das Wartezimmer voll ist und wir mit der Sprechstunde schon wieder in Verzug sind, beginnen wir zu diskutieren. Darf man einem Patienten mit dieser Krankheitsgeschichte eine Leber transplantieren? Sollen Patienten, die sich doch selbst das Leben nehmen wollten, ein Organ transplantiert bekommen, das einem anderen Patienten, der leben möchte, das Leben retten könnte? Nimmt man dadurch nicht einem anderen Patienten das Recht auf ein neues Leben? Und wie ist das eigentlich mit der Zustimmung des Patienten? Ist der Patient in einem Zustand, in dem er einer lebensrettenden Operation nicht zustimmen kann, wird in der Regel von einem Lebenswillen und einer Zustimmung des Patienten zu dieser Operation ausgegangen. Aber wie ist das mit einem Patienten, der doch ganz klar keinen Lebenswillen mehr besitzt? Aber besitzt jemand, der einen Selbstmordversuch begangen hat, mit Sicherheit keinen Lebenswillen mehr? Vielleicht sieht er die Dinge mittlerweile anders. Und hat nicht jeder Mensch ein Recht auf die bestmögliche medizinische Behandlung?

Bald wird klar, dass wir diese Diskussion nicht gegen einander oder gegen ein bestehendes System führen, sondern in Wahrheit nur gegen uns selbst. Wir beide wissen selbst nicht, welche Meinung wir vertreten sollen, welcher Standpunkt der richtige ist. Wir kommen zu keinem Ergebnis.

Schließlich bitten wir die Patientin ins Sprechzimmer, sie kommt zur Routinekontrolluntersuchung. Es gehe ihr gut, ihre Medikamente nehme sie regelmäßig ein und sie plane nächstes Jahr eine Ausbildung zur Krankenschwester zu beginnen.

Während sie erzählt, geht mir durch den Kopf, dass sie heute nicht hier sitzen würde, wenn ihr Selbstmordversuch damals erfolgreich gewesen wäre, wenn sie keine Lebertransplantation erhalten hätte. Waren wir vielleicht doch zu vorschnell mit unseren Argumenten gegen eine Transplantation?

Auf einiges Nachfragen hin berichtet sie jedoch, dass sie vor wenigen Wochen wieder im Krankenhaus gewesen sei. Über 20 Tabletten Paracetamol – die genau Menge weiß sie nicht mehr. Ein zweiter Selbstmordversuch, jedoch mit geringeren Schäden an der Leber. Eine zweite Transplantation war nicht erforderlich.

Nachdem sie den Raum verlassen hat, herrscht Stille. Wir schauen uns beide etwas ratlos an, dann beginnt mein Oberarzt eine Geschichte  zu erzählen, die sich vor wenigen Jahren zugetragen hat. Ein Patient hatte ebenfalls versucht sich mit einer Überdosis Paracetamol das Leben zu nehmen. Auch er erhielt daraufhin, wie unsere Patientin, eine Lebertransplantation. Er war nur wenige Tage aus dem Krankenhaus entlassen, als er sich vor einen Zug warf. Der Abschiedsbrief enthielt nur einen Satz: „Liebes (hier der Name des Krankenhauses), versucht jetzt einmal mich wieder zusammenzuflicken!“

Dieser Satz lässt mich auch heute – Wochen später – immer noch nicht los. Alte Probleme lassen sich eben doch nicht durch eine neue Leber lösen.

– Ann Arbor

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Autor: Ann Arbor

"We're all stories in the end...just make it a good one! Because it was, you know, it was the best!" Doctor Who

5 Kommentare zu “Gratwanderung.

  1. Das ist harter Tobak… :-/
    Das Blöde ist, dass man nicht die ganze Geschichte kennt. Wie soll man sich da ein vernünftiges Bild machen? Hatte sie vielleicht ein paar Tage ihre Medikamente abgesetzt? Wurde eine Therapie bisher überhaupt versucht? Will die Patientin überhaupt aus ihrem Elend lebend heraus?
    Aber mit 20 Jahren kann ich mir nicht wirklich vorstellen, dass der Wunsch zu sterben komplett durchdacht wurde und Lösungsmöglichkeiten ausgeschöpft wurden.
    Hier gehen, denke ich, Objektivität und subjektives Empfinden stark auseinander, was die Patientin betrifft. Bei mir zumindest.

  2. Das komplette Bild zu bekommen ist immer schwierig und für so etwas ist auch die Lebersprechstunde meiner Meinung nach nicht der richtige Ort. Ich denke allerdings schon, dass man mit Ende zwanzig in der Lage ist, einen Sterbewunsch komplett zu durchdenken. Ich persönlich würde mir diese Urteilsfähigkeit zumindest zutrauen.

    • Hm, ich war bei Anfang 20, nicht bei Ende 20. Wer lesen kann ist klar im Vorteil… Sorry! :-/
      Ich sehe es auch so, dass die Lebersprechstunde dafür nicht unbedingt das richtige Forum ist. Allerdings ist der dortige Ärztekreis dann automatisch auch nicht das richtige Forum, über Sinn oder Unsinn einer Transplantation bei solchen Patienten zu diskutieren. Sich Gedanken machen, auch laut, ja, mehr aber auch nicht.
      Aber ich vermute, so war das mit dem Diskutieren auch gemeint und nicht, dass man da zu einer Entscheidung finden wollte.
      Ich frage mich allerdings, warum sie dann überhaupt in die Sprechstunde kommt. Es muss ihr dann wohl doch etwas daran liegen…

  3. Für die Transplantation gibt es Richtlinien, die relativ klar festlegen, wer transplantiert wird und wer nicht. Hierfür gibt es spezielle multidisziplinäre Meetings, die über die Transplantationsindikation entscheiden. Es ging hier also definitiv nicht um eine akute Therapieentscheidung, sondern lediglich ein Gedankenaustausch darüber, ob man generell Suizidpatienten transplantieren sollte oder ob dies ein Ausschlusskriterium (wie es z.B. bestehende Alkoholabhängigkeit ist) sein sollte. Es tut mir Leid, wenn mein Artikel da zu Missverständnissen führt. Ich wollte lediglich die Frage Transplantation ja/nein in den Raum stellen.

    • Pff..! Nee, keine Missverständnisse, lediglich Nachfrage-/ Aufklärungsbedarf von meiner Seite. Laie halt. 😉
      Und rechtfertigt euch nicht gleich für jeden Mist, man kann von JEDEM Menschen erwarten, dass er bei Bedarf erstmal den gesunden Menschenverstand einschaltet und nachfragt ohne gleich die Keule rauszuholen – vorauseilende Rechtfertigungen sollten nicht nötig sein. 🙂
      Bis jetzt habe ich den Eindruck, dass ihr euch wirklich alle Mühe gebt (absolut positiv gemeint, nicht ironisch!!!). Ob das jeder in seinem Job so von sich sagen kann..?

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