Arzt an Bord

Zu Risiken und Nebenwirkungen…..

professionelle Vampire

22 Kommentare

In den vergangenen Wochen hat sich für mich eines deutlich gezeigt: die Innere Medizin lebt von Blutabnahmen!

Egal auf welcher Station ich eingesetzt war, immer gab es morgens für den PJ’ler alle Hände voll mit Blutabnahmen zu tun. Auf der Onkologie sowieso (wobei ich hier kritisch anmerken muss, dass sich viele Abnahmen in keiner Therapieänderung niederschlagen und lediglich zur „Kontrolle“ sind – also ab und an eventuell auch überflüssigerweise getätigt werden).

Auf der Gastrologie hielt sich die Blutschlacht in Grenzen, wohl vor allem dank eines netten Kollegens, der die Indikation für das morgentliche Pieksen eng stellte und sich bei jeder Anordnung fragte, welche Konsequenzen er aus pathologisch entdeckten Werten ziehen würde. Gießkannen-Abnehmen fand er völlig bescheuert – da war ich schnell auf seiner Seite. Als er dann einen Tag krank war und die Kollegin seinen Teil der Station übernahm, ordnete sie kurzerhand einige Blutabnahmen an („man kann doch nicht eine Woche lang kein Blut kontrollieren„). Einen Tag später setzte er die Anordnungen wieder ab („was bringt es mir? Außerhalb des Krankenhauses nimmt man einem Patienten mit diabetischem Fuß doch auch nicht jeden zweiten Tag Blut ab„).

Schließlich die Kardiologie. Ich sehe die dringende Indikation für Blutabnahmen bei Herzinfarkt und anderen lebensbedrohlichen Erkrankungen, die teilweise mittels einfachem Labortest diagnostiziert werden könnten (und manchmal auch nur mittels Blutwert auffallen). Dem Kollegen von der Gastro ist es im Dienst an einem Feiertag dann passiert, dass er auf einer einzigen kardiologischen Station 20 Blutabnahmen hätte erledigen sollen – einfach der Tatsache geschuldet, dass die Stationsärzte einmal in der Kurve die Anordnung „tägl. Blutbild“ verfasst haben und die Pflege deswegen jeden Tag brav die Röhrchen hinrichtet. Da es außerhalb der Feiertage dann den PJ’ler gibt, der vielleicht murrend aber immerhin ohne die Möglichkeit/das Recht groß zu hinterfragen, die Abnahmen erledigt, fällt es keinem so richtig auf, dass diese tägliche Abnahme jeden Tag läuft. Und läuft. Und läuft… und sich die Patienten zu beschweren beginnen, was denn die ständigen Abnahmen sollen.

Nun war ich selbst in der Kardiologie eingesetzt und nahm für meine Stationsärzte das Blut bei den Patienten ab. Nach ca. 3 Tagen auf der Station begann eine andere kardiologische Station bei uns anzurufen und nach dem PJ’ler zu fragen. Schon beim ersten Anruf „wir brauchen deine Hilfe“ war mir klar, was das für mich bedeutete: Blut abnehmen auf der anderen Station. Irgendwie schlich sich dieser Zustand ein und so folgte kein Tag mehr, an dem die andere Station nicht um ca. 9.30Uhr anrief und um Blutabnahmen durch mich bat. Was für mich bedeutete: von 8 – 9 Uhr bin ich auf meiner Station unterwegs und zapfe fleißig roten Saft. Um 9.30Uhr beginnen wir dann, wenn wir Glück haben, mit unserer Visite. Und dann muss ich zur anderen Station und bekomme von meiner nichts mehr mit – teilweise von der Kurvenvisite des Oberarztes, teilweise von den ersten Untersuchungen des Tages, die anlaufen,…. ich werde dann erst einmal beschäftigt.

Es macht Spaß mit neuen Leuten in Kontakt zu treten, die Omis sind ja großteils alle nett und meinen Fähigkeiten, schnell die richtigen Venen zu treffen, tut es auch keinen Abbruch, wenn man morgens viel zu „üben“ und trainieren hat. Aber, ich bin ehrlich, nach 20 Patienten vergeht mir die Lust. Denn dazu bin ich nicht im Praktischen Jahr (vor allem nicht mit der Begründung, wir sind da um was lernen). Das sind die Zustände, die mich weg von der Uniklinik und in ein kleineres Lehrkrankenhaus gebracht hatten – die Hoffnung, nicht über zig Stationen laufen zu müssen und nur fürs Blutabnehmen und Zugänge legen zuständig zu sein. Sondern etwas zu lernen.

In der zweiten Woche spitzte sich die Sache weiter zu:  ich komme von der Runde auf meiner Station, im Arztzimmer ein Kollege von der Privatstation. Und was will er? Klar, ob ich ihm beim Blut helfen könnte. Ich gehe mit ihm und nehme auf seiner Station 15 Patienten Blut ab, lege 3 Nadeln und kehre zurück auf meine Station. Dort findet inzwischen die Oberarztvisite statt, deren Anfang ich bereits verpasst habe. Kaum kommen wir auf die Hälfte der Station, um die ich mich mitkümmere, da klingelt das Telefon und die Station der letzten Tage ist dran, ob ich Blut abnehmen kommen könnte. NEIN!

Freundlich aber bestimmt erklärte ich, dass ich jetzt bei der Oberarztvisite mitlaufen werde und danach dann vorbeischauen könnte… so in ca 45min. Das schien der Kollegin wohl zu lange und sie begann schon mit den ersten drei Abnahmen. Na immerhin. Als ich dann auf die Station kam, blieben für mich noch 3 Patienten übrig und – da ich ja gerade schon da sei – die drei Zugänge, die auf dem Gang auf ihre Betten warteten. Allen dreien eine Nadel legen und Blut abnehmen. Auch,wenn die Kollegen immer nett „danke“ sagen und offensichtlich erleichtert sind, wenn ich ihnen die Arbeit abnehme – ich tue es gerne, sollte wirklich Not am Mann sein (wie an dem Tag, als die beiden Stationsärzte krank waren und eine Aushilfe von einer anderen Station die Visite erledigen musste). Ich erledige es auch, wenn die Ärzte in höchstem Stress sind. Aber einfach jeden Tag anzurufen und jeden Tag 20 Patienten pieksen zu lassen  – das ist nicht das, was ich im PJ machen wollte. Zumal, als die Ärztin dann alleine abnehmen ging, plötzlich aus den 20 Abnahmen nur noch 6 wurden. Sobald man selbst Zeit verbraucht, scheint sich die Indikation für die ein oder andere Abnahme doch sehr schnell in Luft aufzulösen.

Im Prinzip lief es genau darauf hinaus, dass ich als PJ’ler den ganzen Morgen damit beschäftigt wurde, Blut auf allen möglichen Stationen abzunehmen – und immer weniger von den Patienten auf meiner Station mitbekam. Kein Wunder, dass ich nach 2 Wochen froh war, dass sich das Innere-Tertial dem Ende entgegen neigte und ich vorerst wohl kein Blut mehr abzapfen muss. So verliert man schnell die Freude am täglichen Arbeiten und der Lerneffekt des Tertials und auf Station geht gegen Null.

– Orthopaedix

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Autor: Orthopaedix

bones and pain

22 Kommentare zu “professionelle Vampire

  1. Echt schade. Hast Du keinen Vorgesetzten, dem Du das mal verklickern kannst?

  2. Pingback: Die heiße Schlacht am kalten Blutbuffet « Medizynicus Arzt Blog

  3. Pingback: Vampirfrühstück oder: die heiße Schlacht am kalten Blutbuffet « Medizynicus Arzt Blog

  4. He, Ihr Semi-Anonymen! Es gibt keine schlechten Venen, nur schlechte PJ’ler, oder, wie wa das?! Endlich mal wieder jemand, der dieses Thema anspricht!

  5. Ich hab’s gewusst! Alle wollen mein Blut! Sogar wegen einer gebrochenen Nase!
    Bei einer Nierenbeckenentzündung sehe ich es ja noch ein, wenn es in angemessenen Grenzen bleibt. Mit vorherigem Emla-Pflaster!

  6. Blutentnahme und Braunülen sollte die Pflege in der Obhut haben, also ausführen!

    • das würde uns einiges an Arbeit abnehmen – aber gleichzeitig der Pflege aufbürden. die werden sich dagegen auch wehren… wobei ich auch schon stationen erlebt habe, da machte das die Pflege sowieso schon von alleine.

  7. als mein grad 4jähriger Röhrchen rein und Polypen raus bekam, wurde ihm (ohne Zauberpflaster) am Vortag Blut abgenommen. Das hat er noch stoisch ertragen. Am eigentlichen OP-Tag hieß es (morgens um 07.30): oh, das war zuwenig- wir brauchen mehr. Diesmal mit Zauberpflaster, mein Junge war aber noch gut drauf. Dann gabs noch nen Zugang (die Ärztin, die vorher Blut abgenommen hatte, traute sich den Zugang nicht zu, das müsse ein anderer Arzt machen..). und als die OP überstanden war (er war von 11 Uhr bis 14.00 im OP-Bereich), ich ihn endlich wieder ein wenig aufgemuntert hatte – hieß es: wir brauchen nochmal Blut. und erst um 18.00 Abends wurde der Zuigang dann endlich gezogen, und wir konnten heim. Essen gabs von der Station den ganzen Tag nicht, ausser dem von mir mitgebrachten Joghurt und Wackelpudding (leider zu warm draussen,darum alles flüssig..). Erst auf der Heimfahrt- da dann auch vom großen M, das hatte sich der Zwerg redlich verdient..

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