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Zu Risiken und Nebenwirkungen…..

Arzneimittel der Woche IX: Paracetamol

10 Kommentare

Paracetamol
ben-u-ron, Paracetamol, Perfalgan….

Anwendungsgebiet

Paracetamol ist ein Nichtopioid-Schmerzmittel und wird zur Behandlung von leichten bis mittelschweren Schmerzen angewandt (z.B. bei Zahn-, Regel-, Kopf-, Gelenkschmerz). Die Kombination  mit  ASS  (Aspirin) und/oder Koffein hat eine erhöhte Wirksamkeit, weswegen diese Präparate (z.B. Thomapyrin) z.B. gegen Spannungskopfschmerz oder Migräne bevorzugt eingesetzt werden. In Kombination mit anderen Wirkstoffen z.B. Hustenlösern oder Vitamin C wird Paracetamol als Fieber- und Schmerzsenker gegen Erkältung und Grippe eingesetzt.

Wirkung & Mechanismus

Der genaue Wirkmechanismus für Paracetamol ist bis heute nicht bekannt. Für den Wirkstoff ist nur unter Laborbedingungen entzündungshemmende Wirkung nachgewiesen worden. Er gehört deswegen nicht zur Gruppe der „nicht-steroidalen Entzündungshemmern“, zu denen u.a. ASS und Ibuprofen zählen. Es gibt diverse Erklärungsansätze, wie Paracetamol wirken könnte, u.a. durch Wirkung im Gehirn und Rückenmark, durch Wechselwirkungen mit anderen Botenstoffen wie Serotonin oder euphorisierenden Stoffen (Cannabinoid-System des Gehirns) …

Paracetamol wirkt nicht auf die periphere Cyclooxygenase, einem Enzym, das für die Produktion von Entzündungsstoffen zuständig ist und von nicht-steroidalen Entzündungshemmern gehemmt wird (siehe Wirkung von Acetylsalicylsäure (ASS)). Daher hat Paracetamol weniger Nebenwirkungen als diese Stoffe (z.B. in Hinblick auf Magengeschwüre etc). Außerdem fehlt Paracetamol der blutverdünnende Effekt, den ASS vorweist.

Paracetamol wirkt nach oraler Einnahme nach ca. 30 – 60 Minuten. Der Abbau erfolgt über die Leber, die Ausscheidung über die Nieren. Beim Abbau entsteht ein toxisches Molekül, das normalerweise sofort von anderen Stoffen „eingefangen“ und damit für die Ausscheidung über die Nieren unschädlich gemacht wird. Bei hohen Dosen von Paracetamol ist dieses Einfangen nicht mehr ausreichend möglich und Paracetamol wird für die Leber toxisch. Dadurch gehen Leberzellen zu Grund und es kann zu Leberversagen kommen.

Nebenwirkungen

Bei langjähriger hochdosierter Anwendung von Paracetamol ist die Entstehung eines medikamenten-assoziierten Kopfschmerzes, der sich beim Absetzen der Medikamente verschlimmert, möglich.

Paracetamol hat sehr wenige Nebenwirkungen, die bei weniger als 1 von 1000 Patienten auftreten können. Dazu gehören u.a. Anstieg der Leberenzyme und in sehr seltenen Fällen eine Verringerung der Zahl der Blutplättchen (Thrombozytopenie) und der weißen Blutkörperchen (Agranulozytose). Selten kommt es zu einem juckenden Hautausschlag oder zur Beeinträchtigung der Nierenfunktion.

Paracetamol steht unter Verdacht nach langjähriger Einnahme  das Risiko für Blutkrebs zu erhöhen (Studie).

Paracetamol wird häufig in suizidaler Absicht eingenommen. Schon rund 10 Gramm können bei einem Erwachsenen zum Leberversagen führen – was jedoch nur selten zum unmittelbaren Tod führt! Vielmehr überleben die Patienten ihren Suizidversuch und leiden an den (schmerzhaften) Folgen des Leberversagens. Symptome der Paracetamol-Vergiftung treten erst nach 2 Tagen auf, erreichen nach 4-6 Tagen ihren Höhepunkt und sind u.a. Übelkeit, Erbrechen, Appetitlosigkeit, Schmerzen als Zeichen der Leberschädigung. Ein geeignetes Gegenmittel ist N-Acetylcystein, das die toxischen Abbauprodukte in der Leber neutralisieren kann. Dessen Einnahme muss in den ersten Stunden nach Vergiftung erfolgen. Ansonsten hilft nur noch die Lebertransplantation gegen das toxische Leberversagen.

Gegenanzeigen

Paracetamol darf aufgrund der oben genannten Abbauwege nicht bei schweren Leberstörungen oder Leberversagen gegeben werden. Da die Ausscheidung über die Niere erfolgt, sollte Paracetamol nicht bei chronischem Nierenversagen gegeben werden.

Für die Wirkung auf das ungeborene Kind bzw. während der Stillzeit liegen keine sicheren Daten vor (auch wenn die Wirksubstanz über die Muttermilch nicht übertragen werden soll), sodass die Einnahme wie bei (fast) jedem Medikament grundsätzlich kritisch zu überdenken ist.

Zu Risiken und Nebenwirkungen essen Sie die Packungsbeilage, oder tragen Sie Ihren Arzt zum Apotheker. Diese Information ersetzt keinen Arztbesuch und erhebt keinen Anspruch auf  Richtigkeit oder/und Vollständigkeit.

Gewünscht hier von squirrel1976. Eure Vorschläge und Wünsche bitte als Kommentare hier drunter 🙂 Das nächste Mal dann: die Pille

Orthopaedix

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Autor: Orthopaedix

bones and pain

10 Kommentare zu “Arzneimittel der Woche IX: Paracetamol

  1. *knicks* Vielen Dank!
    Da war jetzt einiges an Information, was ich noch nicht wusste 🙂

  2. Ich wollte nur kurz Beschied sagen, dass ein zu 90% fertiger Artikel über Paracetamol, Suizid und Lebertransplantation sich hier auf meinem PC befindet…dauert nur noch ein kleines bisschen 🙂

  3. Huhu,
    ich habe Fragen zu Medikamenten, die vielleicht in einem „Eure Fragen – unsere Antworten“ geklärt werden könnten:

    Wie werden Medikamente im Körper aufgenommen? Bei Tableten über den Magen ins Blut? Was ist, wenn das Medikament im Gehirn wirken soll (Stichwort Blut-Hirn-Schranke)?
    Gibt es einen Unterschied in der Wirkungsweise zwischen festen Tabletten und Kapseln (so wie die oben rechts in eurem Titelbild)?
    Wäre generell eine Infusion die beste Möglichkeit, Medikamente zu verabreichen (wenn man vom Aufwand absieht)?
    Wenn ich eine Tablette halbieren muss, ist dann in beiden Hälften gleich viel Wirkstoff (Vorrausgesetzt ich schaffe es, wirklich die Mitte zu treffen beim Teilen)?

    LG

    • wir kümmern uns drum… ist aber ein sehr umfangreiches Thema, was du anschneidest (im Prinzip die gesamte Grundlage der Pharmakologie und -therapie) 😉 Mal schauen, wer da was draus machen kann (vllt gibts ja auch mehrere Beiträge)

  4. Pingback: Gratwanderung. « Arzt an Bord

  5. Danke für die ausführlichen Informationen. Ich habe aber noch eine Frage: Paracetamol wirkt bei mir nicht, also jedenfalls nicht gegen Schmerzen, führt aber zu juckendem Hautausschlag. Bisher konnten mir Mediziner dazu keine Auskuft geben wärum das so ist , sehen einen eher zweifelnd an und zaubern ein anderes Schmerzmittel aus dem Hut. Bin ich anders oder gibt es noch andere, desen es auch so geht???
    Ich würde mich freuen, wenn sie mir einen Tipp geben könnten.

    • ich persönlich habe noch nicht genug Erfahrung, um zu sagen, wieso Sie diesen Ausschlag bekommen, würde mir aber vielleicht eine Arzneimittelreaktion im Sinne einer Allergie vorstellen können.

      Interessant wäre zu wissen, ob es noch mehr Patienten gibt, die so auf diesen Wirkstoff reagieren…

      • Ok, dann schreibe ich jetzt mal meinen ersten Kommentar bei euch:

        Hier – ich. Jedenfalls fast…

        Paracetamol bewirkt selbst in der höheren Dosierung von 1.000 mg/Einzeldosis keine Schmerzreduktion, verursacht allerdings in meinem Fall keine Nesselsucht sondern Magenschmerzen.

        Interessanterweise wirkt z.B. Ibuprofen selbst bei stärkeren Schmerzen bereits in Kinderdosierung (200 mg) sehr gut, ohne irgendwelche Nebenwirkungen zu verursachen. 🙂

        Und wo ich schonmal dabei bin zu schreiben:
        Vielen herzlichen Dank für eure sehr interessante Arbeit auf diesem Blog!!!
        Ich lese seit letzter Woche vom Anfang in die Gegenwart und habe bereits einige Fragen, die ich mir schon öfter gestellt hatte, beantwortet bekommen.

        Herzliche Grüße
        Astarielle

        • willkommen im Blog und danke für deinen Beitrag! 🙂 Wenn du Fragen zu Medikamenten oder Krankheiten hast, stell sie uns und wir beantworten sie dir sehr gerne in unseren wöchentlichen Kategorien.

          Viel Spaß beim Lesen des Blogs!

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