Arzt an Bord

Zu Risiken und Nebenwirkungen…..

Pleiten, Pech und Pannen

Hinterlasse einen Kommentar

Es gibt so Tage, da geht einfach alles schief. Aber meistens sind es dann doch nur Kleinigkeiten, die im normalen Alltag nicht ganz nach Plan laufen. Weil sich aus einer solchen Kleinigkeit kein ganzer Artikel basteln lässt, gibt es jetzt ein kleine Sammlung von Chaos-Kurzgeschichten aus dem ganz normalen Klinikwahnsinn.

Geladene Stimmung im OP

Wir operieren zu viert eine Tumorentfernung in der linken Brust mit angleichender Brustverkleinerung der rechten Seite. Der Chef und meine Lieblingsoberärztin Francesca stehen mit mir und einer weiteren PJ’lerin am Tisch. Die arme OP-Schwester ist ein bisschen überfordert davon in zwei Richtungen gleichzeitig anreichen zu müssen. Der Chef drängt zur Eile, weil er eigentlich um 15 Uhr ein Seminar zu halten hat. Selbst bei optimistischer Kalkulation der OP-Dauer stehen die Chancen pünktlich fertig zu werden ziemlich schlecht. Während wir also eifrig schnippeln, lässt er sich das Telefon ans Ohr halten und bittet sicherheitshalber um Verschiebung des Seminars. Francesca ist unterdessen mit Pinzette und Strom bei der Blutstillung zu Gange.
„AU!“, mit einem Schrei lässt sie plötzlich die Instrumente fallen und springt zurück. Vor lauter Schreck wirft die unsterile Schwester das Telefon fast ins OP-Gebiet. Der Chef braucht einen neuen Ärmel und Francesca hält sich den Finger. Offenbar hatte ihr Handschuh ein Loch und durch die fehlende Isolierung hat ihr der Strom den Finger verbrannt. Der Chef lächelt milde und meint: „Keine Sorge, das passiert mir auch häufiger.“ Francesca ist nicht so ganz überzeugt. „Also ich hatte das ja noch nie. Wie ist das denn passiert?“
20 Minuten später haben Francesca und der Chef die Plätze getauscht und er kokelt, während sie die Brustwarze umschneidet. Wieder schreit jemand und dieses Mal ist es der Chef, der in die Luft hüpft und die Pinzette durch den Raum schmeißt. Ganz offensichtlich passiert es ihm tatsächlich häufiger, dass sein Handschuh ein Loch hat. Francesca schüttelt nur staunend den Kopf.
Am Ende ist es wirklich weit nach 15 Uhr, als wir mit der Naht beginnen. Um ein kosmetisch schönes Ergebnis zu erreichen, fixiert der Chef sich die Schnittkanten zunächst mit Klammern, um die Haut in die richtige Position zu ziehen. Dann nähen wir die Unterhaut zwischen den Tackern hindurch, entfernen sie und machen die Hautnaht. 4 Leute hantieren auf engstem Raum mit 4 Nadeln und 3 Pinzetten (die Vierte liegt ja irgendwo unsteril im Raum verteilt). Klammern raus, neu zurecht ziehen, Klammern rein, Subkutannaht fertig, noch mehr Klammern raus, neue Ecke definiert, wieder Klammern rein… Die OP-Schwester verliert den Überblick und hat Angst, dass am Ende Tacker in der Patientin zurück bleiben. Also fängt sie an alle einzusammeln und zu zählen. 35 Stück waren es ursprünglich im Klammergerät. Nach zweimaligem Nachzählen hält sie jedoch immer noch 43 in der Hand. Wundersame Metallvermehrung. Wir sind ein bisschen ratlos, aber immerhin bedeutet das, dass wir keine Klammer in der Patientin vergessen haben. Und beim Hersteller wird sich auch keiner Beschweren, wenn der zu viel liefert…

.

Auf den zweiten Blick

Die Anästhesie hasst uns dafür, wenn wir während der Einleitung schnell mal die Akte klauen um kurz noch eine Blick auf Ultraschallbilder und die Kurve zu werfen. Aber dieses Mal hat es sich gelohnt. Francesca blättert durch die Papiere und bleibt am Laborzettel hängen. Irgendjemand hat den Quickwert eingekreist. Dieser liegt bei 62% und lässt Francesca zum Telefon greifen. Eigentlich operieren wir Patienten bei elektiven Eingriffen erst ab einem Quick von 70%. Diese Patientin hat zudem bis vor einer Woche Marcumar genommen und seither auf Thrombosespritzen umgestellt. Es folgt ein Telefonmarathon mit der Assistenzärztin, die das Labor abgezeichnet hat, dem leitenden Oberarzt, der ihr dazu geraten hat und am Ende dem Chef, der eine Entscheidung trifft: Die Patientin wird nicht operiert. Blöd nur, dass sie zu diesem Zeitpunkt bereits in Narkose im OP-Saal liegt. Aber der Chef bleibt hart. Und so wird die Patientin direkt wieder aus dem Saal geschoben, extubiert und zurück ins Bett gelagert, die OP-Schwestern räumen den sterilen Tisch wieder ab und alle sind schlecht gelaunt. Der LOA, weil man gegen seine Meinung gehandelt hat, die Patientin, weil sie jetzt eine weitere Nacht bleiben muss (Quickkontrolle am nächsten Morgen und dann neue Entscheidung) und sich verständlicherweise verarscht vorkommt, genauso wie das OP-Team, das umsonst gearbeitet hat. Und Francesca, die sich alle Beschwerden über das Chaos anhören darf, obwohl es gar nicht ihr Entscheidung war. Aber der Chef wäscht sich die Hände in Unschuld.

.
Hoch hinaus

Selber Saal, anderer Tag: Freitag, kurz nach 14 Uhr. Die vorletzte OP ist gerade vorüber. Die ersten Gedanken streben Richtung Wochenende. In wahrscheinlich genau selbige versunken, ergreift die Anästhesie-Pflegerin Die Macht. Das ist die Fernbedienung für den OP-Tisch und wer sie in Händen hält, ist der heimliche Chef im OP-Saal. Der Tisch kippt wie von Geisterhand zurück in Nulllstellung und fährt dann nach oben, damit der Wagen für die Liege darunter fahren kann. Erst als es ein furchtbar hässliches Knirschen gibt, wendet ihm der ganze Saal wieder seine Aufmerksamkeit zu. Aber dem Tisch geht es gut. Das Opfer ist die Plastikabdeckung, die sich an der Decke um den OP-Bereich zieht und deren Sinn und Unsinn mir immer noch ein Rätsel ist. Sie ist gerade auf unschönste Weise mit dem am Tisch befestigten Infusionsständer kollidiert und hat jetzt noch viel unschönere Risse. Es bricht ein bisschen Gewusel aus, aber am Ende kann der Technische Dienst alles erstmal notdürftig kleben. So wird es dann doch noch ein langer Freitag Mittag bis es endlich weiter gehen kann. Aber es hält – immer noch, wie sich 4 Wochen später sagen lässt. Nur die Anästhesie ist seither bei uns unten durch. Die streut nämlich eifrig das Gerücht, es wäre eine von uns Gyn-PJlerinnen gewesen, die Die Macht so vernichtend eingesetzt hat.

.

Spurlos verschwunden

Manche Patientinnen mit Brustkrebs erhalten vor der Operation bereits eine Strahlen- oder Chemotherapie. Wenn diese gut wirken, ist der Tumor danach oft in der bildgebenden Diagnostik nicht mehr nachweisbar. Trotzdem möchte man das betroffene Areal operativ entfernen. Nur um sicher zu gehen. Deshalb setzt man vor Therapiebeginn dort einen millimetergroßen Clip ein, der sich auf Röntgenbildern darstellt. Vor der Operation dann wird die Lage des Clips von den Radiologen mit einem feinen Draht markiert. Dieser dient dann im OP als Leitschiene für den Operateur.
Als ich mich mit Oberarzt Michael und Engelchen auf die Suche nach einem solchen Clip mache, passiert genau das, was eigentlich unter keinen Umständen passieren sollte. Der Draht verrutscht während wir daran entlang in die Tiefe schneiden und Michael hält ihn plötzlich einfach in der Hand. Jetzt gibt es nichts mehr, das uns verraten könnte, wo der Clip liegt. Immerhin sind wir ungefähr schon in der richtigen Tiefe. Mit Hilfe der Röntgenbilder sucht Michael das wahrscheinlichste Areal und entnimmt eine Gewebeprobe. Diese geht direkt zu den hauseigenen Radiologen, die überprüfen, ob der Clip drin ist. In der Zwischenzeit machen wir Blutstillung, legen eine Drainage und warten auf den Anruf. Der kommt 10 Minuten später: Der Clip ist nicht drin. Also schneiden wir ein Stückchen seitlich davon erneut. Nächstes Präparat für die Radiologie. Diese Mal entnimmt Michael in der Wartezeit gleich noch ein weiteres Gewebestück vom unteren Schnittrand und schickt es hinterher. Eine Viertelstunde später dreht der Anästhesist das Narkosegas wieder auf und Michael ist mit seinem Latein am Ende. Beide Präparate enthalten keinen Clip. Nach erneutem Blick auf die Röngenbilder gehen wir noch ein Stück weiter nach außen. Aber auch dort kein Glück und kein Clip. Das nächste Präparat entnimmt Michael vom oberen Schnittrand, nur um sicher zu gehen. Und während wir mal wieder auf einen Anruf warten, schneidet er sicherheitshalber auch noch ein Stückchen zu Mitte hin. Und endlich, endlich kommt die gute Nachricht: Im 5. Gewebestück ist der Clip tatsächlich drin. Unglaublich! Und ich habe seither gehörigen Respekt vor allen Markierungsdrähten!

– Spekulantin

Advertisements

Autor: Spekulantin

Die kochen alle nur mit Wasser

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s