Arzt an Bord

Zu Risiken und Nebenwirkungen…..

Wähle deine Worte – Krankenhaus-Insider I

6 Kommentare

Ich möchte auspacken. Wie pure Wahrheit ans Tageslicht zerren. Reinen Wein einschenken. Warnungen herausgeben. Vorwarnen. Und zum schmunzeln anregen. Deswegen, Vorhang auf und heraus mit ein paar Insidern aus dem Klinikalltag.

Doch vorweg eine kurze „Vorwarnung“: es geht hier weder darum Patienten von oben herab zu betrachten, noch darum, dass die Ärzte alle raffgierige Vollhonks sind – ich erzähle einiges absichtlich über- und zugespitzt, um es interessanter zu machen. Nehmt deshalb nicht alle Worte als bare Münze, sondern denkt euch, was wohl zwischen den Zeilen gemeint sein könnte. Anschnallen und los gehts! Heute: Wähle deine Worte!

Nehmen wir folgende Situation: ein Patient kommt in die Notaufnahme. Diese wird derzeit von einem gastroenterologischen Arzt abgedeckt. Der zuständige Arzt befragt den Patienten nach dessen Symptome, untersucht ihn und entscheidet dann, wie es mit dem Patienten weitergeht (oder in welche Richtung er den Patienten beim Oberarzt vorstellt, damit dieser „richtig“ entscheidet). Diese Entscheidung gibt dem Arzt, dem Oberarzt und ggf. dem Chef eine gewisse Macht über den Patienten bzw. wie es mit ihm weitergehen soll. Fallen im Gespräch mit dem Patienten bestimmte Stichworte, so löst der Patient umgehend sein „Ticket“ für bestimmte Untersuchungen.
In unserem Beispiel sagt der Patient: „manchmal zieht es mir von hier (er zeigt auf die Magengegend unterhalb des Brustbeines) nach oben (er deutet auf das Brustbein)“. Damit hat er bei den Gastroenterologen seine Magenspiegelung und seine Protonenpumpeninhibitoren gegen mögliches Sodbrennen (Reflux) fast schon sicher gebucht.
Lassen wir einen anderen Patienten zu einem kardiologischen Notaufnahmearzt kommen. Hört dieser die Worte: „also Herr Doktor, ab und zu, ja, da verspüre ich schon einen Druck auf der Brust und bekomme schlechter Luft“. Das war der Freifahrtschein für einen Herzkatheter!

Je nach Klinikpolitik und Einstellung der Chefs geht der Übergang von geäußertem Symptom zur Untersuchung relativ schnell über die Bühne und hastenichtgesehen liegt der Patient in der entsprechenden Diagnostik und wird durchgecheckt.

Gründe hierfür gibt es viele. Natürlich sind die Untersuchungen indiziert und berechtigt. Sonst würde es die Krankenkasse ja auch gar nicht bezahlen. Schließlich muss man abklären, ob es bei den geäußerten Beschwerden einen organisch-auffälligen Befund gibt, den man beheben und heilen kann.

Vielleicht trägt aber auch das heutige Gesundheitssystem dazu bei, dass manche Schranken und Entscheidungen zu Untersuchungen schneller fallen, weil nur durch diese der stationäre Aufenthalt und Diagnostik unter einem Dach (anstelle von Rumgerenne zwischen diversen Praxen) gegenüber der Krankenkasse gerechtfertigt werden kann. Zusätzlich wird von vielen Seiten (auch den Krankenkassen) gleichzeitig erwartet, dass bei Äußerung der Symptome diese weiter abgeklärt werden. Nicht selten kommt es sonst zu Rückfragen nach dem Motto: „wenn der Patient schon sagt, dass er ein Druckgefühl hat, warum klären Sie das dann nicht ab?“ – und hier zählt das Argument „der Patient hatte es nur ein einziges Mal, ist 83 Jahre alt und ist außerdem ganz froh, dass er schnell wieder nach Hause zu seiner Familie darf“ nicht. Und ja, man kann es nicht verschweigen: manchmal spielt auch das Geld eine Rolle. Das ist nicht zu bestreiten.

Deswegen: wähle deine Worte mit Bedacht, solltest du nicht wollen, dass eine Diagnostik-Maschinerie los rollt, die deine geäußerten Symptome sofort als gravierend auffasst und sich dazu gezwungen sieht alle möglichen Möglichkeiten abzuklären. Außer, du willst, dass du von Kopf bis Fuß durchgecheckt wirst. 🙂

– Orthopaedix

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Autor: Orthopaedix

bones and pain

6 Kommentare zu “Wähle deine Worte – Krankenhaus-Insider I

  1. Ist aber schwierig für einen Patienten, der sich nicht auskennt und den Arzt anlügen ist wohl auch ein schlechter Rat… Gratwanderung, Gratwanderung. Ich war bis jetzt nur 1 x im Notfall und bekam keine Untersuchungen. Der AA + Kollegen waren sehr rational. Dafür hatte ich schnell 7 Pantozol ohne viel Aufklärung im Sack :S

  2. Es geht nicht darum, dass man den Arzt anlügen soll. Auch er möchte ja natürlich die richtige Diagnose stellen. Aber man muss auch entscheiden können (und dazu sollte nicht nur medizinisches Personal, sondern jeder annähernd reflektierte Mensch in der Lage sein), welche Beschwerden relevant sind und welche nicht. Ist der Druck auf der Brust stark, hat man Angst, fühlt man sich dadurch bedroht etc. sind weitere Untersuchungen selbstverständlich sinnvoll. Kommt man aber in die Ambulanz mit starken Bauchschmerzen und Durchfall und erzählt dann aber zudem noch: Aktuell habe ich leichte Kopfschmerzen über dem linken Auge, wenn ich 3km renne bekomme ich etwas Luftnot, wenn ich mich Bücke tut mein rechter kleiner Zeh weh und neulich hatte ich für 2 Minuten ein leichtes Druckgefühl auf der Brust….naja, ihr wisst hoffentlich was ich meine…

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