Arzt an Bord

Zu Risiken und Nebenwirkungen…..

Frau Grün hat es nicht anders gewollt

62 Kommentare

Seit einer Woche wippt der Chef jeden Morgen nervös mit dem Fuß, wenn in der Frühbesprechung mal wieder der Name „Grün“ fällt. Heute Morgen ist er es selbst, der das Thema auf den Tisch bringt und jetzt ist es schon das ganze Bein, der unter dem Tisch nervös wackelt.
„Die Polizei war gestern Abend im Haus und hat die Akten beschlagnahmt. Frau Grün hat Anzeige erstattet. Ich würde Sie bitten den Entlassbrief noch heute fertig zu machen. Eine Kopie der Akte liegt noch im Sekretariat. Wenn sich die Presse an Sie wenden sollte, verweisen Sie sie bitte an die Klinikleitung. Keine Statements von niemandem.“
Das schlägt ein wie eine Bombe. Unsere Assistenzärztin Oxana wird blass. Alle anderen sind auf einmal ganz still. Als sich 10 Minuten später die Frühbesprechung auflöst, diskutieren sie dann umso lauter. Dabei haben wir ja schon fast damit gerechnet, dass es so enden wird. Was war passiert?

Frau Grün ist einer 32jährige Erstgebärende, die 15 Tage über Termin endlich mit Wehen zu uns kam. Sie brachte ihre eigene Hebamme mit, die zum Belegteam Unseres Kleinen Kreissaals zählt und die Geburt betreute. Die diensthabende Oxana untersuchte sie bei Aufnahme (unreifer Befund) und zeichnete ein mäßig schönes CTG ab. Dann wurde sie erst 4 Stunden später wieder dazu gerufen, als der Befund vollständig war. Ein CTG war in der Zwischenzeit nicht geschrieben worden. Die in den folgenden 20 Minuten aufgezeichneten Herztöne wurden zunehmend schlechter und Oxana rief den Hintergrund dazu. Frau Grün wehrte sich heftig gegen alle medizinischen Maßnahmen, Medikamente oder gar einen Kaiserschnitt. Gerade als man sich aus kindlicher Indikation trotzdem dazu entschlossen hatte in den OP zu fahren, stabilisierte sich die kindliche Frequenz wieder um die 120 bpm. Die Geburt schritt trotzdem nicht voran. 10 Minuten später stand der Kopf immer noch unverändert auf Beckenmitte und Oxana entschied sich die Saugglocke zu holen. Als sie mit der nächsten Wehe zieht, nimmt das Unglück seinen Lauf. Sie entbindet ein totes Kind. Alle sofort eingeleiteten Reanimationsmaßnahmen sind vergeblich. Das Kind ist unter der Geburt gestorben, als die überreife Plazenta plötzlich die Arbeit einstellte.

Eine Woche später ist die Suche nach einem Schuldigen jetzt auf ihrem Höhepunkt.
Frau Grün war ab dem Entbindungstermin regelmäßig bei uns zur Kontrolle. ET+3, ET+6, ET+8, +10, +12 und dann täglich, nach dem üblichen Standard. Jedes Mal wurde ein Ultraschall gemacht um die Fruchtwassermenge und die Plazenta zu beurteilen. Am ET+6 sprach man das erste Mal über Einleitung (bei uns normalerweise zwischen ET+7 und ET+10), aber für Frau Grün kam das überhaupt nicht in Frage. Ihr wichtigstes Anliegen war eine „natürliche Geburt“, keine Einmischung, keine Chemie. Im Laufe der Zeit sah sie 4 verschiedenen Assistenzärztinnen und es lief immer nach dem selben Muster ab.

Im Ultraschall sah alles was wir beurteilen können gut aus. Man erklärte ihr, dass dies eine Momentaufnahme sei. Man riet ihr (zunehmend drängender) zur Einleitung, sprach über Nelkentampons und sonstige paramedizinische Möglichkeiten. Sie lehnte ab. Es sei doch alles gut. Man erklärte ihr nochmals, dass wir das nur für den Moment sagen könnten, dass die Plazenta zunehmend altert und immer schlechter arbeitet, dass die Gefahr für das Kind steigt. Sie lehnte ab. Am ET+13 rief die Assistentin die Oberärztin dazu, als die Patientin nicht einmal einsah, warum sie von nun an täglich zur Kontrolle kommen sollte. Zu viel Ultraschall schade doch dem Kind. Die Oberärztin klärte in einem langen Gespräch auch über den möglichen Tod des Kindes im Mutterleib auf. Frau Grün lehnte die Einleitung immer noch ab. Sie sei doch in guter Betreuung durch die Hebamme und der Schall sei doch in Ordnung. Sie wolle eine „natürliche Geburt“.

Haben wir es nicht geschafft der Frau den Ernst der Lage klar zu machen? Jetzt sagt sie, man hätte ihr nie gesagt, dass so etwas passieren könne. Es sei doch immer alles in Ordnung gewesen.
Wäre es an der Hebamme gewesen, das viel größere Vertrauensverhältnis zu nutzen um Frau Grün ins Gewissen zu reden? Stattdessen hat sie sie in ihrem Wahn der natürlichen Geburt noch unterstützt.
Sind die Versäumnisse erst im Kreissaal passiert? Immerhin war ja im Aufnahmeschall noch alles in Ordnung. Man fragt sich natürlich, wie es sein kann, dass 4 Stunden lang kein CTG geschrieben wurde, wenn davor die Aufzeichnung schon grenzwertig unschön war. Ist es die Schuld der Hebamme? Wieso hat sie versäumt Oxana früher dazu zu rufen?
Oder ist es Oxanas Schuld? Hätte sie sich bei einem rappelvollen Kreissaal schon früher versichern müssen, dass bei Frau Grün alles in Ordnung ist? Stattdessen hatte sie sich auf die Hebamme verlassen, dass diese sie informiert, wenn es Probleme gibt.
Ist es die Schuld des Oberarztes im Hintergrund? Hätte er nicht vermuten müssen, dass bei einer so plötzlichen Besserung eines miesen CTGs etwas faul ist? Inzwischen sind sich alle einig, dass der Abnehmer ab diesem Moment wohl den Mutterpuls aufgezeichnet hat. Eine zusätzliche Ableitung dessen war nicht angeschlossen. Hätte man sich früher für eine Sectio entscheiden müssen?
Vielleicht ist es auch einfach Frau Grüns Schuld, die über eine Woche lang gegen jeden ärztlichen Rat gehandelt hat. Und jetzt davon nichts mehr wissen will. Die auch nicht abstillt, weil das wieder nicht natürlich ist.

Der Chef sagt, dass wir solche Frauen in Zukunft nicht mehr behandeln werden. Damit ist die Sache nur leider noch nicht ausgestanden.

– Spekulantin

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Autor: Spekulantin

Die kochen alle nur mit Wasser

62 Kommentare zu “Frau Grün hat es nicht anders gewollt

  1. @ Spekulantin und die anderen angehenden Ärzte:
    Lasst euch nicht verunsichern von den Userinnen, die jetzt so aggressiv auf euch einschlagen. Die Behauptung weiter oben, ihr würdet die Erlebnisse mit euren Patienten ins Lächerliche ziehen, kann nicht nachvollziehen. Ich empfand alle eure Artikel bisher als sehr objektiv und einfühlsam geschrieben, man spürt immer, dass ihr euren Beruf ernst nehmt und euch eure Patienten am Herzen liegen. Sehr gut gefallen mir auch die Beiträge über diverse Krankheiten und über Medikamente. Alles ist für den medizinischen Laien verständlich erklärt. Klasse!

    Ich glaube, dass du, Spekulantin, mit diesem Beitrag über über Frau Grün in manchen Verfechterinnen der „natürlichen Geburt“ an verdrängte Ängste gerührt hast. An die Angst, dass vielleicht bei der „natürlichen“ Geburt dort nicht alles glatt läuft. Du hast ja mit Frau Grün ein trauriges Beispiel dafür geliefert. Auch wenn diese Ängste verdrängt sind, sind sie unbewusst doch immer da und kommen bei solchen Erlebnissen wieder hoch. Und müssen wieder abgewehrt werden. Die Aggressionen und die zum Teil militante Haltung sind in Wahrheit also nur ein Abwehren dieser Ängste. Nimm es also nicht persönlich, liebe Spekulantin, sondern eher als Übung für deine zukünftige Tätigkeit als Ärztin. 😉

    Ich freue mich auf weitere interessante Beiträge hier im Blog und ich würde mich sehr freuen, wenn der Blog über das Ende eures praktischen Jahres hinaus bestehen würde. Denn es interessiert mich sehr, was in ein paar Jahren aus euch geworden ist.

    • Marmotta, you made my day!!
      Ehrlich, denkst du wirklich, eine informierte Okö-Schwangere und Verfechterin der natürlichen Geburt hat aufgrund des Beitrages aufkommende Ängste??

  2. Habe diesen Blog vorhin erst entdeckt und habe alles gelesen, hier muss ich kommentieren auch wenn der Artikel schon älter ist.

    Der Titel? Er stimmt! Frau Grün wollte es so. So und nicht anders, egal was die Mediziner sagten.
    Das Thema? Garnicht schwierig. Schwangerschaft ist keine Krankheit, aber auch kein Normalzustand und schon garnicht etwas einfaches.
    Der Körper auf Hochtouren, die Hormone in unglaubliche Höhen, alles verändert sich. Man selbst verändert sich in einem Ausmaß das man vor der Schwangerschaft nie geglaubt hätte.

    Ich bin selbst Mutter. Risikoschwangere, dank diverser Vorerkrankungen.
    Dank unfähigem niedergelassen Gyn im 8ten Monat an einem Sonntag im Krankenhaus gelandet wo nach 6 Stunden Wehenschreiber und Wehentropf plötzlich 2 Weißkittel in der Kabine standen und mir was von Notkaiserschnitt um die Ohren warfen. Auf das Warum und Wieso kam keine Antwort. Also hab ich kurz meine Hebamme angerufen und entschieden: Hier bleib ich nicht, ich fahre jetzt in das Krankenhaus in der Nachbarstadt, das ich für die Entbindung geplant hatte. Ui, die beiden Kittel (die sich übrigens nichtmal vorgestellt hatten) waren sehr unbegeistert und trotz „Notfall“ musste ich weitere 2 Stunden auf meine Papiere warten. Na danke!
    „Mein“ Krankenhaus, netter Arzt, sofort erstmal Ultraschall (den hat man in der anderen Klinik nicht für nötig befunden) und siehe da: Alles super. Dort habe ich dann 4 Wochen später meinen gesunden Sohn auf die Welt gebracht, schnell und unkompliziert.

    Ja, ich war mir bewusst wie hoch das Risiko war. Aber da mir keiner der Kittel (ich weiß nichtmal ob es wirklich Ärzte waren) sagen konnte warum ein Kaiserschnitt jetzt und sofort nötig sei, nachdem mein Gyn nur unzufrieden war mit meinen (!) Herztönen, bin ich das Risiko eingegangen. Und im anderen KH nach der Entwarnung erstmal weinend zusammengebrochen, vor lauter Erleichterung.
    In dem Krankenhaus wurde auch mit mir gesprochen, als ich zur Anmeldung kam, als ich an dem Sonntag zur Untersuchung kam und meine Wünsche wurden respektiert.
    Meine Hebamme, das war mir wichtig denn ich bin ein schwieriger Mensch. Leute die mir unsympathisch sind dürfen mich nicht anfassen, es wäre also äußerst unpraktisch gewesen ohne eigene Hebamme da aufzulaufen, wäre mir die Kreißsaalhebamme unsympathisch gewesen wäre ich wieder gegangen. Ja, auch unter Wehen.
    Mit der Ärztin nochmal kurz abgeklärt das ich ambulant gebäre, keinen Zugang will und auch eine PDA nicht brauche, aber sollte der Notfall eintreten könnten sie mich betäuben wie es ihnen beliebt und die Ärztin war nach einem Blick auf meine Venen einverstanden.
    So kam nach grade mal 5 Stunden Wehen (von denen wir nur 3 dort im KH waren) mein Sohn dort auf die Welt, gesund und munter und wir verließen das Krankenhaus weitere 2 Stunden später. Die Ärztin und die Hebamme der Klinik meinten beide das sie gerne öfter so aufgeklärte und eigenwillige Patienten hätten, die dennoch jederzeit das Vertrauen in die Ärzte haben.
    Und darum geht es doch: Ich gehe in ein Krankenhaus um maximale Sicherheit zu haben. Ob ich die Ärzte kenne oder nicht ist schnuppe. Ob ich bei jeder Untersuchung den gleichen Arzt habe oder nicht ist schnuppe.
    Ich bin eigenverantwortlich! Man gibt doch bei Betreten des Gebäudes nicht sein Hirn beim Pförtner ab!

    Ich hatte eine natürliche Geburt. Und dennoch verstehe ich den Hype darum nicht.
    Denn: Mutter UND Kind sind wichtig. Wie die Geburt abläuft, ob im Wasser, am Seil, auf dem OP Tisch, ist nur Dekoration. Wichtig ist einzig und allein die Gesundheit von Mutter und Kind.
    Frau Grün hat sich bewußt dagegen entschieden. Im Namen „der Natürlichkeit“. Damit muss sie leben, sie muss für ihre Entscheidung die Verantwortung tragen und nicht die Klinik verklagen die doch alles versucht hat.

    Ich war mir bewußt das meine Entscheidung gegen Klinik A den Tod meines Kindes und womöglich sogar meinen Tod zur Folge haben könnte. Es war meine und allein meine Entscheidung.
    Frau Grün war sich bewußt das ihr Kind sterben könnte wenn sie so lange wartet. Und das war ihre alleinige Entscheidung. Sie hat es so gewollt.

  3. Pingback: füttern verboten!? - schlimmer geht immer

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