Arzt an Bord

Zu Risiken und Nebenwirkungen…..

Von Kängurus und Postkutschen

14 Kommentare

Das Semester hat wieder angefangen und das heißt es gibt wieder Studenten, die einen Tag ihres Gynäkologie-Praktikums in Unserer Kleinen Klinik verbringen. Und auf einmal fühlt sich der Leitender Oberarzt (LOA) an seinen Lehrauftrag erinnert. Während ich also bei der ersten abdominellen Gebärmutterentfernung meines Lebens Haken halte, feuert er eine ganze Batterie an Fragen auf die beiden armen Studenten am Kopfende des Tisches ab. Die wissen gar nicht, wie ihnen geschieht und ich für meinen Teil bin sehr froh, dass er mich nicht im Blick hat. Die Hälfte der Fragen hätte ich auch nicht sicher beantworten können.

Es beginnt bei der Eröffnung des Bauchraums, als er zwischen den Muskeln hindurch präpariert.
„Wie heißt denn dieser kleine Muskel, an dem ich hier gerade bin?“ – Ähm ja,… keine Ahnung.
„Der sieht so ein bisschen dreieckig aus, wie bei den alten Ägyptern.“
Häh?! „Der Pyramidalis vielleicht?“ – Was für ein Tipp! Aber es kommt noch besser.
„Bei uns Menschen hat der Muskel ja keine Funktion. Aber für welches Tier ist er denn sehr wichtig?“ – Ein Ausflug in die Tiermedizin? Als er nur in leere Gesichter blickt, gibt er weitere Hilfestellung.
„Es lebt nicht in Europa. Und auch nicht in Amerika. Und…“ – Jetzt macht es Klick.
„Das Känguruh!“ Klar, weiß doch jeder.
„Genau. Und was hat er da für eine Funktion?“ Diesmal verzichtet er auf fleißige Ratespielchen und erklärt zufrieden. „Da bildet er den Beutel.“ Wir lernen fürs Leben und so…

Während wir diese wichtige Info verdauen, murmelt der LOA leise vor sich hin: „Müde bin ich Känguru, schließe meinen Beutel zu…“ Und durchtrennt gekonnt das Bauchfell. Die OP-Schwester erstickt beinahe an ihrem unterdrückten Lachen und ich bin mir sicher die Studenten halten ihn für völlig übergeschnappt. Dann hört er mitten in der Arbeit auf, blickt die erste Assistentin an und fragt völlig ernst: „Wissen Sie warum die Kängurus Australien nie verlassen haben?“
„Ist das jetzt eine Fangfrage?“
„Nein, das habe ich mir gerade überlegt.“ Dann arbeitet er ungerührt weiter. Ne, is klar, gehen mir im OP auch ständig durch den Sinn, solch weltbewegenden Fragen.

Immerhin, er fragt, erklärt und zeigt während der ganzen OP. Wenn das so weiter geht, können wir gerne jeden Tag Studenten da haben. Für uns PJler wird ein solcher Aufwand nicht betrieben. Und so lerne ich, dass der natürliche Feind des operierenden Gynäkologen der Harnleiter ist und dass ein guter Internist in der Lage ist eine Chlamydieninfektion vor dem Frauenarzt zu diagnostizieren. Darauf folgt ein Crashkurs in gynäkologischer Anatomie, bis mir der Kopf vor lauter Bändern und Gefäßen schwirrt.

Schließlich sind wir beim Eileiter angelangt. Bei der Patientin ist er durch eine Infektion in Mitleidenschaft gezogen und an einem Ende stark aufgequollen.
Nächste Preisfrage: „Wie nennt man einen solchen Eileiter?“ Er schaut in lauter leere Gesichter und gibt uns einen Tipp.
„Erinnern Sie sich an unseren singenden Bundespräsidenten.“ Die Gesichter werden noch ein bisschen länger.
„Ach nein, den kennen Sie ja warscheinlich gar nicht mehr.“ Mit ein bisschen Erinnerung an Geschichteleistungskurse kommen wir doch noch auf Walter Scheel und der LOA ist ganz begeistert.
Hoch auf dem gelben Wagen, genau! Und wie nennt man das jetzt also?“ Bei soviel geballter Allgemeinbildung kann er jetzt nicht auch noch medizinisches Fachwissen erwarten, wirklich!
„Posthorn-Tube natürlich.“ Ne, is klar, natürlich! Was für eine Eselsbrücke.

Schon am Ende der ersten OP habe ich wahrscheinlich mehr gelernt als in den vorherigen 7 Wochen und beim zweiten OP-Punkt wird es sogar noch besser. Der Hang ins Tierreich abzugleiten zieht sich durch. Wir diskutieren ausführlich darüber ob der gemeine Bieber eigentlich tatsächlich gemein ist – noch so eine Frage, die er sich mal so gestellt hat, allerdings schon in der 5. Klasse mit seinem ersten Biologiebuch. Und erstaunlicherweise landen wir dann doch immer wieder bei der Gynäkologie und ich bin mir sicher den armen Stundenten raucht der Kopf, als sie um 12 endlich entlassen sind. Und nicht nur ihnen! Aber ich freue mich schon auf die Nächsten. Lehre trifft unfreiwillige Komik, damit könnte ich mich anfreunden.

– Spekulantin

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Autor: Spekulantin

Die kochen alle nur mit Wasser

14 Kommentare zu “Von Kängurus und Postkutschen

  1. Haha, wie geil! Ja, wenn es um Veranstaltungen geht, die evaluiert werden und damit von Geldboni abhängig sind, erwachen sie plötzlich wieder. Kängurubeutel und Posthorntube hätte ich auch nicht gewusst. Aber werde es dank sagenhaften Merkhilfen nicht mehr vergessen.

    • So sehr ich über diese Eselsbrücken jetzt geschimpft habe, ich muss schon zugeben, dass ich das jetzt nicht so schnell wieder vergessen werde 😉
      Ich finde es manchmal ein bisschen traurig, dass so gerne vergessen wird, dass wir PJler ja auch da sind um was zu lernen. Viel zu oft sind wir dann doch nur kleine felißige Arbeiterlein. Ich werde in Zukunft wohl versuchen im OP mit den Studenten zu lernen und von deren Unterricht zu profitieren 🙂

  2. obwohl du bestimmt schon vorher wusstest, dass der harnleiter der erzfeind der op-gyns ist… 😉

  3. was hängt er auch im weg rum. frechheit 😉

    • Den kann man vor der OP schienen. Dann erkennt man ihn leichter.

      • Hm, auf die Idee ist bei uns irgendwie noch niemand gekommen. Vielleicht weil wir keine Urologen im Haus haben, die so praktische Vorschläge machen könnten. Oder man hat einfach nur zu viel Spaß daran tausend Dinge im Situs anzustupsen um zu schauen, ob sie sich ein bisschen kringeln 😉

        • Ach, ihr habt doch bestimmt ne resolute OP-Schwester, die da mal eben den Schlauch rein steckt 🙂

          • Oh, an resoluten OP-Schwestern mangelt es wahrlich nicht. Die sind grade voll in ihrem Element mit den ganzen Studenten. Die kann man so schön anmeckern, wenn sie zu nahe am sterilen Tisch vorbeilaufen… Vielleicht sollte man denen echt mal nen Schlauch in die Hand drücken, dann wären sie besser beschäftigt 😉

  4. okay- gewonnen ich lass mich niemals operieren o.O das klingt ja wie beim Glücksrad bei euch 😉

    • Ach je, den Eindruck, dass wir ein absoluter Chaosladen sind, wollte ich jetzt auch nicht erwecken. Deshalb wird ja ein solches Tamtam um den Harnleiter gemacht, um solche Fehler zu vermeiden und die Quote ist da auch ziemlich gut.

  5. Diese Methode, Eselsbrücken bei anderen zu implantieren, finde ich einfach toll. Ich arbeite selbst gern damit und kann mir auch viel besser Sachen merken, wenn die Eselsbrücke mit so viel Aha-Effekt angebracht wird.
    Ich würde auch eher einem Operateur vertrauen der mit Humor und schrägem Denken auffällt, der ist nämlich nicht im Routine-Koma während der OPs.

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