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Zu Risiken und Nebenwirkungen…..

Arzneimittel der Woche VII: Phenprocoumon

8 Kommentare

Phenprocoumon
Marcumar

Anwendungsgebiet

Phenprocoumon zählt zur Wirkstoffklasse der Cumarine und wird zur Hemmung der Blutgerinnung eingesetzt. Es kommt vor allem zur Prophylaxe (Vorbeugung) von Thrombosen (Gefäßverschlüsse durch kleine Blutgerinnsel) zum Einsatz, ebenso bei künstlichen/biologischen Herzklappenersätzen und Bypässen sowie bestimmten Herzrhythmusstörungen, die die Blutgerinnung begünstigen (Vorhofflimmern). Außerdem wird es nach Lungenembolien für 3 Monate und nach Herzinfarkt verschrieben.

Wirkung

Um die Wirkung von Phenprocoumon (Marcumar) zu erläutern bedarf es eines kleinen Ausflugs in die Welt der Blutgerinnung. Es existieren im menschlichen Körper zwei Arten der Blutgerinnung: einerseits die zelluläre, die durch die Blutplättchen geregelt wird, die sich an der Stelle einer Wunde zusammensammeln und die Wunde „abdichten“. Andererseits existiert die sog. plasmatische Gerinnung, die aus einer Vielzahl an Gerinnungsfaktoren (Enzyme) besteht, die im Blut schwimmen und bei Gefäßverletzungen eine Gerinnungs-Kaskade auslösen. Am Ende dieser Kaskade werden Proteine gespalten und bilden dann ein abdichtendes „Netz“ über der Wunde, in dem sich u.a. die Blutplättchen verfangen können.

Cumarine wie Marcumar verringern die verfügbare Menge an bestimmten Gerinnungsfaktoren dieser Gerinnungskaskade. Dieser Effekt wird dadurch erreicht, dass Marcumar ein Enzym hemmt, das Vitamin K „aktiviert“. Vitamin K wird für ein weiteres Enzym benötigt, mit dessen Hilfe die Gerinnungsfaktoren produziert und aktiviert werden. Durch die Verringerung des aktivierten Vitamin K werden somit geringere und nicht aktivierte Mengen an Gerinnungsfaktoren hergestellt.

Damit ist die Wirkung u.a. davon abhängig, wie viel Vitamin K der Patient über die Nahrung zu sich nimmt. Gleichzeitig kann durch eine Vitamin K-Gabe der Effekt von Marcumar in Notfallsituationen verringert werden, da dann hohe Konzentration an Vitamin K im Körper existiert und ausreichend Gerinnungsfaktoren produziert werden können. Ebenso stehen Gerinnungsfaktoren zur Infusionsgabe bereit.

Da die Auswirkungen der Hemmung der Vitamin K-Aktivierung erst spürbar werden, wenn schon vorher produzierte Gerinnungsfaktoren ihre Lebensdauer überschritten haben, dauert es ca. 2 – 3 Tage, bis Marcumar seine Wirkung entfalten kann. In der ersten Zeit wird deshalb im Krankenhaus gerne auf Heparin-Spritzen zur Prophylaxe von Thrombenbildung zurückgegriffen.

Marcumar hat eine relativ lange Zeit, die es im Körper wirkt – bis zu 160 Stunden. Deswegen muss es vor Operationen rechtzeitig (ca. 10 – 14 Tage) pausiert werden, damit bis zum Eingriff eine genügend große Menge an Gerinnungsfaktoren nachgebildet werden kann, die eine anhaltende Blutung verhindern.

Nebenwirkungen

Die Nebenwirkung ergeben sich aus dem oben genannten Wirkmechanismus. Es kann unter Marcumar zu anhaltenden Blutungen bei Verletzungen und Wunden kommen, da die Gerinnung herabgesetzt ist. Nasenbluten, Netzhautblutungen, Leberversagen bei vorbestehenden Lebererkrankungen, Zahnfleischbluten, allergische Hautreaktionen sind beobachtet worden. Bei falsch eingestellter Dosis zeigen sich oftmals schon bei geringen Traumata wie Anstoßen an Tischecken „blaue Flecken“. Außerdem kann es unter Marcumar zu schwer beherrschbaren Hirnblutungen kommen.

Gegenanzeigen

Marcumar sollte aufgrund der erhöhten Blutungsneigung nicht gegeben werden bei diabetischer Retinopathie, gastrointestinale Läsionen (Magengeschwür, Divertikel, Polypen, Tumoren, Speiseröhrenkrampfadern) (hier sollte vor erstmaliger Gabe von Marcumar eine Magen- und Darmspiegelung durchgeführt werden), Schädel-Hirn-Trauma, größeren Operationen in den letzten zwei Wochen oder geplanten Operationen in den kommenden zwei Wochen, Schwangerschaft (da der Wirkstoff auf das Kind übergehen kann und dort kindl. Massenblutungen sowie Fehlbildungen (fetales Warfarin-Syndrom) hervorrufen kann) und Stillzeit. Ein gleichzeitiger Genuss von Alkohol ist ebenfalls nachteilig für die Wirkung von Marcumar (da beide v.a. in der Leber verarbeitet werden)

Phenprocoumon-Patienten sollten auf Selbstmedikation, insbesondere mit Schmerzmitteln verzichten, da es hierbei zu Wechselwirkungen kommt! Die Einnahme von ASS ist wegen ihrer thrombozytenaggregationshemmendenWirkung kritisch (da hier die komplette Gerinnung gehemmt wird). Wechselwirkungen existieren auch bei gleichzeitiger Einnahme von bestimmten Antiarrhythmika, Antibiotika, Schilddrüsenmedikamenten und Antidepressiva sowie Chemotherapeutika.

Die Wirkung von Marcumar wird abgeschwächt durch Cortison, Johanniskraut-Präparaten (wichtig, immer den Arzt vorher fragen, bevor diese Nahrungsergänzungen und „biologischen Präparate“ eingenommen werden!), Metformin, Wassertabletten … .

Zu Risiken und Nebenwirkungen essen Sie die Packungsbeilage, oder tragen Sie Ihren Arzt zum Apotheker. Diese Information ersetzt keinen Arztbesuch und erhebt keinen Anspruch auf  Richtigkeit oder/und Vollständigkeit.

– Orthopaedix

P.S.: Wer ein bestimmtes Medikament erklärt haben möchte, nutzt bitte die Kommentarfunktion, schickt eine Kontaktanfrage oder schreibt uns auf twitter an 🙂

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Autor: Orthopaedix

bones and pain

8 Kommentare zu “Arzneimittel der Woche VII: Phenprocoumon

  1. *Finger heb* Ich hätte gern Paracetamol erklärt 🙂

  2. A) Wieso darf man in der Stillzeit stattdessen Coumadin nehmen?
    B) Stimmt es, dass Marcumar in Deutschland sehr häufig benutzt wird, im Ausland jedoch seltener?

    • Danke für deine Fragen!

      Nach Literaturrecherche kann ich versuchen diese wie folgt zu beantworten:

      A) In der Stillzeit scheint die Gabe von Gerinnungshemmern (insbes. Phenprocoumon (Marcumar) bzw. andere Derivate der Cumarine) derzeit noch umstritten zu sein. Studien haben gezeigt, dass ein Übertritt des Wirkstoffes Warfarin von der Mutter auf das Kind wohl unterbleibt (wohingegen dies bei Phenprocoumon wohl passieren kann). Man muss unterscheiden, welches der verschiedenen Arten an Cumarinen man den Patientinnen gibt. Coumadin ist das Arzneimittel, welches den Wirkstoff „Warfarin“, wohingegen Marcumar „Phenprocoumon“ enthält. Laut der Studien scheint Warfarin (siehe oben) keine Probleme beim Stillen zu machen. Deswegen kann dieser Stoff gegeben werden.

      Als weiterführende Literatur siehe z.B.:

      • Bowles L et al., Inherited thrombophilias and anticoagulation in pregnancy, Best Pract Res Clin Obstet Gynaecol., 2003 („LMWH, UFH and warfarin are safe for breast-feeding mothers.“)
      • Clark SL et al., Coumarin derivatives and breast-feeding, Obstet Gynecol., 2000
        („the use of these drugs in breast-feeding women remains controversial“, „warfarin sodium is not excreted into breast milk, and can be safely given to women requiring therapeutic anticoagulation postpartum“)
      • Olthof E. et al., Breast feeding and oral anticoagulants, Tijdschr Kindergeneeskd, 1993 („It appeared that acenocoumarol and warfarin are not detectable in human milk“, “ Phenprocoumon, ethylbiscoumacetate and phenindione are excreted in human milk and could affect neonatal hemostasis.“)
      • Orme ML et al., May mothers given warfarin breast-feed their infants?, Br Med J., 1977 („We conclude that nursing mothers given warfarin may safely breast-feed their infants.“)

      B) Ich war selbst noch nicht im englischsprachigen Ausland und kann dir deswegen nicht sagen, ob dort weniger oder mehr Marcumar verschrieben wird. Ich kann mir jedoch vorstellen, dass aufgrund der bei der Einstellung der Dosis erforderlichen regelmäßigen (Wöchentlichen) Blutkontrollen beim Hausarzt das amerikanische Gesundheitssystem schnell an seine Grenzen gerät und sich einfache Leute ohne Versicherung die ständigen Besuche beim Arzt nicht leisten können. Ich glaube gehört zu haben, dass in den USA v.a. auf Spritzen (Heparine) zurückgegriffen wird, die sich die Betroffenen einfach dann selbst injizieren.

      Ich hoffe deine Fragen damit beantwortet zu haben, jederzeit recherchiere ich gerne auch weiter!

      • Bei B) kann ich helfen. Außerhalb Europas ist Warfarin der absolute Standard. Und bisher konnte mir auch noch niemand erklären, warum die Europäer so scharf auf Phenprocoumon sind. Das hat ne länger Halbwertszeit, dh. nach dem Absetzen wirkt der im Körper verbliebene Rest noch ca. 6-7 Tage weiter. Während Warfarin schon nach ca. 3-4 Tagen seine Wirkung verloren hat. Bei Komplikationen ist man also mit Warfarin auf der sichereren Seite.

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