Arzt an Bord

Zu Risiken und Nebenwirkungen…..

Neulich im Dienst – Teil 2

Ein Kommentar

20:35
Mitten im Nähen holt mich Ludmilla aus dem Zimmer. Sie macht sich große Sorgen um Frau Sonnentaler, die inzwischen Wehen im Minutentakt hat. Ihrem Kind scheint das überhaupt nicht zu gefallen. Bei jeder Wehe, die das CTG aufzeichnet, rutschen die kindlichen Herztöne in den Keller. Immerhin zeigen sie danach eine rasche Erholung, sonst würde jetzt Engelchen das Zimmer betreten und nicht ich.
Frau Sonnentaler ist für uns ein schwieriger Fall. Sie ist inzwischen 15 Tage über den Entbindungstermin hinaus. Erst vor zwei Tagen hat sie uns erlaubt mit der Einleitung zu beginnen. Das ist fast eine Woche später, als wir das normalerweise tun würden. Aber sie möchte vor allem anderen eine natürliche Geburt. Am liebsten gar keine Medikamente und so wenig Diagnostik wie möglich. Das Zimmer, das ich betrete wird nur von einer Salzkristallleuchte erhellt. Frau Sonnentaler kniet auf dem Boden, die Arme um ihren Mann geschlungen und veratmet eine Wehe. Jetzt ist es also an mir und der Hebamme sie von der Notwendigkeit zu überzeugen ihr einen Zugang zu legen. Einfach zur Sicherheit, damit wir schnell eingreifen können, wenn das Kind sich nicht mehr so gut erholt. Frau Sonnentaler selbst scheint der Idee einer Wehenhemmung gar nicht mehr so abgeneigt. Die Wehen im Minutentakt machen sie offenbar ganz schön fertig. Aber ihr Mann ist schwer dagegen. Am Ende zieht das Argument, dass es um das Wohl des Kindes geht: Also lege ich im Halbdunkel eine Nadel, während die Patientin mittendrin aufsteht um eine weitere Wehe zu veratmen. Ludmilla schüttelt nur den Kopf als sie das Zimmer verlässt.

20:50
Mein Magen knurrt. Um mir am Buffet schnell etwas zu essen zu holen, war in dem ganzen Trubel natürlich keine Zeit. Ich hätte es mir eigentlich denken können. Jetzt muss ich die Nacht mit einer Brezel und ein paar Trauben überleben. Bevor ich mich jedoch wenigstens darauf stürzen kann, ist Engelchen mit dem Nähen fertig und es geht geradewegs wieder zurück in die Höhle von Frau Sonnentaler. Die findet ihre Wehen jetzt plötzlich doch nicht mehr so schlimm und verzichtet lieber auf die Wehenhemmung. Also kann Hebamme Bernadette ihren Nachtdienst gleich einmal damit beginnen Frau Sonnentaler und das CTG im Auge zu behalten um bei größeren Problemen Alarm zu schlagen.
Engelchen und ich kümmern uns derweil endlich um die Aufnahme von Frau Klingler. Es ist das erste Mal, dass ich eine Schwangere vaginal untersuche und leider bleibt der Aha- Effekt aus. Wenn man nicht so genau weiß, was man eigentlich tasten soll, ist es gar nicht so einfach sich zurecht zu finden. Dafür fühle ich mich mit dem Ultraschall schon fast wie ein Profi. Und taste vorher sogar endlich mal den Rücken des Kindes auf der richtige Seite. Frau Klingler ist ganz entspannt und hat kein Anliegen außer vielleicht ein bisschen zu schlafen. Ihr Mann ist da deutlich unentspannter. Er ist Krankenpfleger auf der Herzintensivstation im großen Herzzentrum unserer Region, wie er uns in einem Atemzug mit seinem Namen mitteilt. Und er ist ganz aufgeregt vor Angst. Offenbar kommt er nicht damit klar, dass er nichts tun kann und nicht so genau weiß, was vor sich geht. Vielleicht hat seine Frau einen beruhigenden Einfluss auf ihn. Die verdreht allerdings ziemlich genervt die Augen, als er uns zum Abschied noch mit auf den Weg gibt: „Müssen sie denn meiner Frau auch einen Zugang legen? Ich sage Ihnen gleich, sie hat ganz schlimme Rollvenen. Da sind schon viele dran gescheitert.“ Engelchen meint leise: „Besser Rollvenen als gar keine Venen.“  Und zieht die Tür hinter uns zu.

22:15
Wir haben noch eine weitere Geburtsverletzung genäht und sind jetzt bei Frau Schnell. Sie möchte eigentlich gerne sofort wieder nach hause. Das ist grundsätzlich kein Problem, wir haben immer wieder Frauen, die ambulant entbinden. Aber bei Frau Schnell wurden in der Schwangerschaft Bakterien in der Scheide festgestellt. Das birgt natürlich die Gefahr, dass ich das Kind ansteckt. Deshalb würden wir es gerne über Nacht beobachten. Familie Schnell lässt sich nicht überzeugen und geht nach eindringlichen Hinweisen, auf Warnzeichen, wie schnelle Atmung oder Unruhe des Kindes zu achten.

23:00
Die erste wirklich große Aufregung der Nacht verpasse ich, weil ich es nicht mehr länger hinauszögern kann auf Toilette zu gehen. Als ich wiederkomme, ist im Gebärzimmer 1 Hektik ausgebrochen. In der Türe stehend sehe ich Engelchen auf Frau Klinglers Bett knien und heldenhaft eine Nadel in den schrecklichen Rollvenen versenken. Hebamme Aurelia hält schon das Mittel zur Wehenhemmung bereit. Beide haben ein Auge auf dem CTG. Und das sieht wirklich nicht schön aus. Baby Klingler hat gerade eine rasante Talfahrt mit den Herztönen hingelegt, als Mama Klingler sich auf die rechte Seite gedreht hat. Und die Frequenz erholt sich nur sehr langsam. Erst mit der Wehenhemmung wird es besser. Herr Klingler ist jetzt ganz blass im Gesicht und so fertig, dass er nicht einmal einen schlauen Beitrag zur Situation leistet. Wir warten noch 10 Minuten bei Frau Klingler, die jetzt wieder auf der linken Seite liegt, aber der Spuk scheint vorüber.

23:30
Endlich, endlich kann ich sitzen und die Beine ausstecken. Und vor allem etwas Essen. Engelchen hat eine Tafel Schokolade dabei, die wir zum „Nachtisch“ plündern. Danach ist es deutlich besser. Auch vor den Türen des Stützpunktes ist es ruhig geworden. Die frischgebackenen Mütter sind auf Station verlegt. Jetzt sind nur noch Frau Klingler und Frau Sonnentaler übrig. Für eine herrliche halbe Stunde sitzen wir also alle zusammen und unterhalten uns gegenseitig mit wilden Geschichten über Exhibitionismus und Fasnachtsbekanntschaften.

24:00
Mit der Ruhe ist es vorbei als Frau Frise auf der Schwelle zum Kreissal erscheint. Sie ist eine 19-jährige Erstgebärende 4 Wochen vor Termin, die in den letzten Nächten ein sooo fürchterliches Ziehen um Unterbauch verspürt hat, dass sie nicht schlafen konnte. Jetzt müsse es doch so langsam mal mit der Geburt losgehen. Sie hat ihre eigene Mutter und ihren Freund im Schlepptau und liegt sehr leidend auf dem Aufnahmebett, während der CTG-Schreiber nicht die kleinste Spur einer Wehe aufzeichnet. Als ich den Bauch abtaste, beginnt sie zu stöhnen. Jetzt sei es wieder soweit. Unter meinen unerfahrenen Fingern spüre ich nicht, dass der Bauch hart wird und für eine Frau mit Wehen kann sie noch erstaunlich ausdauernd jammern. Nach der vaginalen Untersuchung versucht Engelchen sie zu beruhigen. Der Befund ist noch völlig unreif, keine Spur von Geburtsbeginn. Sie kann also in aller Ruhe wieder nach Hause fahren. Frau Frises leidender Gesichtsausdruck wechselt auf unzufrieden. Sie tauscht einen Blick mit ihrer Mutter. Herr Frise in spe ist nicht mehr im Raum. Er hat bei unserer vaginalen Untersuchung kreidebleich das Zimmer verlassen und wir erfahren später, dass die Hebammen ihn draußen auf dem Sofa wieder aufpäppeln mussten. Ich habe da so eine Ahnung, das die Geburt seines Kindes nicht bis zum Ende verfolgen wird.
Engelchen merkt, dass es mit Beruhigen nicht getan ist und hat schließlich die zündende Idee, die Patientin zu fragen, was sie selbst den gerne hätte. „Am liebsten sofort raus, das Ding. Kann man nicht jetzt einfach einen Kaiserschnitt machen?“ Engelchen und ich tauschen einen Blick: Dienstag Nacht kurz nach 12, schöner Schall, hervorragendes CTG, 4 Wochen vor Termin und wir machen nen Kaiserschnitt weil Frolleinchen schon bei ein paar Senkwehen keinen Bock mehr auf Geburt hat? – Nee, is klar.

1:45
Wir haben Frau Frise samt Anhang mit Schmerzmitteln nach hause geschickt. Immerhin die Mutter der zukünftigen Mutter war vernünftig genug und hat es übernommen ihrer Tochter gut zuzureden.
Jetzt sitzen wir schon seit fast 15 Minuten bei Frau Sonnentaler und blicken kritisch auf das CTG. Es ist nicht schön, aber auch nicht wirklich hässlich. Die kindlichen Herztöne sind einfach ein bisschen zu ruhig, eingeengt würde man sagen. Engelchen runzelt die Stirn. Ich sehe es richtig dahinter arbeiten. Soll sie den Oberarzt im Hintergrund anrufen?

Erlebe ich gleich die erste eilige Sectio meines Lebens?! Morgen gibts den letzten Teil.
– Spekulantin

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Autor: Spekulantin

Die kochen alle nur mit Wasser

Ein Kommentar zu “Neulich im Dienst – Teil 2

  1. Ich steh TOTAL auf solche Nächte!!! The more, the better!
    Und am allerliebsten habe ich Männer, die der Gynäkologin/Hebamme unter Geburt erzählen, was SIE am besten für ihre Frau finden. *Kopf->Tischkante*
    Bin schon gespannt, wie es weiter geht… 🙂

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