Arzt an Bord

Zu Risiken und Nebenwirkungen…..

Neulich im Dienst – Teil 1

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14:45
Es ist ein seltsam unvertrautes Gefühl Unsere Kleine Klinik bei Tageslicht zu betreten. Um 15 Uhr fängt mein erster Dienst an. Naja, es ist nicht wirklich MEIN Dienst. Ich bin nur der Mitläufer. Und voller Hoffnung nach fast 6 Wochen Gyn endlich mal eine Geburt zu erleben.

15:05
Von der Ärztin, mit der ich Dienst machen will keine Spur. Ich habe mir extra SIE ausgesucht, weil sie sich in den letzten Wochen als wahrer Engel entpuppt hat, was das Lehren angeht. – „Hast du schon einmal einen Ultraschall bei einer Schwangeren gemacht? Nein? Schonmal gesehen? Gut, dann machst du das jetzt. Wenn du Fragen hast, stehe ich neben dir.“ – Aber Engelchen ist noch nicht aufgetaucht, also mache ich mich mit dem PJler-Telefon bewaffnet erst einmal auf ein bisschen Blut abzunehmen.

16:30
Mittlerweile sitze ich im Stützpunkt des Kreissaals, warte immer noch und habe mich schon einmal den diensthabenden Hebammen vorgestellt. Das wird auch gleich belohnt, denn für alle ist es vollkommen okay, wenn ich bei den Geburten dabei bin. Und es sieht ganz so aus als würde ich da einiges erleben. Der Kreissaal brummt. Alle drei Gebärzimmer sind belegt, zwei Frauen unter Geburt, eine frischgebackene Mami. Und im Ruheraum und im Aufnahmezimmer warten zwei weitere Frauen, bei denen wir die Geburt einleiten. Wenn Engelchen endlich auftaucht kriegen wir hoffentlich eine Übergabe und können uns überall einmal vorstellen gehen.

17:15
Im Stützpunkt reden alle durcheinander. Der Tagdienst versucht seine Übergabe loszuwerden, die eine Hebamme würden gerne wissen, wie es mit den Einleitungen weitergeht. Eine der beiden Patientinnen, Frau Sonnentaler, gibt ein zunehmendes Ziehen im Bauch an. Bekommt sie noch eine Tablette? Die andere Hebamme wedelt mit einem CTG, das sie gerne abgezeichnet hätte. Die dritte gibt ihrer Schülerin ein paar Anweisungen. Dann meldet sich auch noch die Klingel an der Kreissaaltür. Eine weitere Patientin mit regelmäßigen Wehen alle 5-7 Minuten. Also geht Frau Sonnentaler erst einmal wieder unverrichteter Dinge zurück auf Station um Platz zu schaffen und Frau Klingler bekommt den Platz im Aufnahmezimmer.

17:45
Wir haben uns mittlerweile bei den beiden Frauen in Gebärzimmer 2 und 3 vorgestellt. Dort geht es jeweils nur langsam voran. Jetzt sind wir gerade auf dem Weg zu Frau Klingler als eine weitere Schwangere hereinschneit. Frau Schnell ist eine Zweitgebärende, die bei regelmäßigen Wehen alle 5 Minuten zuhause losgefahren ist. Jetzt liegen zwischen den Wehen kaum noch 2 Minuten. Hebamme Ludmilla verfrachtet sie erst einmal auf das Sofa im Wartebereich, weil wir keinen Raum frei haben. Kaum sind wir bei Frau Klingler im Zimmer und haben das Ultraschallgerät angeworfen, streckt Ludmilla jedoch den Kopf zur Tür herein und wirkt ein bisschen panisch. „Wenn wir nicht ganz schnell ein Zimmer finden, kriegen wir gleich ein Kind auf dem Gang!“ Bei Frau Schnell ist gerade auf der Toilette die Fruchtblase geplatzt. Wir komplementieren das Ehepaar Klingler zurück in den Wartebereich und beeilen uns Frau Schnell ins Aufnahmezimmer zu verfrachten.
Als Frau Schnell 2 Minuten später im Vierfüßlerstand auf dem Aufnahmebett kniet, ist der Kopf schon halb zu sehen und 3 Wehen später liegt ein kleines Mädchen in den Armen der Hebamme. Blick zur Uhr: 18:01 – Wow, das ging flott! Ich bin fast selbst ein bisschen außer Atem, obwohl ich nichts getan habe außer an der Wand zu stehen.

18:10
Während wir auf die Plazenta von Frau Schnell warten, gibt es bereits wieder Neuigkeiten. Frau Klingler hat mittlerweile Platz in Gebärzimmer 1 gefunden. Und Frau Sonnentaler liegt jetzt im Ruheraum. Das Ziehen im Bauch hat sich in regelmäßige Wehen verwandelt. Die sind zwar schon ziemlich häufig, aber der Muttermund ist noch vollständig geschlossen.
Mitten in der Diskussion, wie es mit ihr weitergehen soll, taucht Hebamme Annika in der Tür auf und ruft uns in Gebärzimmer 2. Bei Frau Kümmerle tritt der Kopf zunehmend tiefer und wenn ich tatsächlich mal ein bisschen was von einer Geburt erleben möchte, wäre jetzt der Moment um mitzukommen. Engelchen schließt sich uns an. Frau Kümmerle ist eine Erstgebärende, die mit konzentriertem Gesichtsausdruck Annikas Anweisungen folgt. Ihr Mann steht am Fußende des Kreisbetts und schaut mindestens so gespannt, wie ich. Als in paar Wehen später immer noch nur ein bisschen Haarflaum zu sehen ist, ordnet Annika einen Positionswechsel an. Das hat durchschlagenden Erfolg. Einmal Pressen und der Kopf ist da, noch bevor sich irgendjemand Gedanken über Dammschutz machen kann. Und noch mit der selben Wehe kommt der gesamte kleine Kerl zum Vorschein. Blick zur Uhr: 18:37 – Perfektes Timing, denn kaum liegt er in den Armen seiner Mutter, wird Engelchen zur nächsten Geburt gerufen.
Ich bleibe bei Frau Kümmerle um zu sehen was weiter passiert. Und bin ein bisschen erstaunt, als Herr Kümmerle erst einmal sein Handy zückt und fragt ob er ein Foto machen kann. Danach würde er dann schon gerne die Nabelschnur durchschneiden, aber erst einmal ein Foto. Annika grinst mich an und ich helfe ihr das Bett ein bisschen frisch zu machen, während Papi sein Fotoshooting startet. Von nebenan ist jetzt auch Babygeschrei zu hören. Blick zur Uhr: 19:08 – 3 Kinder in einer Stunde, nicht schlecht.

19:30
Bei allen drei Frauen ist mittlerweile die Plazenta da. Und alle drei haben bei der Geburt einen kleinen Riss an der Scheide davongetragen. Engelchen macht sich bereit zum Nähen. Bei Frau Kümmerle wird währenddessen das Kind eingehend analysiert. Hat es mehr von Papi oder von Mami? Und diese vielen Haare, ist das denn normal? Wessen Augen hat es eigentlich? Und kann es überhaupt schon sehen? Jetzt schmatzt und nuckelt es so komisch? Ob es an die Brust will? Annika hilft beim Anlegen, aber es klappt natürlich nicht auf Anhieb. Frau Kümmerle lässt sich nur schwer überzeugen, dass auch Trinken eine Übungssache ist.

20:35
Mitten im Nähen holt mich Ludmilla aus dem Zimmer. Sie macht sich große Sorgen um Frau Sonnentaler, die inzwischen Wehen im Minutentakt hat. Ihrem Kind scheint das überhaupt nicht zu gefallen. Bei jeder Wehe, die das CTG aufzeichnet, rutschen die kindlichen Herztöne in den Keller.

Und ich soll da jetzt bitte was genau machen?! Morgen gehts weiter.
– Spekulantin

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Autor: Spekulantin

Die kochen alle nur mit Wasser

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