Arzt an Bord

Zu Risiken und Nebenwirkungen…..

Herr Götz oder: wie schnell es gehen kann

4 Kommentare

Herr Götz ist ein 67 jähriger, rüstiger Patient. Eigentlich ist er gesund, wenn da nicht dieses Fieber und das Brennen beim Wasserlassen wären. Seit einigen Tagen geht das nun schon so – und weil das Fieber einfach nicht weniger werden will und zusätzlich Schüttelfrost und allgemeines Unwohlsein hinzutreten, begibt sich Herr Götz in die Notaufnahme der Medizinischen Klinik. Mit der Verdachtsdiagnose eines Harnweginfektes und begleitender Nierenentzündung durch Aufsteigen der Blasenentzündung wird Herr Götz von der diensthabenden Ärztin versorgt.

Zunächst nimmt diese ihm Blut ab, vorsorglich zusätzlich die erste von drei Blutkulturen, um zu sehen, ob im Blut Erreger herumschwimmen, die dort nichts zu suchen haben. Außerdem erhält Herr Götz eine Röntgenaufnahme der Lungen (sog. Röntgen Thorax) – der Befund ist blande, d.h. der Radiologe sieht auf dem Bild nichts Ungewöhnliches, v.a. keine Lungenentzündung, die das Fieber erklären könnte. Da die Nierenwerte erhöht sind, Herr Götz sowieso über Brennen beim Wasserlassen klagt und zudem Schmerzen im Bereich der Nieren hat, wird eine Ultraschalluntersuchung durchgeführt, die keine Veränderungen an den Nieren zu Tage fördert, die Hinweise auf die vermutete Nierenentzündung liefert. Grund für alle erst einmal aufzuatmen und dann mit einer intravenösen Antibiotikatherapie zu beginnen.

Das Wochenende kommt, Herr Götz liegt auf Station, erhält seine Antibiotika direkt in die Vene und zur Kontrolle werden ihm noch zwei weitere Blutkulturen abgenommen. Ergebnisse gibt es frühestens am Montag, da die Kulturen erst bebrühtet werden müssen, bevor etwas wachsen und nachgewiesen werden kann. Weil es Herrn Götz unter dem ersten Antibiotikum noch nicht wieder 100% gut geht, wird die erste Wahl auf ein anderes Antibiotikum umgestellt, das ein breiteres Wirkspektrum vorweist. Darunter verschwindet zum Wochenende das Fieber und Herrn Götz geht es allgemein wieder besser.

Am Montag erreicht uns das erste Ergebnis der Blutkulturen: Nachweis von Sprosspilzen. Pilze in der Blutbahn? Wie kommen die denn dahin? Oder handelt es sich nur um Verunreinigungen (z.b. durch nicht 100% sterile Abnahme)? Eigentlich wollten wir Herrn Götz inzwischen nach Hause lassen, die Antibiotika kann er auch oral daheim nehmen und da es ihm soweit gut zu gehen scheint, sehen wir keinen Grund ihn noch stationär zu halten. Irgendwie kommen uns aber neben dem Ergebnis der Blutkultur die Kontrollwerte nach der morgentlichen Blutabnahme komisch vor: nach wie vor erhöhte Entzündungs- und schlechte Nierenwerte. Wir  werden stutzig. 

Bei der Oberarztvisite fragen wir bei unserem Oberarzt nach, ob wir nicht mit Antipilzmitteln beginnen sollen, jetzt wo in einer von drei Blutkulturen Pilze nachgewiesen seien. Am Montag Abend wird Herrn Götz die erste Infusion angehängt und das Vorhaben der Entlassung rückt in weite Ferne. Stattdessen bemerkt man im Blut plötzlich den Anstieg von Troponin, einem Stoff, der u.a. für Herzinfarkte (aber auch vieles andere) typisch ist.

Herrn Götz geht es am Montag Abend zunehmend schlechter, die diensthabende Ärztin verlegt ihn umgehend auf die Intensivstation. Um seinen Kreislauf aufrecht zu erhalten, benötigt er inzwischen sog. Katecholamine (z.B. Adrenalin). Sein Blutdruck wird schlecht, sein Herz pumpt nicht mehr richtig. Das EKG zeigt zunächst keine Veränderungen, aber im notfallmäßig durchgeführten Röntgen der Brust finden sich plötzlich Zeichen einer atypischen Lungenentzündung, die in den Aufnahmen von vorm Wochenende nicht sichtbar waren.

Herr Götz braucht im Verlauf der Nacht schließlich Sauerstoff über eine Beatmungsmaske und immer höhere Dosen an Katecholaminen für den Kreislauf. Sofort wird zusätzlich eine noch stärkere Antibiose angesetzt….

Um 3 Uhr nachts reißt sich Herr Götz irgendwie die Sauerstoffmaske vom Gesicht und bis die Nachtschwester auf der Intensivstation zu seinem Bett gerannt kommt, ist sein Körper völlig übersäuert (Azidose). Zur Therapie der Übersäuerung werden 12 Flaschen Pufferlösung in den Patienten im Schnelldurchlauf „gekippt“ – eine Menge, die man selten benötigt. Trotzdem wird Herr Götz nicht mehr aus der Übersäuerung kommen und wenige Stunden später auf der Intensivstation versterben.

 

Zwei Tage nach dem Tod sind wir in der Pathologie und bei der Obduktion des verstorbenen Patienten anwesend. Die Obduktion hat stattgefunden und nun werden den behandelnden Ärzten die Organpakete präsentiert. Hierbei finden sich drei auffällige Befunde:

1) die Nieren sind verändert und lassen auf eine  Nierenentzündung schließen, ausgehend z.B. vom Harnwegsinfekt mit dem Herr Götz ins Krankenhaus kam. Das erklärt wohl die schlechten Nierenwerte.
2) in beiden Lungen findet sich eine fulminante Lungenentzündung, die zwar erst histologisch (Gewebeschnitt) gesichert werden wird, aber schon beim Anblick der Lungen stark verdächtig auf eine Lungenentzündung imponiert und die immer noch bestehenden Entzündungswerte erklärt.
3) im Hauptstamm der Herz-versorgenden Kranzgefäße findet sich ein Thrombus, der von einem Gefäßplaque losgelöst worden sein kann. Mit diesem Thrombus war die Blutversorgung des Herzens beinahe erloschen – was im Nachhinein den Anstieg des Troponins sehr gut erklärt.

Es stellt sich natürlich die Frage: hat jemand irgendwo einen Fehler begangen und etwas übersehen? Allein aus der Obduktion haben wir viel lernen können. Die behandelnden Ärzte schauten danach die Akten und Kurven von Herrn Götz nochmals auf Fehler oder Hinweise durch, die ihnen vorher unentdeckt geblieben sind – aber im Endeffekt fiel niemandem ein gröberer Fehler ins Auge. Anscheinend hatte es eine unentdeckte Lungenentzündung gegeben, die montags plötzlich fulminant aufflammte und so rasend schnell verlief, dass jede Behandlung zu spät kam.

Manchmal muss man einfach akzeptieren, dass es eine Zeit für jeden von uns gibt, in der die eigene Zeit abgelaufen zu sein scheint und niemand von außen, so gut er sich auch bemühen und so sehr sich jeder anstrengen mag, helfen kann. Dann siegt allein der Tod. So wie bei unserem Herrn Götz.

– Orthopaedix

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Autor: Orthopaedix

bones and pain

4 Kommentare zu “Herr Götz oder: wie schnell es gehen kann

  1. Traurige Geschichte…
    Die Sache mit den Pilzen habe ich nur nicht ganz verstanden, ich dachte erst beim Lesen – es kommt heraus, dass Herr Götz durch irgendeine „alternative“ Selbstbehandlung des Harnproblems – auf verunreinigte Mittelchen zurückgegriffen hat… Leider lief der Artikel ganz anders ab…

  2. Erschreckend, wie schnell das Ganze gehen kann. Aber toll geschrieben und fachlich kompetent erklärt!

  3. Hm, hat sich die Herkunft der Pilz im Blut noch geklärt? Merkwürdiges Detail…
    AUSSERDEM BIN ICH NEUGIERIG! 😉

    • die Herkunft des Pilzes?

      Unter Chemotherapie wird das Abwehrsystem geschwächt. Deswegen kann der Körper nicht mehr wie beim Gesunden gegen in der Raumluft herumfliegende Pilzsporen/Viren/Bakterien etc erfolgreich vorgehen – und schon hast du eine Pilzinfektion. Diese kann sich dann über die Blutbahn ausbreiten – dann wird es gefährlich.

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