Arzt an Bord

Zu Risiken und Nebenwirkungen…..

Frau Ivanova hat Pech

5 Kommentare

Vor 2 Wochen habe ich euch von einer Patientin aus der Sprechstunde berichtet. Frau Ivanova kam damals zur Befundbesprechung. Man hatte bei ihr einen Tumor des Gebärmutterhalses in weit fortgeschrittenem und aggressivem Stadium diagnostiziert. Die Ausbreitung des Tumors ließ sich in der Bildgebung nicht sicher beurteilen. Also haben wir weiter geforscht und alle Befunde schließlich in der Tumorkonferenz zusammengetragen, um über eine Behandlung zu entscheiden. Was dabei herauskam, möchte ich nun mit euch teilen.

Zuerst einmal stand eine Blasen- und eine Enddarmspiegelung an, um sicher festzustellen, ob der Tumor bereits in eines dieser Organe hineingewachsen war. Um die Patientin nicht unnötig zu quälen, bekam sie dafür eine Vollnarkose. Die gute Nachricht war: Weder Blase noch Enddarm waren vom Krebs befallen. Aber in Narkose, wenn die Patienten entspannt sind, ist eine sehr viel genauere gynäkologische Tastuntersuchung möglich. Und hierbei zeigte sich sogar für meine ungeübten Finger deutlich: Der Tumor war auf einer Seite in die Haltbänder der Gebärmutter in Richtung Eierstock und Eileiter eingewachsen. Also doch nicht lokal begrenzt.

Damit ist eine Operation erstmal vom Tisch. Die Therapie im lokal fortgeschrittenen Stadium beginnt mit einer Bestrahlung. Wenn der Tumor dabei kleiner wird, kann man wieder über eine OP nachdenken. Ein wichtiger Baustein für die weitere Planung ist nun noch die Situation in den Lymphknoten. Hat der Tumor bereits Zellen auf diesem Weg gestreut? Dazu entnimmt man normalerweise mindestens 12 Lymphknoten aus dem entsprechenden Abflussgebiet zur Untersuchung.

Normalerweise. Nun, Frau Ivanova ist kein Normalfall. Sie lebt alleine hier in Deutschland und ihr Visum läuft im Dezember ab, dann muss sie zurück nach Russland. Bis dahin möchte sie die Therapie gerne hinter sich haben, denn die ist in Deutschland deutlich besser als in ihrer Heimat, sagt sie. Aber: Sie ist in Deutschland nicht krankenversichert. Das bedeutet, dass sie die Kosten für alle Behandlungen und Untersuchungen selbst trägt. Eine solche Operation zur Lymphknotenentnahme kostet über 1.000 Euro und damit ist noch überhaupt nichts therapiert. Frau Ivanova sagt, dass sie sich das nicht leisten kann. Eine Operation um die Gebärmutter zu entfernen, wie sie bei einem lokal begrenzten Tumor möglich gewesen wäre, das ist etwas anderes. Das wäre Behandlung und nicht nur Informationsgewinn.

Jetzt bleibt also nur noch die Option der Strahlentherapie, in der Hoffnung, dass der Tumor gut darauf reagiert. Ob sie sich danach eine mögliche Operation noch leisten kann, das weiß sie nicht. Aber irgendetwas muss man ja tun. Jetzt hat sie also erst einmal einen Termin bei den Strahlentherapeuten um dort die Möglichkeiten und vor allem die Kosten zu erfragen. Außerdem steht zur Debatte, ob man die Lymphknoten einfach mitbestrahlen soll, ohne zu wissen, ob sie befallen sind. Das kann aber natürlich auch unangenehme Nebenwirkungen haben. Wir würden ihr wahrscheinlich nicht dazu raten.

Aber am Ende wird die Entscheidung nicht davon abhängen, was am besten ist, sondern davon, was bezahlbar und schnell genug machbar ist. Traurig. OA Michael meint am Ende der Tumorkonferenz: „In den meisten Fällen haben wir so ein großes Angebot an Therapiemöglichkeiten für unsere Patienten. Ich bin es gar nicht gewohnt, dass ich fast nichts anbieten kann. Und dann muss ich bei dem Wenigen auch noch Abstriche machen. Ich weiß gar nicht, wie ich mit der Situation umgehen soll.“ Und wenn das ihm schon so geht…
Mich hat das Schicksal von Frau Ivanova die letzten zwei Wochen nicht losgelassen. Ich hoffe so, dass das mit der Bestrahlung klappt. Und wenn nicht…?

– Spekulantin

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Autor: Spekulantin

Die kochen alle nur mit Wasser

5 Kommentare zu “Frau Ivanova hat Pech

  1. hallo zusammen:)

    euren blog finde ich echt super bin durch medizynicus auf ihn gestossen.
    ich persönlich befasse mich in meiner freizeit nur mit medizin es ist einfach alles so interessant und informativ.
    wenn ich das richtig verstanden hab seid ihr ja mehrer Ärzte im praktischen jahr also noch am anfang

    das schicksal von frau ivanova berührt mich sehr besonders das es wohl an den kosten scheitern wird wenn es schlecht läuft.

    habt ihr ( oder du) noch nicht genügend befugnisse um die regeln zu umgehen mit dem OA beispielsweise? damit meine ich die behandlung übernehmen und quasi die therapie ohne bezahlung durchzuführen?

    würde mich mal interessieren inwie weit das in der realität möglich ist ?

    • Hallo Timo,

      ich fürchte ich muss Servius da zustimmen. Da irgendwas zu tricksen ist nicht so einfach. Denn am Ende muss irgendwer die Kosten ja übernehmen und wenn du sie der Krankenkasse nicht in Rechnung stellen kannst, dann bleibt das also an der Klinik hängen. Die Verwaltung würde wahrscheinlich Amok laufen und man wäre seinen Job schneller los als man schauen kann.
      Aber ich kann total verstehen, dass dir das nahe geht. Ich fand es furchtbar diese kleine Frau da auf ihrem Stuhl sitzen zu sehen und gar nix machen zu können. Besonders – so unprofessionell das auch sein mag – weil ich sie so sympathisch fand. Aber natürlich stellt sich auch die Frage, nach welchen Gesichtspunkten du denn eine Ausnahme rechtfertigen würdest….
      Echt schwierig und ein schlimmes Gefühl so hilflos zu sein.

      Was die Befugnisse angeht: Die haben wir im PJ leider eigentlich zu gar nix. Ich kann ne Nadel legen ohne mich abzusichern, aber schon wenn ich ne Infusion dran stöpsle brauche ich erstmal ein Okay von einem Arzt. Ist ja auch okay so ohne Abschluss und manchmal bin ich echt ganz froh, dass es noch ein bisschen dauert, bis ich die Verwantwortung voll übernehmen muss.

  2. „die Regeln zu umgehen“ dürfte wohl mehr zu einer strafbaren Handlung führen, Stichwort: Untreue ggü. des Krankenhausträgers. Weder Medikamente etc noch Behandlung (Räume, Ausstattung) sind nämlich umsonst….

  3. Hallo zusammen,

    schön das ihr auf meine Frage eingegangen seid 🙂

    Wirklich interessant zu hören was da für ein Rattenschwanz dranhängt an einer Behandlung. Ich meine das war mir vorher zwar auch einigermaßen klar aber wenn man das mal schön hintereinander in einem Text lesen kann, wow. also die ärzte müssen bezahlt werden, das krankenhaus die medikamente, die betten, pflegepersonal, und dann am ende muss die krankenkasse die ganzen vorgestreckten Kosten abbezahlen. Da kann man wirklich nicht tricksen und man sieht das eigentlich alles im Fernsehen, Kino usw. absolut nichts mit der Realität zu tun hat.

    Wo der gute Dr. House einfach mal auf alle Regeln sch… oder Dr. Cox einen Patienten in einer Studie unterbringt das er die richtige Behandlung bekommt da seine KK nicht mitmacht. –Schön zu sehen aber wie ich ja jetzt aus erster Hand erfahren durfte ( danke dafür 🙂 geht das einfach nicht. Entweder bezahlt die KK oder man hat Pech gehabt aber da sind wir schon 100 mal besser als in den USA da ist das Gesundheitssystem ja wirklich kompliziert.

    Ich glaube da hätte ich auch ein Problem mit wenn ich Arzt wäre. Leute aufgeben kann nicht jeder und wenn man dann sieht das man gegen den Verwaltungsapparat absolut keine Chance hat und am Ende vermutlich selbst ohne Job dasteht ( nach 12 hammerharten Semestern!) nunja dann ist man bestimmt auch zwiegespalten.

    Aber einfach Arzt sein und immer so durchs Leben gehen könnte ich auch nicht weil ich seitdem ich mich mit Medizin beschäftige finde das Mediziner zu sein eine Berufung ist und nicht ein Beruf wie Schlosser oder Müllmann.

    Aber ich denke das es genug solcher Fälle gibt und ich denke das meintest du auch damit Spekulantin „Aber natürlich stellt sich auch die Frage, nach welchen Gesichtspunkten du denn eine Ausnahme rechtfertigen würdest….
    Echt schwierig und ein schlimmes Gefühl so hilflos zu sein.“

    Es wäre ja auch unfair bei dem einen Patienten eine Ausnahme zu machen aber bei dem anderen nicht.

    Oh ich hätte tausende Fragen die mir gerade einfallen 😀 da ich einfach aus meinem nähren Bekannten oder Familienkreis niemanden kenne der Medizin studiert hat 🙂

    Macht so weiter euer Blog ist echt spitze

    Liebe Grüße Timo

    • Ich antworte mal eben i.V. für die Spekulantin: wenn du Fragen hast, dann immer her damit – wir freuen uns darüber und auf Fragen von Usern in eigenen Beiträgen einzugehen! Du kannst sie uns z.B. über das Kontaktformular senden, als Kommentar unter die Beiträge stellen oder an unseren Twitteraccount schicken. Wir versuchen dann möglichst rasch und zufriedenstellend deine Fragen zu beantworten! Dafür ist dieses Blog ja auch eine gute Plattform – neben den Erzählungen aus unserem Praktischen Jahr.

      Viel Spaß weiterhin beim Lesen!

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