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Zu Risiken und Nebenwirkungen…..

Arzneimittel der Woche V: Sertralin

12 Kommentare

Sertralin
Zoloft u.a.

Anwendungsgebiet

Sertralin wird als ein stark wirksames Antidepressivum angewandt bei der Behandlung von Depressionen, dem Borderline-Syndrom, Zwangsstörungen, Panikattacken und Post-Traumatischer-Belastungs-Störung (PTBS, engl. PTSD)

Wirkung & Mechanismus

Sertralin gehört zur Gruppe der sog. SSRI: „selektive Serotonin-Reuptake-Inhibitoren“. D.h. Sertralin hemmt selektiv die Rückaufnahme des Botenstoffs Serotonin in die Zellen (v.a. Nervenzellen des Gehirns).

Depressionen werden durch eine Verminderung von bestimmten Botenstoffen in den Übertragungsspalten zwischen den Nerven des Gehirns hervorgerufen. Dieser Mangel an benötigen Botenstoffen führt zum klinischen Bild der Depression mit vermindertem Antrieb und einer gestörten – meist negativ eingetrübten – Stimmung. Bei den beteiligten Botenstoffen handelt es sich u.a. um Noradrenalin (eine Form des Adrenalins) und Serotonin.

Der therapeutische Ansatz zur Behandlung der Depressionen und andere Krankheiten, die mit der Verminderung der Botenstoffe einhergehen, ist eine künstliche Erhöhung bzw. Normalisierung der Konzentration der entsprechenden Stoffe zu erreichen. Dies erreicht man, indem man Transporter in den Nervenzellen, die für die Wiederaufnahme des ausgeschütteten Botenstoffs in die Nervenzelle zuständig sind, hemmt und somit die Wiederaufnahme vermindert. Dadurch steigt die Konzentration des ausgeschütteten Botenstoffes (v.a. Serotonin) außerhalb der Zellen – durch die erhöhte Konzentration kann die Übertragung der Nervenimpulse wieder besser über den sog. synaptischen Spalt (der Raum zwischen zwei Nervenzellen) übertragen werden und die klinische Symptomatik bessert sich.

Sertralin wirkt zuerst antriebssteigernd und erst mit einer Verzögerung stimmungsaufhellend (wichtig für die Gegenanzeigen, s.u.).

Exkurs Botenstoff Serotonin: 
Serotonin kommt im menschlichen Körper nicht nur im Gehirn und den Nervenzellen vor, sondern auch im Darm und den Blutplättchen, die für die Blutgerinnung zuständig sind. Es hat vielerlei Aufgaben: Serotonin ist u.a. zuständig für die Schmerzempfindung, die Gedächtnisleistung, die Steuerung von Schlaf, Ess- und Sexualverhalten sowie der Wärmeregulation des Körpers. Außerdem reguliert es emotionale Prozesse wie Angst und Aggression.
Mit diesen Aufgabenbereichen lässt sich die Symptomatik einer Depression leichter verstehen: kommt es zu einem Abfall der Konzentration an Serotonin geraten alle Prozesse, die durch den Botenstoff reguliert werden, aus dem Gleichgewicht – es kommt zu Angst, Vermehrung von Schlafbedürfnis und Schmerzempfindung, Abfall der Libido sowie gestörter Wärmeregulation und Gedächtnisleistung.

Nebenwirkungen

Die Nebenwirkungen von Sertralin erklären sich teilweise aus der Wirkungsweise von Serotonin, dessen Konzentration gesteigert wird. Es kommt zu Schlaflosigkeit, Unruhe, Übelkeit, Schwindel. Durch die Wirkung von Serotonin auf die Blutplättchen und deren gerinnungshemmender Funktion kann es zu Blutungen kommen. Außerdem tritt Appetitlosigkeit, Sexualstörungen und Mundtrockenheit auf.

Gefährliche Nebenwirkung bei Überdosierung ist das Serotonin-Syndrom: durch übermäßige Erhöhung des Serotoninspiegels im Gehirn kommt es zu Übelkeit, Durchfall, Schwitzen, Erbrechen, Tremor („Zittern“), Desorientierheit und Verwirrtheit. Die Reflexe sind pathologisch gesteigert, es kann zu Krampfanfällen und Eintrübung des Bewusstsseins bis hin zum Koma kommen. Das Serotonin-Syndrom ist lebensbedrohlich und muss auf der Intensivstation behandelt werden!

Gegenanzeigen

Sertralin darf wegen seiner zunächst antriebssteigernden Wirkung vor Einsetzen der stimmungsaufhellenden Wirkung nicht bei Patienten mit Suizidgedanken eingesetzt werden (da diese in ihrer depressiven Stimmung Antrieb erhalten, um ihre Suizidgedanken umzusetzen). Sertralin darf nicht mit anderen Medikamenten kombiniert werden, die ebenfalls eine Steigerung der Serotoninkonzentration hervorrufen, da hier die Gefahr eines Serotonin-Syndroms steigt (bspw. andere Antidepressiva) . Während der Schwangerschaft sollte Sertralin nicht gegeben werden, wenngleich eine fruchtschädigende Wirkung bisher nicht nachgewiesen wurde.

 

Zu Risiken und Nebenwirkungen essen Sie die Packungsbeilage, oder tragen Sie Ihren Arzt zum Apotheker. Diese Information ersetzt keinen Arztbesuch und erhebt keinen Anspruch auf  Richtigkeit oder/und Vollständigkeit.

>> Auf Wunsch von frau k. (hier)

Derzeit überlegen wir uns, ob die nächsten „Arzneimittel der Woche“ ab sofort in zweiwöchigem Abstand (im Wechsel mit der „Krankheit der Woche“ erscheinen sollen. Was meint ihr dazu?

– Orthopaedix

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Autor: Orthopaedix

bones and pain

12 Kommentare zu “Arzneimittel der Woche V: Sertralin

  1. Kann man das nicht verbinden? Also Krankheit der Woche inklusive dem dazugehörigen Medikament? Übringes großes Lob, superverständlich und sehr interessant 😉

    • Wenn wir das verbinden und in einen Beitrag packen, wird dieser wohl ein wenig zu lange. Außerdem gibt es leider nicht für alle vorgestellten Krankheiten (siehe das letzte: Dorian Gray-Syndrom) passende Medikamente…. :/
      Aktuell tendieren wir eher dazu im Wochenwechsel die Krankheit und in ein Medikament vorzustellen, sollten uns oder euch die wöchentlichen Updates auf die Nerven gehen 🙂 (bzw. zu viel Zeit kosten)

      Danke für das Lob!

  2. abwechselnd find ich gut! sertralin ist super und ich hab auch keine fremdwörter gefunden. ich würde noch erwähnen, dass das serotonin-syndrom auftreten kann, wenn man gleichzeitig ein anderes ssri nimmt. und dass auch johanniskraut diese wirkung haben kann. viele pat. denken, ach is ja pflanzlich – kann aber bei hoher dosierung und einem chemischen ssri obendrauf in die hose gehen.

    was noch ganz gut wäre, aber vielleicht bin ich da zu pingelig: es gibt kurzfristige nebenwirkungen am anfang (magen-darm etc.), die nach einer gewöhnung meist verschwinden. man sollte also durchhalten.

    super find ich, dass das „bauchhirn“ seinen platz gefunden hat.

    • vielen Dank für die weiterführenden Anmerkungen – es scheint, du hast damit Erfahrung und kannst aus eigenem Wissen schöpfen. Das toppt natürlich jedes Lehrbuch. Gerade in Bezug auf die anfänglichen Magen-Darm-Probleme!

      Ja, Johanniskraut ist ganz böse, weil es mit vielen Medikamenten interagiert und deren Wirkung herabsetzt. Obwohl „nur“ pflanzlich. Vielleicht sollte man darüber auch mal einen Artikel verfassen… *überleg*

  3. eigene erfahrung und erfahrung mit patienten von früher. johanniskraut ist auf jeden fall einen beitrag wert! pflanzlich kann ebenso gut eine wirkung haben. bei ner kleinen verstimmung mal 900mg johannik. einzuwerfen über ne länger zeit ohne den dr. u fragen. bedenklich…

    • ich schaue, was ich machen kann und schreibe Johanniskraut mal auf die ToDo-Liste 🙂 V.a. das Verschweigen gegenüber dem Arzt (sei es mutwillig oder aus Versehen) ist bedenklich, weil dann die angesetzten Therapien beeinflusst werden und niemand weiß, warum sie nicht wirken oder nur vermindert ihre Wirkung zeigen.

    • vergessen: am anfang magen-darm und verstärkt panikattacken, absurd eigentlich, wenn man es gegen genau diese nimmt. compliance ist dann bei manchen pats schlecht, weil: oje, es geht mir ja viiiiel schlechter. böses psycho-mittel!. deswegen wird manchmal am anfang noch tavor mit aufgeschrieben… huch, jetzt wird’s hier aber sehr psychiatrisch.

      eigene erfahrungen hätte ich auch für cortison zu bieten. das böseböseböse mittel, dass aber eigentlich ganz schön beeindruckend vielseitig und hilffreich sein kann.

  4. Ach ja, Sertralin… damit probiere ich es im Moment. Ich musste gerade grinsen, als ich den Artikel hier entdeckt habe 🙂 Meine Äußerungen dazu sind definitiv weniger sachlich, so als bekennender Nebenwirkungsmagnet habe ich gerade echt „Freude“ an dem Zeug, Tendenz schlimmer werdend auch nach 1,5 Wochen noch. Aber man ist ja geduldig, Citalopram war immerhin noch schlimmer…

  5. Also ich weiß ja nicht … „stark wirksames Antidepressivum“ — so wahnsinnig wirkstark (statistisch effektstark) ist keines der verfügbaren Antidepressiva, seien es nun ein MAOI, Trizyklische Antidepressiva, NaSSA, SSRI oder (S)SNRI. Jedenfalls wenn man sich an die einschlägigen Meta-Analysen hält. Und Sertralin halte ich — es sei denn, der Patient hat bei vorangegangenen depressiven Episoden gut darauf angesprochen — nicht mehr für ein Medikament der ersten Wahl.

    Eine ganz nette Übersicht hat Psychiatrie to go: http://psychiatrietogo.wordpress.com/2012/02/11/welches-antidepressivum-gebe-ich-wem/

  6. Pingback: Arzneimittel der Woche VI: Ritalin « Arzt an Bord

  7. Es ist auf jeden Fall wirklich sehr schön erklärt, auch welche fatalen (!) Nebenwirkungen das haben kann. Was mich erst gewundert hat, als ich hier über diesen tollen Blog gestolpert bin, dachte ich, dass sei so wie in einem Restaurant oder so, also das das Medikament der Woche im Angebot sei. Und da hab ich mich dann schon gewundert. Aber zum Glück war es ja nicht so, sondern eine tolle Vorstellung. Respekt!

    • danke für deinen Kommentar und willkommen im Blog 🙂

      Wir bieten hier keine Arzneimittel an und da wir von keinem Pharmavertreter gesponsort oder beeinflusst werden, können wir ganz normal, unvoreingenommen (und kritisch?) über die Wirkstoffe berichten. 🙂

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