Arzt an Bord

Zu Risiken und Nebenwirkungen…..

Abschied

2 Kommentare

„68 jähriger Patient, Metastasiertes Bronchialcarcinom, extended disease, ED 2008; Metastasen in Leber und Niere; aktuell Pneumonie mit Fieber, Husten und Dyspnoe, AZ Verschlechterung, Gewichtsabnahme. „

So klang die medizinische Diagnose. Präzise formuliert. Strukturiert gehalten. Eindeutig. Und irgendwie hart. Unmenschlich. Erschütternd.

Herrn Klebs ging es wahrlich nicht gut, als er über die Notaufnahme zu uns auf Station gebracht wurde. Er sah erbärmlich aus, abgemagert, gezeichnet von seinem Krebsleiden, kurzatmig. Dazu nassgeschwitzt und fiebrig. Auf dem Boden seines bestehenden Krebsleidens keine gute Kombi, die er sich ausgesucht hatte. Irgendwie war uns allen klar, dass er einen sehr schmalen Grad zwischen Leben und Sterben beschreiten würde. Nur der Ausgang war offen.

Im Verlauf des stationären Aufenthaltes gab es immer wieder Tage, an denen es Herrn Klebs besser ging und man morgens bei der Blutabnahme dachte, dass er sich wohl für die Seite des Lebens entschieden hatte. Das Atmen fiel ihm leichter, er klarte geistig auf, das Fieber schien unter Kontrolle und die Blutwerte wurden besser. Normal nicht, aber besser. Grund zum Aufatmen – und den ein oder anderen auflockernden Spruch bei der Visite.

Dann aber kamen Tage, da betrat man morgens das Zimmer und Herr Klebs öffnete nicht einmal die Augen, so schlecht ging es ihm. An der Bettkante seine Frau, eingesunken, traurig dreinblickend und mitfühlend. Sie sah einsam aus, hatte niemanden, der sie in den Arm nehmen konnte und ihr die Kraft gab mit dem Zustand ihres Mannes umzugehen. Sie versuchte ihr Bestes ihn zu umsorgen und seine Nöte zu erkennen und zu beheben. Trinken hier, Kissen dort. Behilflich sein wollte sie, sogar bei der Blutabnahme. Sie schien sich bewusst, dass ihr Mann den Kampf um das Überleben eventuell verlieren könnte.

Am Ende der ersten Woche auf Station verschlechterte sich der Zustand ihres Mannes rapide. Ein Gespräch mit ihm zu führen war nicht mehr möglich, er trübte zunehmend ein, bekam schlecht Luft und benötigte Sauerstoff . Seine erwachsenen Kinder eilten herbei. Eigentlich war für das Wochenende geplant, dass Herr Klebs einen Tag Stationsurlaub nehmen durfte, um bei der Hochzeit seiner Tochter mitfeiern zu können – zumindest um kurzzeitig dort vorbei zu schauen und die Braut im weißen Brautkleid zu bewundern. Doch freitags war daran nicht mehr zu denken. Stattdessen schien Herr Klebs in die präfinale Phase seines Kampfes einzutreten und gegen seinen Krebs und die Infektion zu verlieren.

Mit verweinten Augen baten Sohn und Mutter um ein Gespräch mit dem Chef, der ihnen dazu riet, langsam Abschied zu nehmen, da die Situation sehr ernst sei. Schmerzen müsse Herr Klebs nie leiden – das war allen ein wichtiges Anliegen. Er bekam Morphin, was jeglichen Schmerz ausschaltete – aber gleichzeitig in diesen Dosen auch die Atmung beeinträchtigt. Bei einer Lungenentzündung keine gute Kombination. Aber außergewöhnliche Umstände verlangen Menschlichkeit und kein Festhalten an klinischen Therapieschemata. Herr Klebs sollte in Frieden einschlafen dürfen, wenn seine Zeit gekommen war.

Noch stand aber die Hochzeit im Raum. Einen Besuch vor Ort wollte man Herrn Klebs und der Festgesellschaft nicht zumuten. Sein Zustand hätte es nicht mehr erlaubt. Auf Anraten des Chefs entschloss man sich, dass das Brautpaar am Hochzeitstag eine Stippvisite im Krankenhaus unternehmen solle – schon allein, um sich nicht vorwerfen zu müssen, man habe den Vater im Krankenhaus vergessen als er es am dringendsten nötig gehabt hätte und er hätte seine Tochter nicht mehr im Brautkleid sehen können. Eine schwere Situation für alle Seiten – die Stimmung bei der Hochzeit kann nicht gut gewesen sein, mit dem Wissen, dass der Brautvater nur noch wenige Stunden zu leben hat.

Am Abend vor der Hochzeit meinte Herr Klebs zu seiner am Bett sitzenden Frau: „Ich darf noch nicht gehen. Nicht, bevor sie geheiratet haben“. Das Brautpaar kam am folgenden Tag und Herr Klebs klarte in dieser Zeit überraschenderweise soweit auf, dass er sich für das Brautpaar freuen konnte. Für beide Seiten muss das ein schönes Erlebnis gewesen sein.

Einige Stunden nach dem Ende des Hochzeitstag hatte sich der Zustand von Herrn Klebs drastisch verschlechtert. Beinahe als ob er mit dem Sterben warten wollte, bis die Feierei beendet war und niemand durch seinen Tod in der Stimmung gedrückt werden würde. Seine Atmung ging nur noch schleppend und wurde zunehmend seltener, auf äußere Reize reagierte er immer weniger. Die Familie versammelte sich an seinem Bett, zündete eine Kerze an und stellte sie unter das Kreuz an der Wand. Alle versuchten mit der Situation zurecht zu kommen und ihren Ehemann und Vater in Ruhe und Frieden gehen zu lassen. Er hatte vieles mitgemacht und durchlitten. Er hatte seine Tochter in weiß erleben dürfen. Es war Zeit für ihn.

Drei Stunden nach der morgentlichen Visite und rund 11 Stunden nach dem Ende der Hochzeit schlief Herr Klebs friedlich im Kreise der Familie ein.

Er war erlöst worden.

Die Kerze unter dem Kreuz brannte noch viele Stunden weiter.

– Orthopaedix

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Autor: Orthopaedix

bones and pain

2 Kommentare zu “Abschied

  1. Pingback: das erste Mal…. Leichenschau « LifeReport

  2. Wow, das ist schon heftig, wie das Schicksal manchmal spielt. Und auch wahrlich nicht schön für alle, ausgerechnet im Umkreis der Hochzeit.
    Aber ich finde es toll, dass ihr diese Geschichten hier schreibt, so bekommt man wirklich einen Eindruck vom Geschehen im Krankenhaus.

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