Arzt an Bord

Zu Risiken und Nebenwirkungen…..

Ich habe einen Trokar gehalten

Ein Kommentar

Ganz ehrlich: Manchmal frage ich mich wirklich, wie ICH eigentlich in der Frauenheilkunde landen konnte. Ich habe die 6 Jahre meines Studiums damit verbracht, allen zu erzählen, dass ich NIE im Leben Chirurgin werde. Und vor dem Chirurgie-Tertial graut es mir jetzt schon. Nur: Gyn ist eben auch Chirurgie. Das ist mir erst so richtig bewusst geworden, als meine Vorgängerin mir am ersten Tag erzählte, dass sie etwa 80% ihrer Zeit im OP zugebracht hat. Da musste ich dann doch ein bisschen schlucken. Denn von dem Abläufen am Tisch habe ich keine Ahnung, darum habe ich mich 12 Semester lang ziemlich erfolgreich gedrückt. Immerhin hatte ich mal ein paar Platzwunden genäht…

Der erste Tag im OP war dann auch erwartungsgemäß Frust und Stress pur. Das mit dem sterilen Einwaschen und Ankleiden hat ja noch halbwegs geklappt. Wenigstens etwas ist aus dem Chirurgie-Kurs im letzten Semester hängen geblieben. Am Tisch war die Freude allerdings schnell vorbei. Wie bitte hält man einen Haken spitzenbetont?! Ich bin ja schon überfordert damit ihn überhaupt so zu halten, dass er nicht verrutscht. Das ist wirklich nicht so leicht, wenn man sich dazu halb über dem Patienten lehnt und mit einer Hand unter dem Arm des Operateurs durchgreift um den Haken von sich weg zu ziehen. Überhaupt ist Assistieren häufig das reinste Schlangenmenschendasein und ein oder zwei Hände mehr wären echt hilfreich. Und leider ist die Stimmung im OP meistens sehr angespannt. Sogar unser überaus korrekter Chefarzt fängt irgendwann während der OP stets an alle zu duzen. Manchmal frage ich mich, ob er das überhaupt merkt. Die Konzentration ist einfach hoch und irgendwo geht es ja immer um Leben und Tod. Wenn der Tumor nicht ganz entfernt ist, wenn es anfängt nachzubluten,… alles nicht so schön. Da bleibt meistens wenig Geduld für Fehler und für mich gabs ein paar ungehaltene Ermahnungen.

Aber es kam noch besser: Die restliche Woche haben wir keine Brüste operiert, sondern Gebärmuttern. DAS ist wirklich unangenehm. Nicht nur weil es oft unglaublich viel blutet, sondern vor allem, weil eigentlich überhaupt kein Platz für alle ist, die da irgendwie mitwerkeln. Legt euch mal auf den Rücken, stellt die Füße auf und lasst die Knie so weit wie möglich auseinander fallen. Dann messt den Abstand zwischen euren Knien. (Möglichst ohne euch was zu brechen bitte!) Bei mir sind das etwa 68 cm. Und dann stellt auch vor, wie da 3 Leute dazwischen passen sollen. Und wie sich dabei alle 6 Hände in der Mitte treffen. Habt ihr in etwa eine Idee, wie unbequem das ist? Die OP dauert je nach Routine des Operateurs 2 bis 3 Stunden. Da war ich doch wirklich froh, als ich gelernt habe, dass man das auch mit einer Bauchspiegelung operieren kann. Auch wenn meine Aufgabe dann 2 Stunden lang darin bestand die Trokare festzuhalten. Das sind die Röhren, durch die die Instrumente in den Bauchraum eingeführt werden. Keine sehr anspruchsvolle Aufgabe und im abgedunkelten OP-Saal eine herrliche Einladung zum Einschlafen.

Doch dann wurde es tatsächlich besser: Die zweite Woche begann damit, dass ich endlich mal ein paar Stiche nähen durfte und zum ersten Mal hatte ich das Gefühl etwas zu können. Das hat beflügelt und als mich der nächste Arzt gefragt hat, ob ich mich denn mit Drainagen auskenne, habe ich einfach mal „Ja“ gesagt. Und prompt hatte ich das Ding in der Hand. Am Ende habe ich die Drainage gestochen, festgenäht und den kompletten Wundverschluss gemacht. Noch nie in meinem Leben haben meine Finger so gezittert. Ist gar nicht so einfach einen Nadel wieder festzuklemmen, wenn die beiden Hände nicht so recht zusammenarbeiten wollen. Aber es wurde mit jedem Mal besser. Und als der Chef am Ende der Woche mit den Worten vom Tisch abgetreten ist „Okay, Sie machen das zu, ich muss in die Sprechstunde.“ und schwupps war er aus dem Saal… Wow, super Gefühl!

Und: Man gewinnt irgendwann einen Überblick über den Ablauf der OPs. Am Anfang habe ich sie gehasst, die Gebärmutterentfernungen mittels Bauchspiegelung. Das heißt für mich: 3 Stunden sitzen und mit aller Kraft gegen eine eher unhandliche Vorrichtung drücken, die die Gebärmutter in den Bauchraum schiebt. Danach hilft eigentlich nur noch eine Dusche. Aber nach dem dritten Mal fängt man an zu verstehen, wann man in welche Richtung drücken und drehen muss und wie man es dem Operateur leichter machen kann. Und so durfte ich am Freitag zur Belohnung am Schluss der OP den Platz wechseln und die Kamera führen. Und zum ersten Mal habe ich mich über eine neue Herausforderung gefreut anstatt ein bisschen panisch zu werden. Obwohl es tatsächlich ziemlicher Murks war, was ich da getan habe. Ist aber auch wirklich nicht leicht mit einem 2D-Bild im 3D-Raum zu manövrieren, wenn man eine gerade Stange hat, an deren Ende eine drehbare Kamera in einem Winkel von 30° angebracht ist. Ich verlaufe mich ja schon manchmal in meiner eigenen Stadt. Und jedes Anstoßen wird gnadenlos mit verschmierter Optik bestraft.

Und trotzdem: Nach 2 Wochen fange ich bereits an den OP zu mögen. Man hat eine klare Aufgabe und steht nicht daneben und fühlt sich hilflos. Und man hat Erfolgserlebnisse. Es sind kleine Dinge, die ich bisher gelernt habe, aber genau deshalb kann man sie nach 3 Wiederholungen auch schon relativ sicher. Und es sind ganz praktische Fertigkeiten, die erstmal wenig Hintergundwissen erfordern (solange man sich noch nicht selbst den Weg durch die Anatomie des OP-Gebiets suchen muss). Das ist eine nette Abwechslung zum Bücherstudium der letzten Jahre.
Aber keine Sorge, ich werde trotzdem vorerst doch keine Chirurgin. Dazu sind mir die Patienten immer noch ein bisschen zu stumm im OP.

– Spekulantin

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Autor: Spekulantin

Die kochen alle nur mit Wasser

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