Arzt an Bord

Zu Risiken und Nebenwirkungen…..

Kontrast

2 Kommentare

Ich betrete das Zimmer 15. Ein Dreibettzimmer. Blutabnahmen stehen an.

Durch die großen Fenster des Zimmers blicke ich nach draußen. Nebenbei ziehe ich meine Spritzen mit Kochsalz auf, um Blut aus den Ports der Patienten im Zimmer abnehmen zu können. Draußen schönster Sommer. Sonne. Wärme. Gemütlichkeit. Auf der Straße tobt das Leben.
Die Schüler der gegenüberliegenden Schule laufen mit ihren Rucksäcken über die Straße, spielen Fangen, rufen und schreien. Haben Spaß und genießen ihr Leben. Ein Bus fährt vorbei. Die Fahrgäste auf dem Weg zum Meeting, zur Arbeit, zu lieben Bekannten und Freunden oder nach Hause. Ein Taxi lädt einen wartenden Patienten des Krankenhauses ein, um ihn nach der Entlassung nach Hause zu bringen. Patienten sitzen auf der Parkbank und genießen die vielleicht letzten warmen Sonnenstrahlen des Sommers. Studenten in weißen Kitteln hetzen über den Hof zu ihrem Seminar. Das Leben tobt und jeder schwimmt in seiner Bahn dahin.

Im Zimmer liegen drei Patienten und warten auf meine Blutabnahme. Keine Spur von Glück. Keine Hoffnung. In ihnen tobt der Krebs, wüten Tumorzellen, übernehmen die Herrschaft über die zerbrechlichen und geschwächten Körper. Ausgemergelt, kraftlos, erschöpft liegen sie da. Jeder der drei weiß, dass es sein letzter Sommer sein wird. Den nächsten Sommer wird der Krebs ihm nicht mehr zugestehen. Vielleicht nicht einmal mehr das nächste Weihnachten. Im Klinikjargon nennt sich die Situation hart „austherapiert“.

Ein Hospizplatz ist beim ersten Patienten bereits angemeldet, eine Familie gibt es nicht. Er wird die letzten Wochen seines kurzen Lebens alleine verbringen müssen – zumindest umsorgt von liebem Pflegerpersonal und Seelsorgern des Hospizes.
Der zweite Patient wird liebevoll von seiner Frau versorgt. Ob sie sich bewusst ist, dass er nicht mehr lange bei ihr sein wird? Ob sie es verdrängt? Wer weiß, wie lange sie verheiratet sind. Hoffentlich genießt sie die letzten Momente mit ihm.
Der dritte Patient ist zum wiederholten Mal in der Klinik. Auch er ausgemergelt und gezeichnet von seinem Krebsleiden. Mehrfach behandelt, eine Stent-„Schiene“ in der Luftröhre, damit er überhaupt noch essen und atmen kann. Wegen seiner Schmerzen benötigt er bereits eine Dauerinfusion mit Morphin. Eine Chemo- oder Strahlentherapie wird ihm nicht mehr helfen, eine Operation kommt aufgrund des fortgeschrittenen, metastasierten und mehrfach rezidivierten Tumors nicht mehr in Frage.

In diesem Zimmer fühle ich mich schlecht. Ich siehe das Leid, ich spüre die Schmerzen beinahe am eigenen Leib. Es wird mir bewusst, dass ich diese Patienten in sechs Monaten wohl nicht mehr sehen werde, weil sie an ihrem Krebsleiden erlegen sein werden. Dieses Wissen macht mich traurig. Und betroffen. Es sind drei nette Patienten, mit denen ich bei der Blutabnahme gerne ein oder zwei saloppe Worte wechseln kann.
Ist es nicht unfair, dass man selbst das Zimmer verlassen kann, die weiße Klinikkleidung und den Kittel ablegt, in seine Klamotten wechselt und in das Leben außerhalb der Klinik und vor dem Fenster entschwindet?

Ich schaue weiter durch die Fenster. In die brodelnde Welt.
In das Glück.
In den Spaß.
In den Lauf der Zeit, Sommer, Herbst, Winter, Frühling.
Ein Jahr kommt und geht.

Irgendwie werden manche Dinge unwichtig und andere dafür um so wichtiger.

Dann ist meine Spritze aufgezogen und ich wende mich dem ersten Patienten zu.

– Orthopaedix

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Autor: Orthopaedix

bones and pain

2 Kommentare zu “Kontrast

  1. Hallo Orthopaedix,

    danke fürs Teilen Eurer Erfahrungen im Praktischen Jahr.
    Bin heute Morgen über Medizynicus hierher gekommen und wollte mal „auf gut Glück“ in einen Eurer Beiträge reinlesen…

    Dabei bin ich bei „Kontrast“ gelandet. Macht mich eigentlich fast sprachlos – aber ohne ein Dankeschön fürs Gedankenanschubsen will ich jetzt nicht wieder raus.

    Ich wünsche Euch PJlern, dass Ihr mitfühlend bleibt und trotzdem die nötige Distanz für Euch selbst findet.

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