Arzt an Bord

Zu Risiken und Nebenwirkungen…..

Arzt an Bord?!

Hinterlasse einen Kommentar

Jeder Medizinstudent kennt sie, die große Heldenstory unserer Profession. Sie handelt von einem Kugelschreiber, einem Luftballon, 38.000 Fuß Höhe über NN und einem beherzten Arzt, der ein Leben rettet. Mit einem Kugelschreiber und einem Luftballon. In 39.000 Fuß Höhe. Immer mal wieder wird sie uns in einer Vorlesung oder einem Seminar erzählt und wir sitzen da und wünschen uns heimlich auch einmal ein solcher Held zu sein – und büffeln weiter.

Und dann kam er endlich, unser großer Auftritt. Vor zwei Wochen, auf dem Flug in den Urlaub. Irgendwo auf halber Strecke zwischen Stuttgart und Antalya bricht einige Reihen hinter mir und Orthopaedix ein Mann in seinem Sitz zusammen. Es bricht ein bisschen Panik aus und die kleine Tochter des unbekannten Patienten kreischt: „Hilfe! Wir brauchen einen Arzt, wir brauchen einen Arzt!“ Keine Minute später wird der Aufruf auch über den Bordlautsprecher wiederholt.

Wir sehen uns an. Jetzt haben wir ein bisschen Panik. Was sollen wir tun? Uns melden? Immerhin haben wir jetzt 10 Semester lange Medizin studiert. Irgendwie sind wir sogar fertig, denn bis das PJ beginnt sind es nur noch zwei Wochen. Und dann ist das doch genau unser Job: Menschen zu helfen. Aber statt wagemutig einen Kugelschreiber zu greifen, sind wir fast ein bisschen gelähmt.

Der Mann scheint fraglich bei Bewusstsein zu sein, ist blass und hat Schaum vor dem Mund. Wir überlegen, was denn überhaupt die Ursache sein könnte. Herzinfarkt? Lungenembolie? Unterzucker? Eigentlich haben wir keine Ahnung. Natürlich haben wir das alles mal gelernt, Erste Hilfe Kurs und sogar ein Fach namens „Notfallmedizin“ besucht. Wir sind bestens gerüstet, können Puppen intubieren und Unfallopfer aus ihren Wagen befreien. Nur – was hilft uns das jetzt? Wir haben keine Ausrüstung und irgendwie haben wir vor allem keine Ahnung. Es ist ein ganz furchtbares Gefühl. So hilflos und überfordert habe ich mich in keiner Vorlesung, in keiner Prüfung und auch in keinem medizinischen Praktikum gefühlt. Aber das hier ist das wahre Leben.

Es ist immer noch niemand aufgestanden um seine Hilfe anzubieten. Nur die Familie und zwei Flugbegleiterinnen haben sich um den Mann versammelt. Seine kleine Tochter sitzt eine Reihe davor, hat die Augen zusammengekniffen und presst beide Hände fest auf die Kopfhörer in ihren Ohren. Irgendetwas müssen wir tun! Wir zählen uns gegenseitig ein paar mögliche Untersuchungen auf. Puls, Blutdruck messen, atmet der Patient überhaupt? Vielleicht den Blutzucker bestimmen. Pupillen,…. Weiter kommen wir nicht. Und überhaupt: Was sagt uns das denn? Wieder dieses ungute Gefühl der Hilflosigkeit. Vor allem weil wir es ja gar nicht sein dürften.

Am Ende haben wir uns nicht gemeldet. Eine Krankenschwestern hat es getan und dem bald wieder wachen Patienten die Kotztüten gehalten und den Puls gefühlt. Das hätten wir doch eigentlich auch gekonnt. Und so haben wir uns im Urlaub immer wieder mit einem schlechte Gewissen gequält. In der Sonne am Strand war es auch viel klarer, dass es ja überhaupt nicht darauf angekommen wäre, WAS wir tun und ob wir es lehrbuchgetreu tun. Gar nichts zu tun ist immer noch die schlechteste Hilfe. Wir haben uns fest vorgenommen es anders zu machen, das nächste Mal. Auch wenn wir nicht heldenhaft ein Leben retten.

Aber unser Blog „Helden in Weiß“ zu nennen, das konnten wir nicht mehr vertreten. Als die Idee dazu also irgendwo zwischen Meer, Pool und Sonnenliege geboren wurde, kam uns bei der Namenssuche das Erlebte sofort wieder in den Sinn. Und es stimmt ja; wir sind jetzt die neuen Fast-Ärzte an Bord unserer PJ-Kliniken und machen unsere ersten unsicheren Gehversuche in der Welt der echten Medizin. Wir werden auch das lernen und irgendwann tragen wir „Arzt an Bord!“ nicht mehr als Warnung auf dem Rücken, sondern stolz als Schild auf der Brust, wenn sie bei einem Flug mal wieder nach einem „Arzt an Bord?“ fragen. Dann werden wir euch auch davon berichten.

-Spekulantin

Advertisements

Autor: Spekulantin

Die kochen alle nur mit Wasser

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s